Die lokalen Versicherungsagenten «sind Sturm gelaufen», erzählt Thomas Stricker, Gemeinderatsschreiber in Uzwil SG. Die Gemeinde hatte es gewagt, den «Heimatschutz» für die ortsansässigen Agenturen aufzuheben und ihr Versicherungsportefeuille einem spezialisierten Treuhänder zu übergeben.

Was sich auszahlte: Bei «spürbar besseren Leistungen» betrage die Prämieneinsparung rund 130000 Franken pro Jahr, heisst es im Geschäftsbericht der Gemeinde. Für die Personen-, Sach- und Motorfahrzeugversicherungen von politischer Gemeinde, Schulen, technischen Betrieben, Alters- und Pflegeheimen sowie der regionalen Suchtberatungsstelle müssen statt deutlich über 600000 Franken noch rund 500000 Franken Prämien pro Jahr bezahlt werden.

Wettbewerb hilft sparen

«Die Gemeinden verfügen in der Regel gar nicht über das notwendige Fachwissen im deregulierten Versicherungswesen. Da braucht es Profis», ist Stricker überzeugt. Und die Zahlen geben ihm Recht. Überall dort, wo die Gemeinden ihre Versicherungen überprüfen, summieren sich bedeutende Einsparungen:

  • Obwohl nur die ortsansässigen Versicherungsgesellschaften zu Offerten eingeladen wurden, sparen Schulgemeinde und politische Gemeinde im sanktgallischen Diepoldsau ab 2001 rund 65000 Franken jährlich. Das sind über 20 Prozent weniger Prämien als bisher. In Zukunft wird eine Versicherungsgesellschaft sämtliche Schadensfälle regulieren, die übrigen Gesellschaften sind anteilsmässig am Gesamtportefeuille beteiligt. Damit bleibt die Kirche im Dorf. Hätte man alle in der Schweiz vertretenen Versicherungsgesellschaften berücksichtigt, wären noch tiefere Prämien möglich gewesen.

  • Seit ein Versicherungsbroker das Portefeuille betreut, können in Widnau SG total über 80000 Franken jährlich eingespart werden. Allein dank der marktgerechten Versicherung der Dreifachturnhalle spart die Gemeinde 21000 Prämienfranken.

  • Die kleine Gemeinde Tafers FR zahlte bislang 60000 Franken Prämien. Neu kann rund ein Drittel eingespart werden. Die Kosten für die neutrale Expertise von 7700 Franken haben sich schon nach wenigen Monaten amortisiert.

Es spielt der «Steuerzahlerbonus»

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Auch auf kantonaler Ebenen läppern sich riesige Summen zusammen. So liess Bern seine rund 1000 Einzelverträge mit Versicherungen im Gesamtwert von gegen 30 Millionen Franken erst durch einen privaten Versicherungsbroker zusammenführen und dann 1999 öffentlich ausschreiben. Erzielte Einsparung: fast sechs Millionen Franken.

Die öffentliche Submission von Versicherungsleistungen ist in vielen Gemeinden nach wie vor die Ausnahme. Vielerorts zählt noch immer der «Steuerzahlerbonus»: Aus Rücksicht auf die ortsansässigen Versicherungsagenten wird auf Angebotsrunden verzichtet und das Portefeuille freihändig verteilt. Sitzt ein Agent auch noch im Gemeinderat oder bestehen sonst enge Bande zu den Versicherern, bleibt der Wettbewerb tabu.

Zwar bieten der Schweizerische Gemeindeverband und der Schweizerische Städteverband einen Versicherungsberatungsdienst an, den Hunderte von Verwaltungen in den letzten Jahren beansprucht haben. Doch mit der Unabhängigkeit ist es nicht weit her. Mit dem Mandat betraut ist nämlich die Berner Trees AG Risikoberatung und Versicherungs-Services, die zu 100 Prozent der Protekta Rechtsschutzversicherungs AG gehört. Und die Protekta wiederum ist eine Tochter der Schweizerischen Mobiliar Holding AG – einer der grössten Mitbewerberinnen bei Sach- und Personenversicherungen.

