Beobachter: Die reichsten drei Zürcher haben mehr Vermögen als 412'000 andere Zürcher zusammen. Das belegen Sie erstmals mit statistischen Zahlen. Gab es diese Kluft zwischen Arm und Reich nicht schon immer?
Hans Kissling: Die ungleiche Vermögensverteilung hat sich in den letzten Jahren radikal zugespitzt. 1991 hatten die drei reichsten Zürcher so viel Vermögen wie 45 Prozent der ärmeren Zürcher, 2003 besitzen sie schon so viel wie 56 Prozent. Das ist eine dramatische Entwicklung in dieser kurzen Zeit.

Beobachter: Schon Karl Marx hat vorausgesagt, dass immer weniger immer mehr als die andern haben werden. Wie kommt ein Chefstatistiker zum Klassenkampf?
Kissling: Es geht mir überhaupt nicht um Klassenkampf. Die Realität ist radikal, nicht meine Haltung. Als Statistiker stelle ich nur fest. Und während meiner 14 Jahre als Chef des Statistischen Amtes des Kantons Zürich beobachtete ich, wie sich immer grössere Vermögen auf immer weniger Personen konzentrierten.

Beobachter: Sie sprechen von einer Entwicklung hin zu einem neuen Feudalismus in der Schweiz. Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?
Kissling: Nein. In den nächsten 30 Jahren werden jedes Jahr vier Personen mehr als eine Milliarde erben! Aus diesen riesigen Vermögen entstehen sehr hohe Einkommen durch Zinserträge, Dividenden oder Wertsteigerungen auf Wertpapieren - ohne dass dafür die geringste eigene Leistung erbracht werden muss. Und diese grossen Vermögen erlauben einen grossen politischen Einfluss. Das ist Feudalismus pur. Superreiche Erben schaden uns.

Beobachter: Weshalb schaden sie uns?
Kissling: Erstens: Die Vererbung von politischer Macht widerspricht radikal unserem Verständnis von Demokratie. Zweitens zeigen Studien, dass sich Länder mit hoher Ungleichheit wirtschaftlich schlechter entwickeln als Länder mit wenig Ungleichheit.

Beobachter: Die USA haben eine grosse Ungleichheit, aber trotzdem ein hohes Wirtschaftswachstum.
Kissling: Das war aber nur möglich, weil sich die US-Haushalte immer mehr verschuldet haben. Ausserdem tun die Superreichen Amerikas viel mehr für den Leistungswettbewerb als die superreichen Schweizer. Nehmen Sie zum Beispiel Bill Gates: Von seinen Dutzenden von Milliarden Franken vererbt er bewusst nur je zehn Millionen an seine Kinder. Der Rest geht an eine gemeinnützige Stiftung. Die USA haben das Problem der Feudalisierung auch schon vor Jahrzehnten erkannt und mit einer hohen Erbschaftssteuer für Reiche Gegensteuer gegeben.

Beobachter: Was Sie ja auch für die Schweiz fordern. Wie müsste eine solche Steuer aussehen?
Kissling: Nur Erbschaften ab einer Million Franken sollen besteuert werden. Dafür aber mit 50 Prozent. Der Ertrag von rund zehn Milliarden Franken muss voll zur Senkung der Einkommenssteuern der unteren und mittleren Schichten eingesetzt werden. So könnten diese Leute leichter Vermögen bilden. Die Ungleichheit nähme ab.

Beobachter: In den letzten zehn Jahren hat das Stimmvolk in fast allen Kantonen die Erbschaftssteuer abgeschafft. Wieso soll Ihre Idee Chancen haben?
Kissling: Die Chancen für eine nationale Erbschaftssteuer stehen gut - sofern der Freibetrag hoch ist. Das hat gerade eine Umfrage Ihrer Zeitschrift gezeigt: 70,5 Prozent der Befragten befürworten eine Erbschaftssteuer ab einer Million Franken (siehe Artikel zum Thema «Geldsegen: Wer erbt, soll zahlen!»).

Beobachter: Dann ist jetzt fertig mit dem Pensioniertenleben. Sie starten eine Volksinitiative?
Kissling: Nein. Ich will nicht Politiker werden, sondern nur die Diskussion anregen.

Quelle: Ursula Meisser
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