Dr. med. Pascal Vallotton sieht sich umzingelt von einer Allianz von Quacksalbern. In einem Leserbrief der «Schweizerischen Ärztezeitung» warnt er: Die Alternativmedizin sei «ein Akt des Glaubens ohne greifbaren Beweis», eine Medizin fussend auf «Offenbarungen oder Dogmen». Kurz: Globuli, Akupunktur, Kräutermedizin – alles Hokuspokus.

«Verbohrte Fundis!», schimpfen andere zurück. So geht das seit Wochen im Fachblatt der Schweizer Ärzte, sonst nicht bekannt als lautes Spontiblatt. Über homöopathische Globulikugeln und Kräutersalben scheidet sich die Ärzteschaft.

Grund des Zwists: Bis Ende Juni muss Sozialminister Pascal Couchepin entscheiden, ob fünf Methoden der Alternativmedizin weiterhin aus der Grundversicherung der Krankenkassen bezahlt werden. Dieses Kuckucksei hat ihm seine Vorgängerin Ruth Dreifuss listig ins Nest gelegt: Homöopathie, chinesische und anthroposophische Medizin, Pflanzenheilkunde und Neuraltherapie wurden in den Pflichtleistungskatalog aufgenommen – aber nur provisorisch bis Ende Juni 2005. Nun muss Dreifuss’ Nachfolger Couchepin das Ei ausbrüten.

Studienergebnisse sind geheim
Damit dieser Entscheid nicht von seiner Tageslaune abhängt, liess das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mehrere Jahre lang wissenschaftlich untersuchen, ob die fünf Therapien überhaupt wirken und ob sie ihren Preis wert sind (Programm Evaluation Komplementärmedizin, kurz: PEK). So verlangt es auch das Gesetz. Studien aus der ganzen Welt wurden gesichtet und eigene in der Schweiz durchgeführt.

Dabei explodierten zunächst die Kosten der vermeintlichen Sparuntersuchung. Die PEK-Studie kostete sieben Millionen Franken. Zum Vergleich: Die Kassen zahlten im Jahr 2003 für die Alternativmedizin in der Grundversicherung gerade mal 30 Millionen Franken. Das sind 0,2 Prozent der totalen Kosten in der Grundversicherung.

«Es ist ein politischer und kein wirtschaftlicher Entscheid, ob man die Komplementärmedizin in der Grundversicherung belassen will», ist Hans-Ueli Regius, Chef der Krankenkasse Swica, überzeugt: «Die Kosten sind zu vernachlässigen.» Von den durchschnittlich 2424 Franken Leistungen pro Versicherten im Jahr 2003 gingen gut vier Franken für die Alternativmedizin drauf. Regius möchte die Alternativmedizin in der Grundversicherung belassen. Gegner der Kassenpflicht befürch- ten, dass Ärzte noch mehr Leistungen verschreiben, sollte die Alternativmedizin definitiv von den Kassen bezahlt werden.

Fakten liefern könnten die Ergebnisse der 7-Millionen-Franken-Studie. Doch die Resultate der PEK-Untersuchung sind geheim und bleiben vorerst unter Verschluss. Die Zürcher CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl forderte zwar den Bundesrat auf, die Resultate so bald wie möglich herauszugeben. Das wird er – jedoch erst nach dem Entscheid Couchepins, wie sein zweitoberster Krankenkassenbeamter Hans Heinrich Brunner dem Beobachter mitteilt. Das BAG verbot den Alternativmedizinern sogar, Daten vorzeitig bekannt zu machen. Doch lassen sich diese nicht den Mund verbieten und halten am 21. April an der Uni Bern einen Kongress ab, um Resultate der Studie vorzustellen.

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3,95 Milliarden für Medikamente
Und wo ist Couchepin? Der Gesundheitsminister hat bereits getan, was er in solch verzwickten Lagen oft tut: Er hat einen Versuchsballon steigen lassen, um zu sehen, woher der Wind weht. In der Gesundheitssendung «Puls» des Schweizer Fernsehens verglich er die Alternativmedizin mit Ferien machen. Ferien, so Couchepin, würden schliesslich auch nicht von der Krankenkasse bezahlt. Übersetzt heisst das nichts anderes als: Alternativmedizin sei reine Wohlfühlmedizin, also Luxusmedizin. Protest blieb weitgehend aus.

Couchepin braucht dringend einen Erfolg. Schliesslich trat er sein Amt mit dem Versprechen an, das Gesundheitswesen zu sanieren. Er muss endlich beweisen, dass er etwas gegen die wachsenden Gesundheitskosten unternimmt, und sich als Macher präsentieren. Auch wenn vier gesparte Franken pro Jahr und Kopf wenig sind: Die Alternativmedizin könnte sein erstes Opfer sein.

Was wären die Folgen einer Streichaktion? Bruno Ferroni, Vizepräsident der Union komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen, fürchtet, dass dann «die Patienten die Behandlung selber bezahlen oder eine Zusatzversicherung abschliessen müssten». Vor allem viele Familien und Alleinerziehende mit Kindern, warnt er, könnten sich nur noch schulmedizinisch behandeln lassen. Ferroni ist schulmedizinischer Hausarzt mit einer Zusatzausbildung in Homöopathie. Auch Kranke würden zu den Verlierern gehören: Ihnen kann die Kasse die Aufnahme in eine Zusatzversicherung verweigern.

Nationalrätin Zapfl fordert gleich lange Spiesse: «Bundesrat Couchepin redet gern vom verstärkten Wettbewerb. Dann soll er diesen auch zwischen Schul- und Komplementärmedizin zulassen. Doch wenn er die Homöopathie oder die chinesische Medizin aus dem Pflichtleistungskatalog streicht, dann würde einseitig die Schulmedizin profitieren.» – Und die Pharmamedizin. Denn allein für Medikamente zahlt die Grundversicherung 130-mal mehr als für die Alternativmedizin, nämlich 3,95 Milliarden Franken.

Couchepin steckt in der Klemme. Bereits hat ein Komitee mit Politstars wie der Berner Ständerätin Simonetta Sommaruga und alt Bundesrat Otto Stich eine Volksinitiative lanciert, die die gebührende Berücksichtigung der Alternativmedizin in der Verfassung verankern möchte. Gut möglich, dass dann auch nichtärztliche Therapeuten und Naturheiler ihre Chance wittern und in die Grundversicherung drängen. Heute dürfen nur Ärzte mit einem Studium und einer Zusatzausbildung Alternativmedizin über die Grundversicherung abrechnen. Bereits ein halbes Jahr nach Sammelbeginn sind über 90'000 Unterschriften beisammen. Die sanfte Medizin ist ziemlich trendy.

Wissenschaftlich wasserdicht lassen sich Wirksamkeit und Nutzen der Homöopathie trotz der investierten Millionen nicht schlüssig beweisen (siehe Nebenartikel «Alternative Methoden: Heiss begehrte Studie»). Wahrscheinlich wird das Resultat auch davon abhängen, ob die Entscheidungsträger im BAG selber an die Heilkraft der sanften Medizin glauben. Direktor Thomas Zeltner jedenfalls ist Schuldmediziner, sein Vize Brunner ebenfalls. Und dieser hat noch nie, wie er einräumt, die Hilfe der Alternativmedizin in Anspruch genommen.

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