Hier, im zentralen Wertpapierdepot der Banken an der Baslerstrasse 100 in Olten, liegen fast sämtliche Aktien und Obligationen von Schweizer Unternehmen: acht Millionen Stück. Alle fein säuberlich verpackt, gestapelt in einem riesigen Tresor, 22 Meter unter dem Boden - im Fort Knox der Schweiz bei der SIS Group. Unter meinen Füssen lagern nicht weniger als 2061 Milliarden Franken.

Der Aktienhandel wird hier handfest. Die Papiere werden mit den Werttransportern von den Banken gebracht. Einzelne Bankenvertreter kommen auch mal persönlich vorbei, um ihre Aktien abzugeben. Die Lieferungen werden von mir oder jemandem meiner 25 Kolleginnen und Kollegen gewogen und kontrolliert.

Ich prüfe die Papierqualität der Aktien unter UV-Licht, um Fälschungen zu erkennen. Ich schaue jedes einzelne Wertpapier genau an und erfasse es im Computersystem. Anschliessend stecke ich es in ein Klarsichtmäppchen, und dieses wiederum kommt in eine graue Hartplastikbox. Die Kiste lege ich auf ein computergesteuertes Förderband, das die Wertschriften im Tresorraum verstaut. Nur das System weiss, wo welche Aktie liegt. Möchte ich selbst eine Aktie holen, müsste ich alle 30’000 Behälter durchsuchen, um sie zu finden.

Aufwand wegen gelochter Aktien
Ist eine Aktie oder eine Obligation zum Beispiel durch Kaffeeflecken verschmutzt, wird sie separat aufbewahrt und von uns nicht mehr ausgeliefert. Manchmal sind Aktien sogar gelocht - wahrscheinlich weil der Besitzer sie fein säuberlich in einem Ordner abgelegt hatte. Diese Ordnungsliebe hat allerdings einen Haken: Eine gelochte Aktie ist im Prinzip wertlos. Ich muss mir dann bei jedem einzelnen Loch von der Bank mit je zwei Unterschriften bestätigen lassen, dass diese Löcher nicht in der Absicht gemacht wurden, die Aktie zu entwerten. Erst danach kann ich das Papier verbuchen und einlagern.

«Achtung, nicht mehr bewegen!»
Mit den Wertschriften machen wir aber auch noch anderes: Bei einem Namenswechsel einer Firma muss ich auf jeder Aktie den neuen Namen mit einem Stempel aufdrucken. Schüttet ein Unternehmen Dividenden aus, schneide ich die entsprechenden Coupons der Aktien ab und sende sie der Bank. Das können gut und gern 10’000 Coupons sein, die wir da entfernen müssen. Erst danach fliesst die Dividende aufs Bankbüchlein des Inhabers, der von unserer Arbeit meist gar nichts merkt.

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Geht eine Firma in Konkurs oder wird aus einem anderen Grund aufgelöst, vernichte ich die Aktien. Zuerst erfasse ich die Wertpapiere auf Mikrofilm, dann schreddere ich sie im Auftrag der Bank. Täglich schicken wir auch Aktien an die Banken: Ich schweisse die Wertschriften in Folie ein und lege sie in reissfeste Kuverts. Bei Überseelieferungen werden sie in Ölpapier verpackt. So bleiben die Aktien immer schön trocken, falls sie einmal ins Meer fallen sollten.

Es ist schon ein spezielles Gefühl, mit so wertvollem Papier zu arbeiten. Wenn ich zum Beispiel eine Aktie «vernuusche», ist es nicht irgendein «Fötzel», denn ein Wertpapier kann gut und gern zwei Millionen Franken wert sein. «Achtung, nicht mehr bewegen!», rufe ich dann meinen Kollegen zu. Wir suchen alle, bis das Papier gefunden ist. Zum Glück habe ich das fast noch nie erlebt.

Ich liebe die Arbeit hier, weil sie nicht nur mit abstrakten Zahlen im Computer zu tun hat, sondern mit konkretem Material - mit Wertschriften eben. Es gibt speziell schöne Papiere: etwa die GC-Aktie, mit der wir uns derzeit häufig beschäftigen, weil der Fussballklub die Wertschriften zurückkauft. Gerade mal vier Rappen erhält man derzeit noch für diese Aktie, für die man ursprünglich ein Vielfaches bezahlte.

Oder die Aktie des Mystery Park: Die wird oft vor Weihnachten gekauft, weil sie billig ist und interessant aussieht mit den aufgedruckten Science-Fiction-Gebäuden. Die Leute legen die Aktie als Geschenk unter den Weihnachtsbaum und geben sie dann wieder in die Verwahrung.

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Wertvolle Liebesbriefe einlagern
Klar bekommen wir hier auch mit, welche Titel häufig gehandelt werden. Aber ich «börsele» nicht - dafür besitze ich zu wenig Geld. Es ist für uns übrigens unerheblich, ob die Börse boomt oder kriselt, denn beides führt zu mehr Handel: Wir haben mehr zu tun und machen mehr Umsatz, weil wir den Banken jede Handlung an einer Aktie in Rechnung stellen. 

Gleichwohl ist unsere Arbeit langsam am Aussterben. Noch vor 15 Jahren waren hier doppelt so viele Leute beschäftigt: Es gab Angestellte, die nichts anderes machten als Coupons schneiden. Heute geben viele Aktiengesellschaften gar keine Wertpapiere mehr aus oder nur noch ein einziges für den gesamten Aktienbestand. Deshalb gibt es viel weniger Papier zu lagern. Darauf haben wir reagiert und bieten neue Dienstleistungen an: Man kann bei uns auch Gegenstände wie Schuldbriefe oder Datenträger in Verwahrung geben - etwa einen wertvollen Liebesbrief.

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