Beobachter: In der Wirtschaft jagt eine Schreckensmeldung die andere. Wann kommt die Rezession?
Franz Jaeger: Gar nicht. Ich gehe davon aus, dass wir zwar eine Abschwächung des Wachstums erleben werden, aber mit recht hoher Wahrscheinlichkeit keine gesamtwirtschaftliche Rezession.

Beobachter: Warum so optimistisch? Immerhin dominieren Bankenkrise, trudelnde Aktienmärkte und die steigenden Ölpreise die Berichterstattung in den Medien.
Jaeger: Viele Faktoren deuten klar darauf hin, dass die Schweizer Wirtschaft sehr fit ist. Wir haben eine unglaublich starke Phase hinter uns, in der wir deutlich über unseren langfristigen Möglichkeiten gewachsen sind. Die Arbeitslosigkeit ist mit 2,5 Prozent auf dem Sockel, der Arbeitsmarkt zeigt Mangel­erscheinungen. Viele Unternehmen finden nicht genügend Leute, vor allem in techni­schen Berufen. In Sachen Wachstum sind wir - obwohl nicht Mitglied der EU - vom Schlusslicht zum Spitzenreiter aufgestiegen, vor den Iren, den Dänen und den Norwegern. Nach einer so hitzigen Wachstums­phase ist eine Abschwächung im Rahmen des normalen Konjunkturzyklus unvermeidlich. Ich denke, wir haben eine wohltuend beruhigte Phase vor uns. Bereits im Jahr 2010 wird das Wachstum wieder anziehen.

Beobachter: Glänzende Aussichten also?
Jaeger: Glänzend - allerdings mit ein paar Gewitterwolken. Wir dürfen nicht vergessen, dass eigentlich ein dreifaches Problem vorliegt: abschwächende Konjunktur, Finanzkrise und die stark steigenden Rohstoffpreise wie etwa beim Erdöl. Die Schweiz wird sich diesen Problemen leider nicht ganz entziehen können.
Beobachter: Wo liegt das grösste Risiko? Beim Konjunktur­abschwung, bei der Finanzkrise oder bei den steigenden Rohstoffpreisen?
Jaeger: Kurzfristig, für die nächsten zwölf Monate, ist es wohl die Finanzkrise. Die ist noch nicht ausgestanden. Banken und Versicherungen, darunter auch die UBS, werden insgesamt wohl noch weitere Milliardenabschreiber hinnehmen müssen. Aber der Brandherd ist entdeckt, überall ist man daran, Massnahmen zu treffen. Finanz­institute werden unter der Führung der Notenbanken rekapitalisiert, die Notenbanken, darunter auch die Schweizerische Nationalbank, machen einen hervorragen­den Job. Je grösser die Bank, desto kleiner ist die Gefahr, dass sie abstürzen wird: Der Staat kommt ab einer gewissen Grösse eines Finanzinstituts gar nicht darum he­rum, helfend unter die Arme zu greifen, weil es sonst zu einer Finanzkrise kommen könnte. Es werden Regulative eingebaut. Die Finanzwelt wird nachher nicht mehr die gleiche sein.

Beobachter: Die Verluste der UBS werden zum Teil mit einer gewissen Häme quittiert. Wie wichtig ist denn die UBS für die Schweizer Wirtschaft?
Jaeger: Das Bankensystem ist ein starker Eck­pfeiler unserer Wohlstandsentwicklung, sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Bildungsmarkt. Wenn die UBS in echte Nöte geraten würde, hätte das negative Auswirkungen nicht nur auf unseren Finanzplatz und seine internationale Reputation, sondern auch auf das allgemeine Wirtschaftswachstum, auf die Beschäftigung und die Steuereinnahmen. Es wäre mit enormen Steuerausfällen zu rechnen.

Beobachter: Damit rechnen Sie aber nicht?
Jaeger: Nein. Klar haben wir mit der UBS und der Swiss Re einen Imageverlust erlitten. Insgesamt aber ist die Reputation unseres Bankensystems intakt. Es gilt immer noch als das weltbeste. Die Kantonal- und die Raiffeisenbanken haben ein starkes Risk-Management, ein grosser Teil des Welt­vermögens wird nach wie vor hier in der Schweiz verwaltet.

Beobachter: Die Kurse der Banken sind im Keller. Auch der Swiss Market Index SMI, der Börsenindex der 20 grössten Schweizer Firmen, hat Mitte Juli seinen Drei-Jahres-Tiefststand erreicht. Manche Experten sind der Meinung, dass die Aktienkurse die Entwicklung der realen Wirtschaft vorwegnehmen.
Jaeger: Ja, ich bin sogar ein überzeugter Vertreter dieser These. Die Börse und die Finanzmärkte stellen oft eine bessere Prognose als die Konjunkturforschungsstellen. Die Börsenbarometer beinhalten unglaublich viel Information über die Zukunft.

