Beobachter: Mario von Cranach, wie haben Sie Ihr Erspartes angelegt?
Mario von Cranach: Vorwiegend in Wohneigentum. Einiges gebe ich selbstverständlich auch aus. Ich habe viele Kinder und Enkelkinder, was die Sache einfach macht. Wertpapiere besitze ich hingegen keine.

Beobachter: Dann gehören Sie bald zu einer Minderheit. Schliesslich hat schon ein Drittel der Bevölkerung Geld in Wertpapiere investiert.
von Cranach:
Das hat positive und negative Seiten. Grundsätzlich ist es positiv, wenn viele Einzelpersonen Vermögensanteile an Firmen halten. Auch ist es sinnvoll, wenn Gewinne in die Wirtschaft reinvestiert werden, weil die Wirtschaft immer Kapital braucht.

Beobachter: Und welches sind die negativen Aspekte?
von Cranach:
Wahrscheinlich haben die meisten Anleger ein unzureichendes Bewusstsein für die sozialen Folgen, die ihr Umgang mit Wertpapieren mit sich bringt.
Eine Aktie ist ein Papier, dem man nicht ansieht, was dahinter steckt. Je nachdem, ob man kauft oder verkauft, beeinflusst man die Schicksale von Personen, von Firmen oder von ganzen Regionen. Zudem haben die Verwalter dieser Wertpapiere – also Banken oder Pensionskassen – eine grosse Macht, die sie auf die Firmen ausüben können. Oft ist die kurzfristige Gewinnmaximierung das Wichtigste.

Beobachter: Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn sich an der Börse mehr verdienen lässt als mit Arbeit?
von Cranach:
Es ist nicht gut, wenn Spekulation und Glücksspiel zum wirtschaftlichen Hauptprinzip werden. Gegeben hat es das allerdings schon immer. Schon zu Zeiten, als man noch Teeladungen mit Schiffen aus dem Fernen Osten nach Europa brachte, wurde spekuliert.

Beobachter: Dann ist also alles nur halb so schlimm?
von Cranach: Uber längere Zeit betrachtet, wird das Pendel wieder nach der anderen Seite ausschlagen. Sollte der jetzige Trend allerdings anhalten, wäre Pessimismus gerechtfertigt. Denn das würde zu einer zunehmenden Ungleichheit in Vermögen und Einkommen führen und hätte auch Folgen für andere Lebensbereiche. Diese Ungleichheit ist mit unserer Form von Demokratie nicht vereinbar.

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