Christof Müller, Jahrgang 1961, ehemals Dozent für Wirtschaftskriminalistik an der Universität St. Gallen (HSG), baute bei der Schweizer Niederlassung der Revisionsfirma Pricewaterhouse Coopers die Abteilung «Forensic Investigations» auf. Vor drei Jahren machte er sich mit seiner Gesellschaft CMC Christof Müller Consulting in St. Gallen selbstständig. Er berät Firmen und Behörden.

Beobachter: Herr Müller, rund um die Euroumstellung malen Sie schwarz. Dient das Ihrem Geschäft als Experte in Sachen Wirtschaftskriminalität?

Christof Müller: Wer vor den Grippeviren warnt, ist kein Schwarzmaler. Es ist doch die Pflicht von Experten, auf Risiken hinzuweisen. Durch die Umstellung der Währung von zwölf Staaten bieten sich Chancen für illegale Akteure. So wird in dem zu erwartenden Tohuwabohu auch vermehrt Geld gewaschen werden.

Beobachter: Warum gehen Sie von einem Tohuwabohu aus?

Müller: Innert zweier Monate in einigen Staaten sogar noch schneller müssen zwölf nationale Währungen in Milliardenhöhe physisch umgetauscht werden. Es wird zu Überlastungen und grossen Warteschlangen an Bankschaltern und im Einzelhandel kommen trotz Urlaubssperren. Wechselgeld dürfte vielerorts knapp werden. Und bis alle Geldautomaten so eingestellt sind, dass sie die unterschiedliche Druckqualität der in jedem EU-Land selber hergestellten Banknoten und 96 unterschiedliche Münzen akzeptieren, sind Probleme programmiert.

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Beobachter: Trifft Ihre Prognose ein, wird das Bankpersonal auch kaum Zeit zum Notencheck haben. Wer trägt den Schaden, wenn Falschgeld angenommen wird?

Müller: Salopp gesagt: Den Letzten beissen die Hunde. Wer Falschgeld in der Hand hält, trägt das Risiko und hat den Schaden. Reicht er das Falschgeld wissentlich weiter, macht er sich strafbar. Während in allen Eurostaaten breit über die neue Währung und ihre Sicherheitsmerkmale orientiert wird, ist die Schweiz dafür wenig sensibilisiert. Dabei dürfte der Euro bald unsere Parallelwährung sein.

Beobachter: Erwarten Sie vermehrt Falschgeld in den nächsten Monaten?

Müller: Es geht in der ersten Phase wohl weniger um falsche Euros, sondern eher um Blüten der alten Währungen. Deutsche Experten gehen davon aus, dass für den Doppelwährungszeitraum sogar noch extra Quantitäten produziert werden. Alle Blüten müssen aber bis spätestens Ende Februar abgesetzt sein, denn nachher kann gemäss gesetzlichen Vorschriften im Eurowährungsraum nur noch bei den jeweiligen Zentralbankenfilialen gewechselt werden. Dies wird aber auch dazu führen, dass in den zwölf Ländern ein illegaler Markt für den anonymen Wechsel von nationaler Währung in Euro entstehen wird.

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Beobachter: Wieso das?

Müller: Personen mit Bargeldbeständen aus unversteuerten oder aus illegalen Aktivitäten werden auch nach Ablauf des Doppelwährungszeitraums umtauschen wollen. Ebenso wenig können alle legalen Bargeldbestände innerhalb von zwei Monaten getauscht werden. Die Deutsche Mark gilt zum Beispiel im Balkan als Parallelwährung. Kommerzielle Geldwechsler werden für den Umtausch mehr Zeit brauchen. Sie werden ihre Bestände auch nicht unbedingt bei den Zentralbanken einliefern wollen. Die Schweiz und auch das Fürstentum Liechtenstein bieten sich da als Wechselstuben an. Zum einen ist hier der Umtausch von alten Währungen auch nach dem Ablauf des Doppelwährungszeitraums nicht verboten. Zudem ist der Wechsel ein lukratives Geschäft, denn beim Wechsel in den Schweizer Franken und dann in den Euro fallen zweimal Spesen an.

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Beobachter: Goldene Zeiten also für die Schweizer Banken. Doch was wird passieren, wenn zum Beispiel Schweizer Banken während Monaten riesige D-Mark-Mengen zur deutschen Zentralbank karren?

Müller: Bei einem ungeordneten Zufluss von alten Bargeldbeständen ab 1. März 2002 könnte das Ausland der Schweiz vorwerfen, dass ihr Finanzplatz zur Umgehung der Eurowährungsvorschriften Hand bietet und davon erst noch stark profitiert. Damit würde Druck auf Offenlegung der Herkunft dieser Gelder entstehen.

