Die Namen klangen nach Macht, nach Seriosität und nach viel Geld: Der bolivianische Präsident Hugo Bánzer, so erfuhr der Bieler Geschäftsmann Rudolf Merkle (Name geändert) bei seinem ersten Treffen mit Renata Wipf (Name geändert) im Frühjahr 1998, reduziere das Militärbudget und plane, die freien Mittel ins Gesundheitswesen seines Landes zu investieren. Silvio Borner, renommierter Basler Wirtschaftsprofessor, weile zurzeit in Argentinien und habe Kontakte zu bolivianischen Regierungskreisen. Und der schwerreiche Industrielle Dieter Bührle sei ebenfalls interessiert. Sie plane nämlich, mit einer noch zu gründenden Firma Spitaleinrichtungen und Medikamente nach Bolivien zu liefern, erzählte Wipf. Als Verwaltungsratspräsident sei der ehemalige St. Galler Ständerat Paul Bürgi vorgesehen, gesucht sei noch ein Geschäftsführer. Ob er, Merkle, Interesse hätte?

Vorerst aber brauchte HSG-Absolventin Wipf, die angeblich «in der Hochfinanz» tätig war, kurzfristig Geld: Professor Borner werde für sie Abklärungen tätigen und müsse dafür bezahlt werden, erklärte sie dem Geschäftsmann. Und da sie noch auf eine Zahlung von mehreren hunderttausend Franken warte, habe sie das Honorar für Borner leider nicht locker. Ob Merkle nicht mit einem Darlehen über 10'000 Franken aushelfen könnte?

Merkle konnte. Um ihre Geschäftsbeziehung mit Dieter Bührle zu beweisen, hatte ihm die Frau bei einer anderen Gelegenheit Checks des Oerlikon-Bührle-Erben gezeigt: 20'000 Franken, 25'000 Franken, «mit Originalunterschrift». Als Geschäftsadresse gab sie eine Bührle-Firma an der Splügenstrasse in Zürich an.

«Wahrscheinlich war ich damals zu wenig kritisch», sagt Merkle heute. Das Geld nämlich, insgesamt rund 20'000 Franken, ging mitnichten an den Basler Professor, und auch die Exportfirma blieb ein Luftschloss. Merkle war einer Hochstaplerin aufgesessen.

Das Büro im Schliessfach
Er war nicht der Einzige. Einem Jugendfreund Merkles, Marcus Etter (Name geändert), schwatzte Wipf einen «Kooperationsvertrag» auf und 25'000 Franken ab. Als die beiden Männer nach Ablauf der vertraglich vereinbarten Rückzahlungsfrist ihr Geld einforderten, tauchte Wipf erst einmal unter. Merkle und Etter mahnten, wurden vertröstet, leiteten die Betreibung ein. Schliesslich reichten sie eine Strafanzeige wegen Veruntreuung, Betrugs und ungetreuer Geschäftsführung ein.

Am 18. Mai 1999 wurde Wipf in Biel verhaftet und sass 108 Tage in Untersuchungshaft. Seither wohnt sie in einem einfachen Studio in Biel, ohne Telefon. Auf schriftliche Fragen des Beobachters reagiert sie nicht.

Merkle, der ihr gelegentlich in der Stadt begegnet, glaubt längst nicht mehr, dass er sein Geld je zurückerhält. Zwar hat er gegen die begnadete Überredungskünstlerin bereits eine weitere Anzeige eingereicht, weil sie eine mit dem Betreibungsamt vereinbarte Rückzahlung mit falschen Angaben unterlief. Merkle jedoch geht es um mehr: Er will sein Vertrauen in die Justiz wiedergewinnen. Er fragt sich nämlich, «ob in diesem Staat tatsächlich alle gleich sind». Diese Zweifel am System haben ganz unmittelbar mit der Untersuchung des Falls Wipf zu tun.

Dort ging zu Beginn alles zügig voran: In fünf Schliessfächern in Bern, Biel und Burgdorf fanden die Ermittler mehrere Tragtaschen mit Akten, «wirr und konzeptlos mit allerlei anderen Gegenständen und Zeitungen durchmischt», wie es in einem Bericht vom 29. Juni 1999 heisst. In den sichergestellten Dokumenten ist die Rede von Millionen- oder gar Milliardenbeträgen, von «hochverzinslichen Investitionen», von Kontakten mit höchsten Regierungskreisen in Bolivien und dem Interesse von grossen Schweizer Firmen. Und immer wieder tauchten bei den angeblichen Transaktionen die Namen Bührle und Bürgi auf: «In einem Schreiben an Herrn Dr. Bührle vom 02.12.1997 erwähnt Frau Wipf den von der Atag abgezogenen Betrag von 1,6 Mrd. US », heisst es an einer Stelle des Berichts, und an einer anderen: «Wenige Schreiben aus dem Jahr 1997 deuten auf eine vorgesehene Transaktion mit 100 bis 600 Millionen Kuwaitischen Dinars hin.» Gemäss den Dokumenten angeblich mit von der Partie: Paul Bürgi.

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