Er liegt im Pool, weit unter ihm die Lichter von Dubai. «Der Himmel ist grenzenlos», schreibt Lucas P.*, der Mitbegründer des Netzwerks Megalodon. Er ist gerade mal 20 und kommt aus Kreuzlingen. Sein Berner Oberländer Geschäftskumpan, der sich auf Instagram Pegu17 nennt, ist noch ein Jahr jünger. Auch er verdient angeblich viel Geld. Beide imponieren ihren Followern mit Bildern aus gediegenen Restaurants, im Bentley und eben aus dem Luxuspool.

Megalodon war der grösste Haifisch, den es je gab. Er ist vor Millionen Jahren ausgestorben. Aber für Lucas P. und Pegu17 ist der Megalodon das Symbol für ihr eigenes Schaffen: fressen oder gefressen werden. Und so suchen sie immer neue Opfer, versprechen mit missionarischem Eifer eine wundersame Geldvermehrung. Was Lucas P. und Pegu17 nicht wissen: Sie sind kleine Fische im Teich der grossen Haie.

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Das System nennt sich EXW Wallet. Es gibt vor, eine Tauschbörse für Kryptowährungen Kryptowährung Gefälschte Artikel sollen Anleger ködern zu sein. Wer Geld einzahlt, profitiert angeblich von einem Zins von bis zu 0,32 Prozent – pro Tag. Theoretisch ergibt das einen Jahreszins – inklusive Zinseszins – von 221 Prozent. Wer will da nicht dabei sein?

Wolkige Projekte

Wie das sagenhafte Geschäftsmodell von EXW genau funktioniert, können Lucas P. und Pegu17 nicht sagen. Sie beten nur mantrahaft nach, was sie von den «Leadern» eingetrichtert bekommen, die über ihnen positioniert sind: Die Einnahmen stammen angeblich aus einem Langzeitmietprogramm für Autos, aus Immobiliengeschäften, von der Herausgabe einer Kreditkarte, einem Buchungssystem für Reisen, Flüge, Hotels und «Aktivitäten im Bereich Landwirtschaft und Edelmetalle». Doch all diese Dinge gibt es – wenn überhaupt – erst im Ansatz.

Trotzdem hat Pegu17 über seine «Unternehmerplattform» Megalodon 100'000 Franken Investorengelder eingesammelt. Das verschafft ihm innerhalb des Systems den Titel eines «Executive Team Leader». Er ist nicht der einzige in der Schweiz. Die Aargauer Immobilienhändlerin Caroline Z.* sammelt ebenfalls aktiv Geld ein, liegt aber weit hinter Pegu17 zurück. Sie akquirierte 16 Personen, die rund 30'000 Euro in das System einzahlten. Darunter angeblich auch ihre Mutter, die sich davon einen Zustupf an ihre Rente erhofft. Genauer Bescheid über das System weiss auch sie nicht. Aber sie habe «ein gutes Gefühl».

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Einer brachte drei Millionen

Sie überrede niemanden, sagt Caroline Z. Jeder entscheide selber. Dank der eingebrachten Gelder ist sie nun «Team Leaderin». Wer 300'000 Euro bringt, wird gemäss Marketingplan «Regional Director», mit einer Million «Ambassador», mit drei Millionen «Vice President». Das hat erst einer geschafft, der Deutsche André Henseler.

In der Hierarchie über Henseler stehen nur noch die drei «Founder» Benjamin Herzog, Manuel Batista und Pirmin Troger. Sie halten sich dezent im Hintergrund, mal in Dubai, mal in Brasilien oder Thailand. Zwischendurch sind sie immer wieder im «Headoffice» im österreichischen Klagenfurt. Abgewickelt wird das Geschäft über die Briefkastenfirma Vivaexchange OÜ, die am Stadtrand von Tallinn in Estland domiziliert ist – in einer heruntergekommenen Lagerhalle. Das Aktienkapital beträgt bescheidene 2508 Euro. Handlungsbevollmächtigt ist der 21-jährige Benno C.* aus Klagenfurt. Eine Anfrage des Beobachters lässt er unbeantwortet.
 

«Das Geschäftsmodell ist fragwürdig und undurchsichtig. Das Risiko, mit diesem System Geld zu verlieren, ist ausserordentlich hoch.»

Patrick Steiner, Spezialist in Sachen Betrug mit Kryptowährungen und E-Banking-Security

Seit auf einigen Onlineportalen über das fragwürdige Geschäftsmodell von EXW Wallet berichtet wird, herrscht Hektik bei der Klagenfurter Führungscrew. Denn seit Wochen hält sie das wichtigste Versprechen nicht ein: Wer sich sein Geld – oder wenigstens den angeblich verdienten Bonus – auszahlen lassen will, muss warten.

