Am 22. Mai 2012 startete um 03.44 Uhr eine Falcon-9-Rakete von Cape Canaveral zu ihrer Reise ins All. An sich kein besonderes Ereignis. Seit Jahrzehnten werden von Cape Canaveral Raketen in den Himmel über Florida geschossen, und bei der Falcon 9 handelt es sich auch nicht um eine bedeutende techni­sche Weiterentwicklung. Trotzdem war es kein Raketenstart wie jeder andere. Denn nicht die staatliche Raumfahrtbehörde Nasa führte Regie, sondern Space X, ein privates Unternehmen. Kontrolliert wird es von Elon Musk, einem schwerreichen IT-Unternehmer aus dem Silicon Valley. Musk ist in der IT-Szene eine Legende: Er hat den Internet-Bezahldienst Paypal mitbegründet und ist Mehrheitsaktionär von Tesla, dem Hersteller des ­erfolgreichen Elektro-Sportwagens. Musk ist kein schrulliger Einzelkämpfer. Wer im Silicon Valley Rang und Namen hat, kauft sich heute nicht mehr eine Yacht, sondern beteiligt sich an einem Raumschiff. Paul Allen, Mitbegründer von Microsoft, finanzierte Space­Ship One und ist Miteigentümer von Stratolaunch. Amazon-Gründer Jeff Bezos mischt bei Blue Origin mit, der Ex-Intel-Manager Jeff Greason bei XCOR Aerospace. Hollywood-Regisseur James ­Cameron («Titanic») ist beim Raumschiffrennen ebenso mit von der Partie wie Larry Page von Google.

Man könnte vermuten, die Raumschiffe seien die ­Modelleisenbahnen von Software-Milliardären oder der letzte Schrei, um Reichtum zur Schau zu stellen. Doch das greift zu kurz. Musk ist kein Playboy, sondern ein besorgter Bürger. Angesichts der drohenden Umweltzerstörung und eines immer noch möglichen Atomkriegs sieht er in der Erforschung des Alls eine letzte Chance, das Überleben der Menschheit zu sichern. «Früher oder später müssen wir das menschliche Leben über die Grenzen der grün-blauen Kugel erweitern – oder wir sterben aus», sagt er. Höchste Würdenträger teilen seine Sorgen. Selbst US-Präsident Barack Obama pilgerte schon zu Space X.

Trotzdem ist es gewöhnungsbedürftig, wenn Unternehmer die Erforschung des Alls anpacken. Bisher war das eine Domäne des Staats und des Militärs. Nur Supermächte und Staatengemeinschaften konnten sich solche Abenteuer leisten oder Gross­projekte wie den Teilchenbeschleuniger Cern finanzieren. Doch historisch gesehen knüpfen die Milliar­däre an eine alte Tradition an. Im 18. und 19. Jahrhundert waren es private Gentleman-Forscher, die waghalsigste Expeditionen unternahmen, um den Planeten zu erkunden. Oft arteten diese zu aberwitzigen Abenteuerreisen aus. Ein gewisser Jean Chappe reis­te 1761 monatelang durch Sibirien, um eine seltene Venuspassage zu beobachten. Als er in ein schweres ­Gewitter ­geriet, machten ihn die Einheimischen dafür verantwortlich, weil er stets mit seinem Fernrohr in den Himmel geschaut hatte. Chappe floh und musste froh sein, das nackte Leben retten zu können. Der Astronom Guil­lau­me Le Gentil begab sich für die Beobach­tung der Venus bis nach Indien. Auch er hatte unglaubliches Pech: Nachdem der erste Versuch 1761 gescheitert war, wartete Le Gentil in Indien acht Jahre lang auf seine nächste und letzte Chance. Als es 1769 endlich wieder so weit war, verdeckte eine Wolke die Sicht. Als Le Gentil nach elf Jahren heimkam, hatten ihn seine Angehörigen längst für tot erklärt und sein Gut geplündert.

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Die Gentleman-Forscher der Aufklärung wurden von vielen Zeitgenossen verspottet. Doch die oft spleenigen Exzentriker können sich rühmen, die Fundamente der modernen Naturwissenschaften gelegt zu haben. Auch den Ehrgeiz der Software-Milliardäre sollte man nicht unterschätzen. Das zeigt ein Satz von Craig Venter, dem vermögenden Biologen, der massgeblich an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligt war. Auch er gehört ins Lager der All-Enthusiasten. Gefragt, ob er eigentlich Gott spielen wolle, antwortete er: «Wir spielen nicht.» Das war todernst gemeint.