«Wann nimmt dieser Kampf denn ein Ende?», fragt sich Mario De Bona jeden Morgen, wenn er in der psychiatrischen Klinik aufwacht und nicht weiss, wie es weitergehen soll. Die gleichen Sorgen verfolgen den 50-Jährigen abends, wenn er sich mit Rückenschmerzen ins Bett legt und nicht weiss, ob ihn in der Nacht erneut eine Panikattacke durch die Hölle jagen wird.

Neben den gesundheitlichen Problemen machen Existenzängste dem ehemals selbstständigen Gewerbetreibenden das Leben schwer. De Bona kämpft seit über sieben Jahren für eine IV-Rente, obwohl ihn diverse Gutachten längst als arbeitsunfähig eingestuft haben. Der Irrlauf durch die Amtsstellen hat seine psychischen Beschwerden verstärkt. An ein geregeltes Berufsleben ist nicht mehr zu denken.

Die Situation hat sich zugespitzt, seit die «Winterthur» die Behandlungskosten nicht mehr übernimmt und die Taggelder gestrichen hat. Die psychischen Beschwerden stünden in keinem Kausalzusammenhang mit den vor Jahren erlittenen Unfällen, heisst es von Seiten der Versicherung.

1994 hatte sich der Patient bei einem Treppensturz Rückenverletzungen zugezogen, 1998 folgte ein weiterer Sturz. Die chronischen Schmerzen lösten bei De Bona Panikattacken aus und führten schliesslich zum Klinikaufenthalt. Das Einspracheverfahren gegen den Beschluss der Versicherung ist seit einem Jahr hängig.

Anders als die «Winterthur» beurteilt die Zürcher Höhenklinik Davos den Sachverhalt. In einem Gutachten hält sie fest, die psychischen Leiden seien vollumfänglich auf die Unfälle zurückzuführen. Auch die Krankenkasse Swica unterstützt den Patienten vorbehaltlos. Für De Bonas Rechtsvertreter Jürg Schlatter ist das jahrelange Seilziehen mit der IV-Stelle Frauenfeld und der «Winterthur» ein kaum nachvollziehbarer, «absoluter Extremfall».

Dass das Verfahren aussergewöhnlich lange dauere, gibt auch das Amt für AHV und IV des Kantons Thurgau zu. «Sieben Jahre bis zum Entscheid sind auch für uns absolut unbefriedigend und ungewöhnlich», hält Stellenleiter Markus Odermatt fest. Es sei hier «bedauerlicherweise insbesondere auch im internen Ablauf zu zwei unverständlich langen Liegezeiten gekommen». Personelle Engpässe hätten den Ablauf zusätzlich verzögert. «Primär möchten wir uns dafür bei Herrn De Bona entschuldigen.» Ein verfeinertes Kontrollsystem solle nun Dossiers mit langen Wartezeiten herausfiltrieren.

Mehr psychisch Kranke

Für den Betroffenen ist diese Entschuldigung ein schwacher Trost. Nach wie vor ist bei der IV-Stelle eine Einsprache bezüglich der Rentenabstufung hängig. Rechtsvertreter Schlatter forderte Mitte Mai eine volle IV-Rente – rückwirkend auf den Beginn der Leidenszeit.

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De Bona mag ein Extremfall sein, ein Einzelfall ist er nicht. Die kantonalen IV-Stellen sind hoffnungslos überfordert, dem System droht der Kollaps. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Rentenbezüger von 140000 auf 220000, und die Anmeldungen nehmen jährlich um rund sieben Prozent zu – bei gleich bleibendem Personalbestand. «Mit unseren 1300 Mitarbeitenden, die jährlich mehr als 330000 Leistungsanträge bearbeiten, können wir dem Anspruch auf ein rasches Verfahren nicht mehr gerecht werden», begründet Andreas Dummermuth, Präsident der Schweizerischen IV-Stellen-Konferenz, die langen Wartezeiten (siehe Nebenartikel «Die Nachfrage nach IV-Renten wird weiter steigen»).

Zugenommen hat vor allem der Anteil der psychisch Kranken mit heute 36 Prozent – das sind dreimal mehr als vor 15 Jahren. Macht sich eine schleichende Invalidisierung durch Psychiatrisierung breit?