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Batista, Herzog und Troger beschwichtigen die Gemeinschaft in ihrer wöchentlichen Telefonkonferenz – dem «Founders Call». Es gebe «technische Probleme», aber das sei ja normal bei einem Start-up Start-ups Gescheiter scheitern , man arbeite Tag und Nacht daran. Neu heisst es, man werde nun noch durch die Coronakrise blockiert, und wichtige Verträge könnten nicht unterzeichnet werden: «Wir werden uns aber nicht davon abhalten lassen, nach weiteren Lösungen zu suchen, um der Krise standzuhalten.»

Warnungen von staatlicher Seite

Seit Ende 2019 ist Feuer im Dach bei EXW. Im Oktober warnte die Finanzmarktaufsicht Österreichs Investoren. Die damalige EXW-Tradingfirma Cryptotrust Consulting, eine Briefkastenfirma in London, sei nicht berechtigt, in Österreich konzessionspflichtige Bankgeschäfte zu erbringen. Im Dezember warnte die Aufsicht dann vor Viva Payment Solutions GmbH. Auch sie sei nicht berechtigt, konzessionspflichtige Dienstleistungen zu erbringen, wickelte aber für EXW die Geschäfte ab.

Die EXW setzte fortan auf Vivaexchange in Estland. Österreichs Finanzmarktaufsicht warnt inzwischen auch vor ihr. Ende Februar zog die deutsche Finanzmarktaufsicht nach und veröffentlichte eine Investorenwarnung. Die Vivaexchange habe in Deutschland keine Erlaubnis, Zahlungs- und Finanzdienstleistungen zu erbringen oder Bankgeschäfte zu betreiben.

Ins System eingespeist wird das Geld über immer wieder wechselnde Bankverbindungen. Wer den Mindestbetrag von 300 Euro auf eine «Wallet» einzahlt, müsste eigentlich auf die eigenartige Kontoverbindung oder die Firmenbezeichnung aufmerksam werden. Bis vor kurzem führte die IBAN-Nummer zuerst zu einer Putzfirma in Budapest, dann zu einer Postagentur – ebenfalls in Budapest. Neuerdings fliesst das Geld auf ein Konto in Brüssel, das zu einer Firma in London gehört, die aber gemäss Handelsregister kürzlich gelöscht wurde.

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In der Schweiz müssen Herausgeber von Kryptowährungen verschiedene Anforderungen der Finanzmarktaufsicht Finma einhalten. So sind sie verpflichtet, zu definieren, ob der sogenannte Token ein Zahlungsmittel ist, zu einer digitalen Nutzung berechtigt oder einen Anlagewert darstellt. Finanzintermediäre müssen sich nach Geldwäschereigesetz zudem einer Selbstregulierungsorganisation anschliessen. Wie die EXW diese Auflagen erfüllt, war nicht zu erfahren. Mehrere Anfragen des Beobachters an die Zentrale in Klagenfurt blieben unbeantwortet.

Das Finanzdienstleistungsgesetz nimmt in der Schweiz auch die Kundenberater in die Pflicht. Sie müssen sich in einem eigenen Register eintragen und die nötigen Aus- und Weiterbildungen nachweisen. Caroline Z. stellt sich jedoch auf den Standpunkt, sie sei keine Kundenberaterin. «Ich bin nur Teilnehmerin.» Pegu17 hat vom Register offensichtlich noch nie etwas gehört.

«Tendenz zum Schneeballsystem» 

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma bestätigt: Die Betreiberfirma Vivaexchange hat in der Schweiz keine finanzmarktrechtliche Bewilligung.

Hinzu kommt: «EXW Wallet weist starke Tendenzen eines Schneeballsystems auf», sagt Patrick Steiner, Zürcher Spezialist in Sachen Betrug mit Kryptowährungen und E-Banking-Security E-Banking Konto gehackt – die Bank ist nie schuld . «Das Geschäftsmodell ist fragwürdig und undurchsichtig. Das Risiko, mit diesem System Geld zu verlieren, ist ausserordentlich hoch.»

Die Blaupause für betrügerische Systeme sei immer etwa dieselbe, sagt Steiner. Man nehme eine Kryptowährung, verbinde sie mit herkömmlichen Anlagen Börse Geld anlegen in unsicheren Zeiten und Dienstleistungen wie Immobilien und binde alles in ein komplexes Firmenkonstrukt ein, bei dem niemand versteht, wie der Gewinn zustande kommt. Darum rät er: «Finger weg!»

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An der EXW-Basis macht sich langsam Skepsis breit. Die Führungscrew aber denkt sich immer fantastischere Geschäftsideen aus. EXW werde bald mit einer Universität kooperieren, bei der man per Virtual-Reality-Brille seinen Doktortitel erlangen könne, kündigte «Vice President» Henseler neulich in einem internen Konferenz-Call an. Selbstredend werde EXW von den Gebühren der Studenten profitieren. Den staunenden Zuhörern verkündet er dann: Man habe schon 6000 Wissenschaftler unter Vertrag genommen, darunter elf Nobelpreisträger.


* Name der Redaktion bekannt
 

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