Beobachter: Würde gemäss Ihrer Hypothese der tiefe SMI nicht doch eine Rezession ankünden?
Jaeger: Nein, die Börsenindizes verzeichneten in den letzten Jahren einen klaren Trend nach oben. Nun gibt es eine natürliche, vorübergehende Konjunkturabschwächung, verstärkt durch die Finanzkrise. Dementsprechend haben wir eine niedrigere Wachstumsquote. Der Negativtrend beim SMI und SPI ist eine Folge des abgeschwächten Wachstums. Sobald aber positive Nachrichten zu vermelden sind, springt der Kurs sofort an.

Beobachter: Reden wir vom Öl. Warum ist es so teuer?
Jaeger: Das Ölproblem ist ein Nachfrageproblem. In den Schwellenländern, den sogenannten Brics-Ländern (Brasilien, Russland, ­Indien, China, Südafrika), steigt die Nachfrage. Wie der jüngste G-8-Gipfel gezeigt hat, sind diese Länder nicht bereit, auf andere Energiequellen umzustellen. Das treibt den Preis in die Höhe. Man muss für diese Länder ein gewisses Verständnis aufbringen, denn sie müssen erst einmal ihr Armutsproblem lösen. Der Einfluss von Ölspekulanten auf die Preisbildung ist, entgegen dem, was man lesen konnte, nicht so hoch und in der Wissenschaft umstritten.

Beobachter: Wie stark beeinflusst denn der Ölpreis die schweizerische Volkswirtschaft?
Jaeger: Hier stehen wir natürlich vor einer riesigen Herausforderung. Das Ölpreisproblem kön­nen wir nicht lösen. Lösen müssen wir das Ölproblem. Wir müssen vom Öl wegkommen, das ist eine Notwendigkeit. Ein hoher Preis setzt hierzu den richtigen Anreiz. Vergessen wir aber nicht, dass ein hoher Ölpreis weitere Vorteile hat. Die Preissteigerungen bringen den erdölproduzierenden Ländern einen Riesenprofit. Vor allem die Golfstaaten investieren sehr gern in unsere Unternehmen, weil die Schweiz eine ausgezeichnete Reputation im Hightech- und im Dienstleistungsbereich geniesst.

Beobachter: Ein Nachteil aber ist, dass der hohe Ölpreis verantwortlich ist für die Teuerung.
Jaeger: Ja. Wir haben eine Teuerung, die vorerst nichts mit Inflation zu tun hat. Von Infla­tion reden wir erst, wenn die Teuerung über die Lohn-Preis-Spirale auf die übrigen Güter überspringt und deswegen eine Inflationsmentalität entfacht wird. Dann sollte die Notenbank eingreifen und die Zinsen erhöhen, vorher nicht. Gewerkschaften sollten zurückhaltend sein mit ihren Lohnforderungen.

Beobachter: Warum? Schliesslich droht sonst der Verlust von Kaufkraft.
Jaeger: Ich befürworte einen Teuerungsausgleich und habe Verständnis für die Forderungen der Gewerkschaften. Aber jetzt dürfen wir nicht tel quel die ölpreisbedingte Teuerung mit höheren Löhnen kompensieren. Wenn wir das tun, fängt die Lohn-Preis-Spirale an zu drehen, dann steigen unvermeidlich die Zinsen. Davon hat niemand etwas, auch die Gewerkschaften nicht. Ich sage den Arbeitnehmervertretern immer wieder: Denkt doch an die Vergangenheit, das hat schon damals nie geklappt.

Beobachter: Sie haben die Zinspolitik der Nationalbank angesprochen. Diese interessiert vor allem die Eigenheimbesitzer. Mit welchen Zins­sätzen können Hausbesitzer rechnen?
Jaeger: Wenn die Konjunktur sich beruhigt und die Rohstoffpreise nicht weiter ansteigen, können wir kurzfristig mit stabilen, even­tuell sogar mit leicht rückläufigen Zinsen rechnen.

Beobachter: Und die mittelfristige Perspektive, wie entwickeln sich die Zinsen in den kommenden fünf Jahren?
Jaeger: Ich gehe davon aus, dass wir beim nächsten Aufschwung mit einem - wenn auch bescheidenen - Anstieg der Zinsen rechnen müssen.

Beobachter: Bedeuten die guten wirtschaftlichen Aussichten auch, dass die Arbeitslosenzahlen tief bleiben?
Jaeger: Im Abschwung schlägt die Konjunktur­entwicklung immer nach einer Verzögerung von ein bis eineinhalb Jahren auf den Arbeitsmarkt durch. Entsprechend werden wir nächstes Jahr eine moderat höhere Arbeitslosenquote haben. Längerfristig sehe ich aber ganz andere Probleme auf uns zukommen.

Beobachter: Nämlich?
Jaeger: Die Megatrends Demographie, Klimawandel und vor allem: die Wasserknappheit und der Hunger in der Welt. Mit der Demographie und dem Klimawandel werden wir umgehen können. Der Hunger aber ist ganz schwierig, denn die Lösung dieses Problems steht im Widerspruch zum Problem des Klimawandels. Wir können den armen Ländern nicht einfach sagen, sie sollen ihre Maschinen abschalten, wenn sie den Hunger bekämpfen wollen.

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