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Vermögensbildung«Es gibt keine ­risikolose Anlage»

Trotz Krisenjahren an der Börse gelten die alten ­Regeln weiter, so Rolf Biland, Anlagechef der Beratungsfirma VZ Vermögenszentrum.

«Selbst wer sein Geld unters Kopfkissen steckt, lebt gefährlich», sagt Rolf Biland
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Beobachter: Viele Anleger haben das Gefühl, sie können machen, was sie wollen, sie verlieren nur.
Rolf Biland: Diese Wahrnehmung ist bestimmt richtig für die letzten zwölf Jahre, in denen es an den Finanzmärk­ten sehr heftige Abwärts-, aber auch starke Aufwärtsbewegungen gab. Die meisten Schweizer Anleger haben in dieser Zeit Geld verloren.

Beobachter: Und vergessen gern, dass sie ­vorher sehr gut verdient haben?
Biland: Das ist so. In den Achtzigern konnte man fast blind investieren und erzielte im Schnitt gut 15 Prozent Rendite pro Jahr an den Aktienmärkten, zwischen 1995 und 2000 sogar über 30 Prozent, wenn man die richtigen Branchen wählte. Diese 20 Jahre waren eine ­extreme Erfahrung, an die sich viele ­Anleger gewöhnt haben, und sie haben entsprechend inves­tiert. Viel zu risikoreich, wie sich herausstellte. Seit 2000 erleben wir eine Kaskade von ­extrem negativen Entwicklungen: drei heftige Krisen in nur zwölf Jahren.

Beobachter: Hätte man das nicht erwarten müssen?
Biland: Einen heftigen Einbruch schon. Aber niemand konnte vorhersehen, dass die Internetkrise in eine Immobilienkrise münden würde, die eine Bankenkrise ausgelöst hat, die zur aktuel­len Schuldenkrise führte.

Beobachter: Gilt also nicht mehr, dass man nur zehn Jahre warten muss, dann rentieren sich Anlagen in Aktien?
Biland: Das ist tatsächlich eine neue Erfahrung. Sie heisst aber nicht, dass damit das Prinzip der Langfristigkeit ausgehebelt wäre. Denn wie gesagt: Diese Krisenjahre folgten auf eine extrem lange Periode von Gewinnjahren.

Beobachter: Es hat auch nichts genützt, seine Anlagen breit zu streuen.
Biland: Auch darin waren die vergangenen zwölf Jahre speziell. Kaum eine An­lageklasse konnte die Verluste der anderen in dieser Zeit kompensieren.

Beobachter: Warum nicht?
Biland: Weil zu diesen Krisen extreme Ereignisse ausserhalb der Finanzmärkte hinzukamen: 9/11, die Vogelgrippe, der Tsunami oder – dieses Jahr – die Atomkatastrophe von Fukushima. Und weil die verschiedenen Anlageklassen heute extrem miteinander verflochten sind und die Welt viel stärker vernetzt ist. Wenn irgendwo etwas passiert, ist das auf der anderen Seite des Globus sofort spürbar.

Beobachter: Was die Unsicherheit noch erhöht.
Biland: Ja, aber vergessen wir nicht: Nach dem Lehman-Kollaps war die Verunsicherung schon einmal ähnlich gross wie jetzt. Im Unterschied zu damals wissen wir aber, dass wir nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Wenn jetzt Ökonomen Vergleiche mit der Lehman-Krise machen, löst das noch grössere Ängste aus.

Beobachter: Warum?
Biland: Lehman war nur eine einzige Bank, und ihr Kollaps kostete Milliarden. Jetzt geht es mit Griechenland um ­eine ganze Volkswirtschaft. Das verändert viel – erst recht in der Psyche der Investoren. Einige haben das ­Gefühl, die Welt gehe unter.

Beobachter: Was heisst das für Kleinanleger?
Biland: Vor zwölf Jahren sahen alle nur Chancen, heute sehen sie nur Risiken. Beides ist falsch. Kleinanleger müssen für sich herausfinden, welche Risiken sich lohnen, um sich die Chance zu eröffnen, mehr als mit einem Sparkonto zu verdienen. Und dann ausgewogen investieren: langfristig orientiert und breit diversifiziert. Man darf nie zu viel auf eine Karte setzen. Das wäre zu gefährlich.

Beobachter: Reicht das bereits?
Biland: Man muss sich immer wieder Grundsatzfragen stellen: Warum überhaupt lege ich mein Geld an? Welche Ziele verfolge ich damit? Wie viel Verlust kann ich einstecken? Man sollte sich auch bewusst sein, dass weder Geld noch Gold Werte schaffen. Wertschöpfung entsteht, wenn Unternehmen und Volkswirtschaften gedeihen. Man darf sich auch punkto Sicherheit nichts vormachen: Wer Geld anlegt, geht Risiken ein. Die risikolose Anlage, die sich jetzt viele wünschen, gibt es nicht. Selbst wer sein Erspartes unters Kopfkissen steckt, lebt gefährlich: Das Geld kann gestohlen werden.

Beobachter: Wohin geht die Reise jetzt?
Biland: Die aktuellen Preise deuten darauf hin, dass man vom Schlimmsten ausgeht, die Schuldenkrise nicht gelöst wird und wir in den nächsten zehn Jahren eine sehr lethargische Entwicklung der Weltwirtschaft erleben werden. Aber nochmals: Die Welt wird auch diesmal nicht untergehen.

Beobachter: Aber die Perspektiven sind im Moment doch richtig mies?
Biland: Bis die Schuldenkrise gelöst ist, werden wir nur ein schwaches Wachstum haben, und die Gewinne der Unternehmen steigen nur langsam. Das bedeutet tiefe Renditen. Dass man wie früher acht Prozent pro Jahr an den Aktienmärkten verdient, ist unrealistisch. Immerhin dürfte die Inflation noch länger tief und damit die Kaufkraft der Ersparnisse erhalten bleiben.

Beobachter: Wo sehen Sie Chancen?
Biland: Verschiedene Volkswirtschaften kennen die Verschuldungsproblematik nicht. Zum Beispiel die Schwellenländer Asiens. Die haben auch ihre Probleme, aber auch ein tolles Wachstum, demographisch grosse Chancen, und die Zahl der Menschen, die der Armut entfliehen können, steigt rasant.

Beobachter: Ihr Tipp?
Biland: Sich mit gesundem Menschenverstand fragen, wo die Risiken liegen, und dort nicht schwergewichtig inves­tieren, denn Risiko und Chance sind untrennbar miteinander verbunden. Dann hat man bereits einen Grossteil seiner Hausaufgaben gemacht.

Veröffentlicht am 17. November 2011