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Trees-Geschäftsführer Roberto von Aesch versichert zwar, dass die Beratungen absolut «neutral» geführt würden, «sonst könnten wir am Markt nicht bestehen». Er gibt aber den «Schönheitsfehler» zu und kündigt aufs Jahr 2001 eine neue Besitzstruktur an.

Nach Einschätzung von Urban Hämmerle von der St. Galler RVT Versicherungstreuhand AG leisten sich 80 Prozent der Gemeinden zu teure oder nicht risikogerechte Versicherungen. Bei den Gemeinden, die der RVT den Auftrag zur Überprüfung der Versicherungspolicen erteilten, lagen die erzielten Einsparungen jeweils zwischen 20 und 30 Prozent.

Zu ähnlichen Resultaten kommt das VZ Versicherungszentrum in Zürich. Dazu VZ-Vertreter Stefan Thurnherr: «Im Sach- und Firmenversicherungsbereich sind die Prämien mit der Deregulierung um bis zu 50 Prozent gesunken. Wer da noch gleich viel Prämien bezahlt wie vor fünf Jahren, vergoldet die Agenten.»

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Vor allem Gemeinden mit «gutem Risiko» – also mit wenig Schadensbelastung – haben gute Karten im Prämienpoker. Thurnherr beziffert die durchschnittliche Einsparung für Gemeinden ab 50 Mitarbeitern mit 25 Prozent. Denn es braucht eine gewisse Grösse, um von Gruppenrabatten profitieren zu können.

Eine weitere Möglichkeit, Prämien zu sparen, bietet der vor wenigen Monaten gegründete V-Pool. Der Pool funktioniert als Einkaufsgenossenschaft und will kleinere Versicherungsnehmer bündeln, um als Grosskunde von günstigeren Konditionen zu profitieren.

Initiant Alfred Baumgartner von der Versicherungs-Koordinations AG in Zollikofen BE hat ehrgeizige Ziele: «Gutes Risiko vorausgesetzt, werden V-Pool-Mitglieder ihre Prämien um mindestens 30 bis 35 Prozent senken können.» Wer eine überdurchschnittlich hohe Schadensbelastung aufweist, wird nicht in den Pool aufgenommen.

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Baumgartners Kalkulation: Je nach Versicherungstyp kassieren die Agenten 7,5 bis 15 Prozent Provisionen. Diese fliessen in den Pool, ebenso wie die Grosskundenrabatte, die fünf bis zehn Prozent der Prämie ausmachen. Werden die Versicherungsverträge entsprechend optimiert, liegen weitere 15 bis 20 Prozent Einsparungen drin. Der V-Pool operiert verkaufsunabhängig und stellt ausschliesslich den Beratungsaufwand in Rechnung.

Prämiendifferenzen sind gewaltig

Wie sehr sich seriöse Prämienvergleiche auszahlen, zeigt auch das Beispiel der Spital-Region Oberaargau (SRO). Nach dem Zusammenschluss von vier Regionalspitälern zur SRO auf Anfang 2000 mussten die Versicherungsverträge angepasst werden. 13 Versicherungen beteiligten sich an der öffentlichen Submission, der Zuschlag ging an die Gesellschaft mit dem jeweils günstigsten Angebot.

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Es ergaben sich enorme Unterschiede: So offerierte etwa die «Winterthur» eine Betriebshaftpflichtversicherung (Selbstbehalt: 5000 Franken) für Fr. 1244470.50, während sich die «Basler» mit 499719 Franken begnügte – ein Unterschied von über 740000 Franken. Bei der Krankentaggeldversicherung für Frauen lagen die Helsana als günstigste Anbieterin und die «Genfer» als teuerste um stolze 239700 Franken auseinander. Die SRO spart dank dem Wettbewerb jährlich Millionen ein.

Selbst bei den Versicherern fragt man sich, wie lang die Kunden noch überrissene Prämien schlucken. Hans Gmünder, Chef der «Winterthur» International, wurde kürzlich an einer Tagung des Worldwide Broker Network in Zürich deutlich: «Die Versicherungsnehmer sind in Zukunft nicht mehr bereit, bis zu 40 Prozent der Prämien allein für die Verwaltungskosten zu bezahlen.» Gmünder fordert von den Brokern ein neues Rollenverständnis: weg vom Verkauf mit Provisionen, hin zu einer nach Aufwand bezahlten Beratung.

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