Wer Geld anlegt, hat auch einen Stimmzettel in der Hand. Man kann entscheiden, welche Wirtschaft man unterstützen möchte: Grosskonzerne oder innovative Kleinunternehmen? Solarenergie oder Erdölkonzerne? Manager mit exorbitanten Salären oder Patrons mit Verantwortungsbewusstsein? Umweltsünder oder ökologische Vorzeigeunternehmen? Lohndrücker oder faire Arbeitgeber? Nachhaltige Forstwirtschaft oder die Abholzung der Regenwälder?

Der Entscheid, in welche Kanäle das Ersparte fliessen soll, ist kein einfacher, zumal bei grünen Geldanlagen zum klassischen Dreieck aus Rendite, Sicherheit und Liquidität noch eine vierte Dimension hinzukommt: die ökologische und soziale Qualität eines Finanzprodukts.

  • Sozial verantwortliche Unternehmen: Die Finanzanbieter sprechen in diesem Zusammenhang neudeutsch von Corporate Social Responsibility (CSR) Investment oder Socially Responsible Investing (SRI), also sozial verantwortlichen Unternehmensanlagen. Ob CSR oder SRI, «grünes Geld», «prinzipiengeleitetes Investment», «ökologische Geldanlagen», «ethische Investments» oder «nachhaltiges Investieren» – hinter all diesen Begriffen steckt ein einheitliches Konzept: Solche Finanzprodukte investieren ausschliesslich in Unternehmen, die in ihrer Geschäftspolitik ökologische und soziale Grundsätze verfolgen und deren Produkte und Dienstleistungen einen ökonomischen und ökologischen Mehrwert bringen, ergo für die gesamte Gesellschaft von Nutzen sind.

  • Umwelttechnologiefonds: Die ersten Ökofonds kamen mit der Umweltdebatte in den achtziger Jahren in Deutschland auf. Sie investierten vorwiegend in Firmen der Umwelttechnologie wie Recycling, Wasseraufbereitung oder Energieeffizienz. Unter der Bezeichnung Ökoeffizienz- oder Öko-Pionier-Fonds verfolgen einige Fonds diesen Ansatz bis heute. Der Oekosar von Sarasin war der erste Ökofonds eines Schweizer Anbieters, ihn gibt es schon seit 1994.

Im Laufe der neunziger Jahre kamen dann eigentliche «Nachhaltigkeitsfonds» hinzu: Sie beschränkten sich nicht mehr nur auf die Umwelttechnologie, sondern investierten in die besten Firmen punkto Ökologie und Sozialverhalten aller Branchen, also beispielsweise auch in die besten Autoproduzenten oder in die nachhaltigsten Banken.

  • Die Klassenbesten: Dieser sogenannte Best-in-Class-Ansatz wurde mit Ausschlusskriterien kombiniert: Die Bank Sarasin schliesst etwa alle Unternehmen aus, die mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Kernenergie, Tabak, Pornographie, schädlichen Chemikalien, Rüstung oder Gentech verdienen. Bis Ende 1999 gab es im deutschsprachigen Raum erst rund zwei Dutzend solcher Anlagevehikel. Inzwischen existieren in ganz Europa bereits über 400 Fonds mit – mehr oder weniger – nachhaltiger Ausrichtung.

  • Klimadebatte als treibende Kraft: Beschleunigt haben den Trend die Klimadebatte sowie steigende Erdölpreise; sie führten den Anlegern vor Augen, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen die Profiteure der aktuellen globalen Entwicklung sind. Die weltweiten Bestrebungen zur CO2-Reduktion, die Förderung erneuerbarer Energien, das stärkere Konsumentenbewusstsein für Themen wie Kinderarbeit oder Menschenrechte – das alles kommt Unternehmen zugute, die nicht erst seit gestern ökologisch und sozial als Vorzeigeunternehmen gelten. Beispielsweise sparen sie Energie und damit Kosten, und das Risiko, von neuen politischen Vorschriften überfahren zu werden, ist deutlich geringer.

    Ein positives Image in der Öffentlichkeit ist zudem nicht nur gut für den Absatz der eigenen Produkte, man ist auch als Arbeitgeber für die hellsten Köpfe attraktiver.

  • Aussen top, innen Flop? Nicht in allem, was sich mit einem grünen Mäntelchen umgibt, steckt auch wirklich nur Grünzeug drin: Einige Biotreibstoffe, die in vielen solcher Fonds stecken, sind alles andere als ökologisch, wie eine Untersuchung der Empa 2007 gezeigt hat. Nicht jede Firma, die Trinkwasser in Flaschen abfüllt, leistet einen Beitrag zu einer nachhaltigen Wasserversorgung.

    Aus der Perspektive der Nachhaltigkeit ist die gesamte Öko- und Sozialbilanz eines Unternehmens massgebend. Deshalb sollten sich Anleger nicht von schicken Bezeichnungen wie «Clean Energy», «Sustainable Water» oder «Klimawandel» blenden lassen. Entscheidend ist der Bewertungs- und Auswahlprozess. Bevor sie investieren, sollten sich Interessierte darum zwei zentrale Fragen stellen: Nach welchen Kriterien wählt das Management die Unternehmen aus? Und: Entspricht dieses Vorgehen auch meinen Wünschen?

  • Engagement für Aktionärsdemokratie: Andere werden vielleicht Wert darauf legen, dass ihr Fonds seine Stimmrechte an Generalversammlungen nutzt, um bei der Unternehmensleitung aktiv auf Veränderungen hinzuwirken: beispielsweise gegen Doppelmandate, für eine gute Sozial- und Umweltberichterstattung oder zur Reduktion von exorbitanten Managersalären. Auch solche Fonds gibt es, beispielsweise den «Pictet-Ethos Swiss Sustainable Equities». Die Anlagestiftung Ethos verspricht, dass sie die Traktanden der Generalversammlungen aller Beteiligungen genau analysiert und ihre Stimmrechte systematisch und verantwortungsbewusst nutzt. Anlageprodukte gibt es mittlerweile für jedes Bedürfnis: Die Kunst besteht einzig darin, im Dickicht der nachhaltigen Anlage das Produkt zu finden, das zu einem passt (siehe Nebenartikel «Grüne Geldanlage: Zehn Grundsatzfragen»).

Langsam, aber sicher finden sich Anlegerinnen und Anleger in einer ähnlichen Situation wieder wie in den neunziger Jahren die Konsumenten vor dem Eierregal: Plötzlich sind Eier nicht mehr einfach nur Eier. Ein herkömmlicher Fonds ist gewissermassen das Boden- oder Käfighaltungsei. Wer ihn kauft, hat die Devise: «Hauptsache gut fürs Portemonnaie.» Wer sich beim Blick auf die Schachteln aber Gedanken macht, wie es den Hühnern, die diese Eier gelegt haben, wohl so geht und künftig noch ergehen wird, wird sich früher oder später auch für eine grüne Geldanlage entscheiden. Auch beim Geldanlegen wird es eines nicht allzu fernen Tages für viele völlig selbstverständlich sein, einen ökologischen oder sozialen Mehrwert zu verlangen – und irgendwann wollen dann alle nur noch Eier von glücklichen Hühnern.

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