Dass psychische Erkrankungen zunehmen, schliesst Renato Marelli, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie (SGVP), nicht aus. Anderseits könne die moderne Psychiatrie dank verbesserten diagnostischen Methoden und erweiterten therapeutischen Möglichkeiten auch mehr Störungen erfassen. «Je genauer die diagnostischen Methoden in der Medizin wurden, desto häufiger zeigte sich, dass in vielen Fällen die psychischen Aspekte und weniger die körperlichen für die Behinderung massgebend waren», erklärt Marelli.

«Eine undankbare Aufgabe»

Ein weiterer Grund für die drastische Zunahme: Der steigende Leistungsdruck im Arbeitsleben belastet besonders Menschen mit einer leichten Behinderung. Sie fallen als Erste aus dem Arbeitsprozess heraus. Der Leitsatz «Eingliederung vor Rente» greift bei psychisch Behinderten in der Regel zu spät, hält Gerhard Ebner, Leiter des Psychiatriezentrums Schaffhausen, fest: «Dem Psychiater bleibt häufig nur die undankbare Aufgabe, eine Invalidität festzustellen, die vorher schon bestanden hat.»

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Ein scharfer Kritiker des heutigen Systems ist Peter Hasler, Direktor des Arbeitgeberverbands und Vizepräsident des Suva-Verwaltungsrats. Die IV werde als «Auffangbecken für Leute missbraucht, die von Firmen, der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe abgeschoben werden», sagte er in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Gerhard Ebner sieht in dieser Entwicklung ein bekanntes Muster. Die Psychiatrie werde immer wieder «auch dazu instrumentalisiert, gesellschaftlich ungelöste Fragen zu lösen», wie dies früher auch beim Schwangerschaftsabbruch oder bei der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen der Fall gewesen sei.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für den Psychiater Renato Marelli die wichtige Frage, «welche Auswirkungen psychischer Störungen durch die Sozialversicherung abgedeckt sein sollen und welche nicht». Als Beitrag zur fachlichen Harmonisierung hat die Schweizerische Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie im April eine «Betaversion» neuer Leitlinien für die Begutachtung psychischer Störungen herausgegeben. Gutachten sollen künftig dazu dienen, «einen allfälligen Gesundheitsschaden im psychiatrischen Fachgebiet und im gesamtmedizinischen Zusammenhang festzustellen».

Auf eine Harmonisierung der IV setzt auch Sozialminister Pascal Couchepin. Noch bevor die 4. IV-Revision Anfang 2004 in Kraft tritt, denkt er laut über die Botschaft zur 5. Revision nach, die er im Frühjahr gleichen Jahres in die Vernehmlassung schicken will. Mit einer einheitlichen Entscheidungspraxis bei der Rentenbemessung, der Früherkennung und einer aktiven Eingliederungspolitik soll das Abgleiten in die Invalidität gebremst werden.

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Ein Umdenken tut Not. Die bisherigen Anstrengungen sind alles andere als vielversprechend und wenden den Leitsatz «Eingliederung vor Rente» ins Gegenteil um: «Einmal Rente – immer Rente.» Von den rund 49700 IV-Renten, die letztes Jahr revidiert wurden, blieben 41700 unverändert, 5300 wurden heraufgesetzt, 1000 gesenkt und lediglich 1700 aufgehoben.

Für Mario De Bona bleibt der Wiedereinstieg ins Berufsleben eine Illusion, ihm geht es um ein menschenwürdiges Überleben: «Der Kampf um die Rente hat mich zermürbt.» Er fühle sich zum Bittsteller erniedrigt, eingeschlossen «wie ein Tier in der Falle». Um den unaufhörlichen Rückenschmerzen die Spitze zu nehmen und ein anderes Körperempfinden zu entwickeln, läuft er regelmässig barfuss über steinige Wege. «Verglichen mit meinem jetzigen Zustand, wäre ein Bein zu opfern das kleinere Übel», sagt er. «Dann wäre mein Leiden wenigstens augenfällig, und ich sähe mich nicht gezwungen, mich immer zu rechtfertigen.»

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