Hans Heinrich Brunner, Präsident der Ärzteverbindung FMH, redete sich ins Feuer, als wollten National- und Ständerat die Hälfte der Arztpraxen in Fast-Food-Lokale umwandeln: «Das Krankenversicherungsgesetz ist zu einem Konglomerat von Einschüchterungen und Drohungen gegen den Arzt verkommen, der nur überleben kann, wenn er eine rein ökonomisch orientierte, implizite Risikoselektion betreibt.» Leidtragender sei «vor allem und zuerst» der Patient, dessen Bedürfnisse und Leiden als «bedeutungslose Restmenge» unter den Tisch fielen.

Die Brandrede vor der Ärztekammer, dem «Parlament» der FMH, hatte Erfolg: Die heftig zerstrittene Ärzteschaft zeigte «Korpsgeist», wie es ein Teilnehmer beschreibt, und beschloss mit 157 zu 2 Stimmen das Referendum gegen die laufende Revision des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) – obwohl National- und Ständerat die Revision frühestens in der Wintersession verabschieden werden.

«Schutz des eigenen Biotops»
«Da wurde die Froschperspektive eingenommen, um das eigene Biotop zu schützen, statt aus der Vogelperspektive die beste Lösung für alle anzustreben», kommentiert CVP-Parlamentarier Bruno Frick die Haltung der Ärzte; der Präsident der ständerätlichen Gesundheitskommission gehört zu den Baumeistern der Revision.

Dabei weiss niemand besser als Hans Heinrich Brunner, dass sein Berufsstand so privilegiert ist wie kein anderer:

  • Jeder Arzt hat ein gesetzlich garantiertes Einkommen: Allein das eidgenössische Diplom reicht aus, um vom ersten Praxistag an zu Lasten der obligatorischen Grundversicherung abrechnen zu können.
  • Jeder Handgriff ist bezahlt: Ob das zweite Röntgenbild nötig ist, die dritte Nachkontrolle, das vierte Blutbild, das fünfte Medikament spielt keine Rolle: Der Arzt führt aus, die Krankenkasse zahlt – unabhängig davon, wie gut die Qualität seiner Arbeit ist.
  • Der Arzt bestimmt die Nachfrage: Zwar gibt es vermehrt Ansätze, die Behandlung partnerschaftlich zu gestalten. Doch das Wissensgefälle zwischen Arzt und Patient ist derart gross, dass letztlich nur der Glaube bleibt, die vorgeschlagene Therapie sei wirklich nötig und sinnvoll.
  • Verschreibungsmonopol: Einzig die Ärzte dürfen rezeptpflichtige Medikamente verordnen. Die Apotheker dagegen, die eigentlichen Fachleute in Sachen Arzneimittel, sind meist nur Erfüllungsgehilfen. Alle Versuche, dieses Monopol zu lockern, sind bisher verpufft.
  • Geschenke en masse: Die Ärzte sind die Lieblinge der Pharmaindustrie. Und weil Geschenke bekanntlich die Freundschaft erhalten, gibt es bezahlte Weiterbildung, Kongressreisen, Forschungsgelder, Gratismuster, finanzielle Starthilfe für die Praxis und manches mehr – verschärfte Vorschriften hin oder her.

Hans Heinrich Brunner ist längst klar, dass die Privilegien, die das KVG seiner Zunft sichert, nicht mehr haltbar sind: «Tatsache ist, dass wir nie alles zahlen können, was die Medizin heute schon bietet, und erst recht nicht alles, was sie in Zukunft noch bieten wird.»

Deshalb ist der Chefarzt der Nation durchaus offen für Reformen: Er hat sich schon mehrfach für eine Lockerung des gesetzlichen Zwangs ausgesprochen, dass jeder Krankenversicherer mit jedem Arzt einen Vertrag abschliessen muss. Ebenso bejaht er die Notwendigkeit, die Ärzte mit eigener Praxis stärker in die finanzielle Verantwortung einzubinden.

