Kaufrausch nach dem Zahltag, Katzenjammer gegen Monatsmitte: Für viele Menschen ist das «Auskommen mit dem Einkommen» ein unerreichbares Ziel. Auch für Ines B. Sie klagt an der Beobachter-Hotline über die Geldsorgen ihrer Familie: «Wir können machen, was wir wollen, am Schluss reicht es einfach nie. Und das Schlimmste ist, wir können in der Familie nicht mal darüber sprechen. Ich schäme mich so.»

Dabei hätte die 45-jährige Ehefrau und Mutter zweier Jugendlicher eigentlich keinen Grund, sich zu schämen. An gutem Willen und verschiedenen Versuchen, die Geldprobleme in den Griff zu bekommen, fehlte es bisher nicht. Ines B. führte nach unterschiedlichen Systemen Kassen- und Haushaltungsbücher, verteilte das Geld auf verschiedenfarbige Portemonnaies und Kuverts, eröffnete zweckbestimmte Bankkonti. Der jüngste Versuch bestand in der Installierung einer Kassenbuchsoftware auf dem heimischen PC doch auch dieser Versuch ist gescheitert.

«Der adäquate Umgang mit Geld wird den Menschen nicht in die Wiege gelegt», sagt die Sozialversicherungsfachfrau und Erwachsenenbildnerin Ruth Hermann. «Wie in anderen Lebensbereichen braucht es dazu Wissen und bestimmte Fähigkeiten.» Zunächst muss man praktische Kompetenzen erwerben. Es ist gut zu wissen, wie ein Budget erstellt wird und wie man es möglichst konsequent umsetzt. Es ist auch gut, sich dazu möglichst einfacher Hilfsmittel zu bedienen.

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Probleme vom Elternhaus geerbt

Die besten praktischen Fähigkeiten und die einfachsten Hilfsmittel nützen allerdings wenig, wenn es anderswo klemmt. Ruth Hermann: «Wenn jemand mit Geld nicht umgehen kann, hat das oft sehr viel mit seiner individuellen Geldgeschichte zu tun mit der Art und Weise, wie in der Kindheit und in der Jugend das Verhältnis zum Geldverdienen und zum Geldausgeben geprägt wurde.»

Auch Ines B.s Probleme mit Geld haben ihre Wurzeln in der Kindheit. «Jedes Mal, wenn das Thema Geld auf den Tisch kam, erstarrte ich als Kind zur Salzsäule. Dann wusste ich: Jetzt steht wieder tagelanger Terror bevor.» Über nichts konnten ihre Eltern derart in Streit geraten wie über ihre unterschiedlichen Ansichten im Umgang mit dem Geld.

Geschrei, Tränen und Davonlaufen waren die Folge. Und danach herrschte oft tagelang Eiszeit.

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Ines B. beginnt zu ahnen, in welch fataler Weise diese frühe und jahrelange Prägung ihr heutiges Verhältnis zum Geld bestimmt. Sie kann plötzlich einen Zusammenhang erkennen zwischen ihrer «Unfähigkeit», über Geld zu sprechen, und ihrer Angst vor Ärger und Streit in der Familie. Und sie fragt sich, was für Einflüsse wohl das Verhältnis ihres Mannes zum Geld geprägt haben. Und sie versucht sich vorzustellen, wie wohl ihre beiden bald erwachsenen Kinder über Geld denken.

«Mit diesen Erkenntnissen hat die Frau schon einen ersten Schritt auf dem richtigen Weg hinter sich. Sie sollte sich nun noch intensiver mit ihrer Geldgeschichte befassen», rät die Budgetexpertin Ruth Hermann. Dabei wird Ines B. herausfinden, welche biografischen Faktoren ihr Verhältnis zum Geld geprägt haben. Die Einsichten, die sie dabei gewinnt, werden ihr helfen, sich in ihrer Familie nicht mehr länger allein für die Finanzen verantwortlich zu fühlen. Und sie wird nicht mehr länger schweigen aus Angst vor Konflikten.

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Offen über Geldsorgen reden

Eine ernsthafte und systematische Auseinandersetzung mit der eigenen «Geldgeschichte» und der Austausch im Familienkreis über die dabei gewonnenen Erkenntnisse hat weitreichende Folgen. Offenheit, Klarheit und Verständnis gegenüber sich selbst und anderen über Stärken und Schwächen im Umgang mit Geld steigen. Im Gegenzug sinkt die Gefahr von Beziehungs- und Familienkrisen wegen finanzieller Probleme. Wenn dann auch noch praktische Fähigkeiten wie richtiges Budgetieren und Haushalten erlernt werden, kann jener Zustand erreicht werden, den viele sich wünschen: ein lockeres, entspanntes Verhältnis zum Geld und einen geplanten und konsequenten Umgang mit den verfügbaren Mitteln.