Beobachter: Gerät damit das Bankgeheimnis erneut unter Beschuss?

Müller: Die Schweiz kann lediglich durch einen kompromisslosen Kampf gegen den Missbrauch des Finanzplatzes ihr Festhalten am Bankgeheimnis international vertreten. Dazu muss ein Gesamtsystem von zivil-, verwaltungs- und strafrechtlichen Normen sowie deren Durchsetzung gewährleistet werden. Die Schweiz muss also ihr Haus in Ordnung bringen und halten.

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Beobachter: Gibt es Belege für ungewöhnliche Finanztransaktionen und ausserordentliche Geldflüsse in die Schweiz im Zusammenhang mit der Euroeinführung?

Müller: Was heisst ungewöhnlich und ausserordentlich? Steuerfluchtgelder sind in der Schweiz weder ungewöhnlich noch ausserordentlich. Die Frage stellt sich heute einzig in Bezug auf die Quantitäten. Anhand von Einzelbeispielen hört man, dass zurzeit grosse Bargeldmengen einfliessen und investiert werden. Letztlich werden aber die volkswirtschaftlichen Statistiken die Fakten liefern müssen.

Beobachter: Bevorzugte Waschanstalten für kriminelle Gelder sind der Parabankenbereich mit Treuhändern und Vermögensverwaltern. Dort setzt die Schweiz auf Selbstregulierung. Genügt das?

Müller: Die Schweiz hat die Problematik des Parabankensektors zwar erkannt und die Sorgfaltspflichten im Rahmen des Geldwäschereigesetzes festgeschrieben. Dieser Standard wird ab dem Jahr 2003 in allen EU-Ländern gelten. Ab diesem Zeitpunkt wird die Schweiz wohl aber das einzige Land sein, dass den Vollzug und die Überwachung auf einem Modell der Selbstregulierung aufbaut. Ich bezweifle, dass dies international tragfähig sein wird.

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Beobachter: Die Nagelprobe ist also der Vollzug. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Müller: Die eigentliche Problematik liegt nicht bei der Eröffnung der Geschäftsbeziehung, sondern in deren Überwachung. Der professionelle Geldwäscher wird sich nämlich nie mit seinen wahren Absichten vorstellen, sondern immer eine Tarnstory und die dazu notwendigen Dokumente auf Lager haben. Die Banken und der Parabankensektor haben aber heute auch die Pflicht, die einzelnen Geschäftsbeziehungen zu überwachen und ungewöhnliche Finanztransaktionen im konkreten Verdachtsfall bei der Meldestelle anzugeben. Dies ist im heutigen Bankenumfeld eine Herkulesaufgabe, für die es einen enormen Personen- und Informatikaufwand braucht.

Beobachter: Jedes Jahr werden weltweit mehr als 1000 Milliarden Franken gewaschen. 40 Prozent der privaten Vermögen liegen in der Schweiz. Wie hoch schätzen Sie den Anteil an kriminellen Geldern beziehungsweise an Schwarzgeld?

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Müller: Ich kenne keine Zahlen. Aber je grösser der Anteil der verwalteten Gelder, desto höher das Risiko, dass die in Anspruch genommenen Dienstleistungen zur Geldwäscherei missbraucht werden.

Beobachter: Um das Vertrauen in den Euro zu stärken, muss man von seinem Erfolg überzeugt sein. Sind Sie es?

Müller: Den Grundgedanken der Einheitswährung finde ich durchaus faszinierend, und ich glaube auch an die politische Wirkung. Volkswirtschaftlich hege ich aber kurzfristig meine Zweifel. Die Devisen- und Kapitalmärkte werden Zeit brauchen, um sich ein Bild zu machen, welches Mass an nationalen Störungen als normal zu gelten hat. So sind zum Beispiel die Budgetprobleme Griechenlands wegen der kommenden Olympiade ein nationales Problem, doch mit dem Euro wird das zu einer gesamteuropäischen Angelegenheit.

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Beobachter: Wenn alles rund läuft mit der Euroeinführung und Ihre Szenarien nicht eintreffen, ist dann Ihr Ruf als Experte im Eimer?

Müller: Es ist eine Auseinandersetzung nach bestem Wissen und Gewissen mit der Zukunft und den entsprechenden Präventionsmassnahmen. Um nochmals auf das Eingangsbeispiel mit der Grippe zurückzukommen: Wenn sich die vorhergesagte Grippewelle nicht epidemisch ausbreitet, dann oft deswegen, weil die Leute gewarnt sind und sich rechtzeitig geimpft haben.