«Ein Prosit auf die ehrlichen Steuerzahler und den kleinen Unterschied», schrieb der Beobachter vor drei Jahren in seinem vielbeachteten Artikel «Die armen Steuermillionäre» (12/95). Der kleine Unterschied: Normalbürger mit Lohnausweis oder Rentennachweis müssen dem Staat brav und pünktlich ihre Steuern abliefern. Reiche und Superreiche hingegen können - dank Steuerschlupflöchern - ihr Einkommen und Vermögen teilweise oder gar ganz verschwinden lassen. Steuern zahlen sollen die andern.

Auf der Liste unverfrorener Drückeberger figuriert zuoberst das Ehepaar Elisabeth und Hans W. Kopp. 1988 - Elisabeth Kopp war strahlende Bundesrätin - deckte der Beobachter als erste Zeitschrift die dubiosen Steuerpraktiken ihres Gatten auf. Jahrelang hatte der prominente Rechtsanwalt beträchtliche Anteile seines Millioneneinkommens am Fiskus vorbeijongliert. Trotz entsprechenden Hinweisen genoss die Steuerakte Kopp pfleglichste Behandlung. Erst nach der Beobachter-Kritik kam das Verfahren endlich in Schwung. Kopp wurde später wegen fahrlässiger Steuerhinterziehung verurteilt und musste Straf- und Nachsteuern bezahlen.

Auch heute - die gestürzte Bundesrätin bezieht eine üppige, aus Steuergeldern finanzierte Pension - bezahlen die Kopps weder Einkommens- noch Vermögenssteuern. Schlupflöcher machen dies möglich.

«Unser Steuersystem ist krank»;, stellte der Beobachter im März 1996 (05/96) in einer weiteren Titelgeschichte fest. Im Mittelpunkt der Kritik: die sehr unterschiedlichen Steuertarife in den einzelnen Kantonen und Gemeinden. Der Beobachter schickte eine Musterfamilie mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von 69000 Franken auf eine «Steuerreise» durch die Schweiz. Die Unterschiede erwiesen sich als krass. In Zug hätte die Familie nur 1500 Franken an Kantons- und Gemeindesteuern bezahlen müssen. In Wollerau SZ wären es knapp 2000 Franken gewesen, im glarnerischen Elm 5000, in Basel-Stadt 7200 und in Lauterbrunnen BE gar über 10000 Franken.

Für den St. Galler CVP-Nationalrat Eugen David, Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben, sind diese enormen Unterschiede in der Steuerbelastung mit ein Grund «für das Auseinanderfallen der Regionen in der Schweiz».

Trotzdem konnte sich das Bundespar- lament bisher nicht dazu aufraffen, die Steuertarife auf ein dem Gemeinwohl dienendes Mass anzugleichen. Schlaue Steuernomaden wissen dies zu nutzen, indem sie dort ihre Zelte aufschlagen, wo die Steuerrechnung am niedrigsten ist. Die Züglete der Ebner-Firmen von Zürich nach Wollerau ist nur ein besonders illustres Beispiel.

Derzeit sorgen die Milliardengewinne an der Börse weitherum für Gesprächsstoff und Empörung. 1997 hat sich der Wert aller an den Schweizer Börsen kotierten Aktien um 280 Milliarden Franken erhöht. Diese enorme Summe liegt um 30 Milliarden höher als das, was die Gesamtbevölkerung in unserem Land im gleichen Jahr durch Lohnarbeit verdiente. Auch hier gilt ein Prosit auf den kleinen Unterschied: Frauen und Männer, die ihr Einkommen in Werkhallen und Büros hart erarbeiten, müssen dieses Geld bis fast auf den letzten Franken versteuern. Privatpersonen hingegen, die Hunderttausende oder gar Millionen an der Börse verdienen, können ihre Gewinne einsacken, ohne dafür auch nur einen Rappen Steuern zu bezahlen! Einzig der Vermögenszuwachs wird milde besteuert.

In der Bevölkerung ist der Unmut über die skandalösen Steuerungerechtigkeiten weit verbreitet. Letztes Jahr hat der Beobachter das Meinungsforschungsinstitut Publitest beauftragt, unter den Leserinnen und Lesern eine repräsentative «Umfrage zur heutigen Steuerpraxis» (12/97) durchzuführen.

Das Resultat ist eindeutig: 98 Prozent der Befragten sind mit den Steuerschlupflöchern nicht einverstanden. 81 Prozent fordern, private Kapitalgewinne aus Börsengeschäften zu besteuern. Sogar bei jenen Personen, die über 100000 Franken im Jahr verdienen, sind vier von fünf für eine Kapitalgewinnsteuer. Die befragten Frauen votierten gar mit über 90 Prozent für diese Steuer.

Nun sind Politikerinnen und Politiker gefordert. Falls sie nicht mutig und phantasievoll für mehr Steuergerechtigkeit sorgen, wird das Volk via Initiative Dampf machen.

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