Werner Durrer, Leiter der IV-Stelle des Kantons Luzern, bringt es auf den Punkt: «Wir sind am Rotieren!» Die Vorbereitungen für die Umsetzung der 5. IV-Revision laufen in den Kantonen auf Hochtouren. Ab dem 1. Januar 2008 müssen sich die Angestellten der Invalidenversicherung intensiver um die Versicherten kümmern. Schon nach 30 Tagen Arbeitsunfähigkeit wollen sie eingreifen und dafür sorgen, dass die Betroffenen ihre Stelle behalten können oder rasch eine neue finden. Einzelgespräche mit den Gesuchstellern sind unumgänglich. Diese Versprechen, die das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) im Vorfeld der Abstimmung gegeben hat, müssen die IV-Stellen einlösen.

Die Mitarbeiter müssen umlernen
In Zürich arbeiten deshalb ab kommendem Januar 39 Personen mehr als noch vor einem Jahr. «Ob der Personalbestand ausreicht, um die Aufgaben der 5. IV-Revision zu erfüllen, wird die Zukunft weisen», sagt Leiter Reto von Steiger. In Luzern stellte Werner Durrer für die Früherkennung und -integration zehn neue Fachkräfte ein. «Wir haben die vom BSV bewilligten Personalressourcen ausgeschöpft», sagt der IV-Stellen-Leiter. Seinen Kollegen geht es nicht anders. Markus Gamper, Leiter der IV-Stelle Bern, hat 20 neue Mitarbeiter eingestellt und äussert trotzdem Befürchtungen: «Ich habe grosse Bedenken, ob diese Aufstockung ausreicht.»

Unbegründet ist diese Befürchtung Gampers nicht. IV-Chef Alard du Bois-Reymond bestätigt: Zu den bisher 1'895 Vollzeitstellen bräuchte es gesamtschweizerisch 300 zusätzliche, um den grösseren Arbeitsaufwand zu bewältigen. Bewilligt hat das BSV lediglich 243. Denn: «Die Umsetzung der Revision ist mit Unsicherheiten verbunden. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie viele Meldungen im Zusammenhang mit der Früherkennung an uns gelangen», begründet du Bois-Reymond die Zurückhaltung. Es sei leichter, nachträglich Personal aufzustocken, als Leute zu entlassen.

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Entscheidender als die neuen Instrumente und der grössere Personalaufwand, für den das BSV pro Jahr rund 30 Millionen Franken mehr aufwendet, sei das Umdenken, das bei den Angestellten nötig ist. Daher besuchten die Mitarbeitenden Schulungen. «Der Wandel vom Renteninstitut zur Eingliederungsversicherung verlangt einen Haltungswechsel. Dieser findet nicht in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar statt», gibt du Bois-Reymond zu bedenken. Für das gesamte Personal der IV gelten ab diesem Zeitpunkt die vier Leitsätze: Geschwindigkeit vor Präzision, Gespräche vor Akten, Ergebnis vor Reglement sowie Strenge und Fairness (siehe nachfolgende Box «Das Ziel: Möglichst keine neuen IV-Rentner»).

Auch an Ärzten mangelts
Bei der strengen, aber fairen Behandlung der Versicherten soll der Regionale Ärztliche Dienst helfen. Er ist für die abschliessenden Gutachten verantwortlich. Allerdings fehlt es auch hier an Personal. Der Berner IV-Stellen-Leiter Markus Gamper und einige seiner Kollegen sprechen von Ärztemangel. Alard du Bois-Reymond weiss um das Problem. Der Beruf des Versicherungsarztes erscheine vielen unattraktiv und sei schlechter bezahlt als die Arbeit in einer Praxis. «Wir haben noch nicht einmal das Soll der 4. IV-Revision erfüllt. Von 200 Stellen sind noch 20 vakant.»

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Das Ziel: Möglichst keine neuen IV-Rentner
Das Bundesamt für Sozialversicherungen will die Zahl der Neurenten tief halten. Daher arbeitet die IV nach vier Leitsätzen:

  • Geschwindigkeit vor Präzision: Bisher brauchte es 100-prozentige Sicherheit darüber, dass ein Versicherter nicht mehr arbeiten kann. Abklärungen dauerten bis zu drei Jahre.
  • Ab 1. Januar geht es darum, jemanden innert Monaten wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. 80-prozentige Sicherheit, dass er arbeitsfähig ist, reicht aus.Gespräche vor Akten: Bisher erfolgte der Entscheid «Rente ja oder nein» per Aktenstudium. Um Betroffene auf dem Arbeitsmarkt einzugliedern, müssen Berater mit ihnen Gespräche führen.
  • Ergebnis vor Reglement: Das BSV hat unzählige Reglemente erstellt. Künftig schreibt es nicht mehr jedes Detail vor.
  • Strenge und Fairness: Aufgabe der IV-Mitarbeiter ist, die Zahl der Neurenten möglichst klein zu halten. Negativentscheide sollen sie fair kommunizieren.
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