Aufgabe von Privilegien unerlässlich
Doch so fortschrittlich der Arzt Brunner denkt, so konservativ handelt er als FMH-Präsident – was ihm reihum das Prädikat «bauernschlau» eingetragen hat. Aber genauso wie die Pfründen der Landwirte erodieren, werden die Ärzte einen Teil ihrer Privilegien preisgeben müssen. Allerdings auf deutlich höherem Niveau: Während ein Bauernbetrieb im vergangenen Jahr auf ein Durchschnittseinkommen von gut 52'000 Franken kam, waren es bei einem Arzt – je nach Fachgebiet – 120'000 bis 395'000 Franken.

Hauptmotiv für den Referendumsbeschluss war denn auch das Geld: Das revidierte KVG will den Praxisarzt stärker in die finanzielle Verantwortung einbinden (siehe «KVG-Revision», Seite 28). Das kann zum Beispiel heissen, dass er nicht mehr jede einzelne Behandlung verrechnen darf, sondern für jeden Patienten eine individuelle Pauschale erhält – wie es heute erst für ganz wenige der 14'500 Praxisärzte der Fall ist.

Mit dieser Pauschale muss er dann wirtschaften wie ein Schüler mit seinem Sackgeld. Für die meisten Ärzte eine unerträgliche Vorstellung, denn sie sind darauf programmiert, alles zu unternehmen, was den Patienten Heilung oder zumindest Linderung verspricht. «Der Arzt setzt dafür sämtliche notwendigen diagnostischen und therapeutischen Mittel ein, auch wenn manchmal der erwartete Erfolg als gering eingestuft werden muss», beschreibt Medizinprofessor Hans Rudolf Baur diese Haltung in der «Ärztezeitung».

Die Folgen sind bekannt: Allein in den letzten fünf Jahren ist die durchschnittliche Jahresprämie eines Erwachsenen um 900 Franken gestiegen. Höchste Zeit also, die Ärztinnen und Ärzte in die Pflicht zu nehmen, zumal FMH-Präsident Brunner schon 1996 gegenüber der «Sonntags-Zeitung» feststellte: «Mit dem Abbau von einem Viertel bei allen im Gesundheitswesen Tätigen würde die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung objektiv keinen Schaden nehmen. Es würden bloss Annehmlichkeiten wegfallen.»

Überschätzte medizinische Qualität
Der Gesundheitsökonom Willy Oggier weist auf einen zweiten wesentlichen Grund für den heftigen Widerstand der Ärzteschaft gegen finanzielle Leitplanken hin: «Mit der Budgetverantwortung richtet sich der Blick auf die Qualität der medizinischen Behandlung.» Und die sei längst nicht so gut wie gemeinhin vermutet: «Schweden, Finnland oder Spanien erzielen bei verschiedenen Vergleichswerten bessere oder ebenso gute Resultate, geben aber deutlich weniger aus für ihr Gesundheitswesen.»

Die Qualitätsdiskussion wird jedoch so oder so kommen. Denn mit dem neuen, schweizweit einheitlichen Tarifsystem, das 2004 eingeführt wird, werden die Leistungen der einzelnen Ärzte besser vergleichbar. Womit sich schwarze Schafe gezielter und rascher ermitteln lassen – zum Nutzen der Patienten.

Vermehrtes Kosten-Nutzen-Denken
Ebenso gewiss ist, dass die Budgetverantwortung massiv verstärkt wird und damit die ärztlichen Privilegien beschnitten werden – zu Recht, wie der Basler Ökonomieprofessor Jürg Sommer findet: «Es ist nicht unethisch, auch im Gesundheitswesen Kosten-Nutzen-Abwägungen vorzunehmen.» Unethisch sei es dagegen, diese Abwägungen zu verweigern. «Mit der Folge, dass zu viele Mittel dort eingesetzt werden, wo sie vergleichsweise wenig bringen – und dort Mittel fehlen, wo mehr erreicht werden könnte.»

Allerdings wird das Volk über die Budgetverantwortung entscheiden müssen. Denn für Bruno Frick ist klar, dass das Referendum ergriffen wird und zustande kommt – unabhängig vom Ausgang der letzten Parlamentsdebatten. Doch selbst wenn das Volk die Revision als Ganzes ablehnt, will Frick an der Budgetverantwortung festhalten: «Wer so viele Privilegien hat, soll auch Pflichten haben.»

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