Die Aktienkurse steigen – und damit auch das Interesse von nicht börsenbewanderten Schweizern, ihr Erspartes in Wertpapiere anzulegen. Tatsächlich lässt sich über lange Jahre gesehen mit Aktien im Schnitt mehr Gewinn erwirtschaften als mit Obligationen. Doch: Wer überdurchschnittliche Gewinne erzielen möchte, muss auch höhere Risiken eingehen.

Die meisten Banken verwenden in ihren Erstberatungsgesprächen strukturierte Fragebögen, um die Risikobereitschaft ihrer Kunden abzuklären. Gefragt wird etwa nach der Risikofähigkeit: Wie viel Geld kann ich maximal verlieren, ohne dass ich in finanzielle Schwierigkeiten gerate? Für die Beurteilung dieser Frage dienen objektive Kriterien wie Vermögen, Einkommen, berufliche und familiäre Situation, Anlageziel (Sparen Sie aufs Alter oder fürs Eigenheim?) sowie Anlagehorizont (Wie lange können Sie auf das Geld verzichten?).

Relevant ist zudem die persönliche Risikoneigung: Wie reagieren Sie auf Verluste: wütend, besorgt oder gelassen, auf bessere Zeiten hoffend? Aber auch der umgekehrte Fall ist wichtig: Sie haben Ihr Geld sicher angelegt, während risikoreichere Anlagen in der gleichen Zeit besser rentiert haben. Spüren Sie Ärger über die verpasste Chance? Oder sind Sie mit der geringeren Rendite zufrieden?

Wichtig ist, die Risiken zu kennen

Die Bank Leu liess ihren Fragebogen von Ökonomen entwickeln. Neben objektiven Faktoren berücksichtigt er auch psychologische Aspekte. Ausserdem wird in den rund zwei Dutzend Fragen ermittelt, welche Renditeerwartungen der Anleger hat, wie gross seine Kenntnisse von Finanzmärkten und Anlageprodukten sind und ob er konkrete Investitionsentscheide selber fällen kann oder diese besser über einen Vertrag an die Bank delegiert. Ausgangspunkt waren Forschungsergebnisse, wonach vor allem private Kleinanleger in der letzten Börsenkrise den richtigen Moment zum Verkauf von riskanten Aktienanlagen verpasst hatten – aus Angst davor, Verluste zu realisieren. Dadurch wurden die Verluste aber nur noch grösser.

«Vor allem neue Anleger überschätzen oft ihre Risikoneigung», sagt Philippe Martin, Leiter der Abteilung Portfolio Consulting bei der Bank Leu. «So sind viele Leute der Ansicht, dass man mit Aktien der Schweizer Topfirmen fast nicht verlieren kann.» Zeige man ihnen dann etwa den Aktienkurs der Zürich-Versicherung (minus 90 Prozent innerhalb von drei Jahren), seien sie bass erstaunt. «Viele Bankberater reden lieber über Renditen als über Risiken», so Martin. Dabei seien Kunden, die von vornherein über Verlustrisiken aufgeklärt werden, langfristig zufriedener und auch erfolgreicher, weil ihnen teure Strategiewechsel zum ungünstigsten Zeitpunkt erspart bleiben.

Reden Sie offen über Ihre Ängste

Auf ein solches Erstberatungsgespräch mit seiner Bank kann und sollte sich der Anleger vorbereiten, denn nicht jeder findet auf spontane Fragen die richtige Antwort. Zudem haben viele Anleger die Tendenz, im Gespräch mit dem Finanzprofi die eigenen Ängste vor möglichen Verlusten kleinzureden – ein fataler Fehler. Darum gilt: Seien Sie ehrlich mit sich selbst!

Am besten lassen Sie sich den Fragebogen vorher geben. Überlegen Sie sich die einzelnen Punkte zu Hause in aller Ruhe. Will Ihre Bank den Frageraster nicht herausrücken, finden Sie ähnliche Muster im Internet. Bei der Berner Kantonalbank beispielsweise lässt sich der Test online machen (www.bekb.ch, Rubriken «Anlagekunden», «Anlegen», «Risikoprofil», «Risikotest»); nach der Beantwortung von 25 Fragen macht der Computer eine Aussage zum individuellen Risikoverhalten. Und bei der Ersparniskasse des Amtsbezirks Interlaken kann der Fragebogen ausgedruckt werden (Download der Exeldatei (68 kb) von www.eki.ch).

Das Gespräch mit dem Bankberater lässt sich mit solchen Fragebogen jedoch nicht ersetzen, weil auch Steuer- und Versicherungsaspekte in die Anlagestrategie einfliessen sollten. «Aber je besser sich ein Anleger auf das Gespräch vorbereitet und je mehr er über sich selber weiss, desto geringer ist das Risiko einer Fehlberatung», sagt Beobachter-Geldexperte Giuseppe Botti. Nach seiner Einschätzung liegt die falsche, oft zu hoch eingeschätzte Risikobereitschaft am Anfang vieler Probleme, mit denen sich frustrierte Anleger an das Beobachter-Beratungszentrum wenden. «Dabei ist es kein Makel, zu den konservativen Anlegern zu gehören.»

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Aktienanteil darf nicht zu hoch sein

Einem auf Sicherheit bedachten Anleger, der sich vor Kursverlusten fürchtet und zudem schon in drei Jahren wieder auf das Geld angewiesen ist, wird eine seriöse Bank eine Anlagestrategie mit höchstens zehn Prozent Aktienanteil empfehlen. Umgekehrt darf dieser Anteil für eine junge Anlegerin ohne Unterhaltspflichten durchaus bei über 50 Prozent liegen, wenn sie einfach ihre Altersvorsorge regeln will.