Nirgends trifft der Spruch «Zeit ist Geld» mehr zu als in der Schweiz, dem Land der Uhren und Banken. Vermögen, die irgendwo auf der Welt dank der Beachtung dieses Grundsatzes angehäuft wurden, lagern auf Schweizer Konten. Und die Schweizer Uhrenbranche mit ihrer exakten Zeitmessung konnte sich ihre marktbeherrschende Stellung bis in die Neuzeit sichern. «Der Zusammenhang zwischen Zeitnutzern, Uhrenindustrie und Gewinn ist nirgends deutlicher zu sehen als in der Schweiz», schreibt der deutsche Zeitforscher Karlheinz A. Geissler.

Nichtstun ist Geldverschwendung

Die Gleichung «Zeit ist Geld» stammt vom Engländer Benjamin Franklin, der 1748 einem jungen Handelsmann folgenden Ratschlag mit auf den Weg gab: «Wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte, aber den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der hat fünf Schillinge ausgegeben oder viel mehr weggeworfen.» Damit nahm das Umrechnen von Tagen, Stunden und Minuten in Geldeinheiten seinen Anfang. Nichtstun und Zeitvertrieb galten fortan als nutzlose Geldverschwendung.

Die Industriebarone des 19. Jahrhunderts nahmen sich das ganz besonders zu Herzen. «Die Arbeitszeit beträgt exakt dreizehneinhalb Stunden. Bei der Berechnung ist all jene Zeit nicht zu berücksichtigen, die vertan wird in Wirtshäusern, Bierstuben und Kaffeehäusern für Frühstück, Mittagessen, Spiel, Schlaf, Rauchen, Singen, Zeitunglesen, Zank, Streit und Disput, bei jedweder Art von Müssiggang und bei aller Tätigkeit, die nicht mein Geschäft betrifft», lautete zum Beispiel die Anordnung des Eigentümers der englischen Crowley-Eisenwerke, um seine Arbeitskräfte zu disziplinieren.

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In der Schweiz fiel die Maxime «Zeit ist Geld» auf besonders fruchtbaren Boden: Schon die Reformatoren Calvin und Zwingli hatten die Parole «Müssiggang ist aller Laster Anfang» geprägt. Nachdem der industrialisierte Mensch begonnen hatte, den Geldwert von Stunden zu verinnerlichen, entwickelte sich hierzulande der entsprechende Industriezweig: Zeitmesser für Handgelenke und Westentaschen aus Blech, Silber oder Gold, je nachdem, welchen Wert der Träger seiner Zeit beimass.

Seither denken wir in Preisen für Tage, Stunden und Minuten. Die Wirtschaftswissenschaft nennt dies «Opportunitätskostenprinzip». Wer zum Beispiel bei einem Stundenlohn von 100 Franken seine Hemden selber bügelt, verhält sich unvernünftig. Denn würde der Betreffende nur eine Viertelstunde länger arbeiten, verdiente er 25 Franken, und für diesen Betrag könnte er bei der Migros sieben Hemden bügeln und waschen lassen. Falls er pro Hemd zehn Minuten bügelt, würde er so eine knappe Stunde Freizeit gewinnen.

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Das Problem ist nur: Auch diese Freizeit kostet. Denn in der Zeit, in der wir nichts tun, verdienen wir wie ja schon Franklin seinen jungen Kaufmann mahnte kein Geld. Je nachdem, ob wir 40000 oder 100000 Franken im Jahr verdienen, sind es 29 oder 74 Rappen pro Minute Freizeit. Je höher der Verdienst, desto teurer wird demnach auch die Freizeit. Ein Anwalt oder ein Arzt, der pro Jahr eine viertel oder eine halbe Million einstreicht und einen Tag blaumachen will, «zahlt» dafür einen bis zwei Tausender.

Entscheidet er sich gleichwohl dafür, dürfte er diesen Tag möglichst aktiv und effizient zu nutzen versuchen: in Form von Extrem- oder Abenteuersport oder sonst einem Freizeitstress. Und so wird «Zeitknappheit zum unverzichtbaren Statusmerkmal jener, die als die Oberen angesehen werden beziehungsweise sich dort gern sehen lassen würden», wie Zeitexperte Karlheinz A. Geissler schreibt.

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Selbst Konsum und Genuss werden zur Hektik beschleunigt. Musse, Bummelei oder Nichtstun gelten hingegen als wertlos; «work hard, relax hard» nennen das die Amerikaner. Immerhin: Trendforscher sehen am Horizont die Wiederentdeckung der Langsamkeit, doch die Zeit drängt