Die Chefärzte an öffentlichen Spitälern sind die am besten verdienenden staatlich Besoldeten; etliche haben ein wesentlich höheres Einkommen als ein Bundesrat. Damit das so bleibt, verteidigen sie ihre Vorrechte mit geschickter Lobbyarbeit und zunehmender Vehemenz. Vor einigen Wochen gingen die Halbgötter in Weiss sogar auf die Strasse. Die Demo bildete den Auftakt zum eigentlichen Gefecht im Zürcher Kantonsrat, der demnächst ein neues Honorargesetz beschliessen und damit möglicherweise die Privilegien etwas beschneiden wird.

Die Chefärzte können in Zukunft immer noch über 45 Prozent der erwirtschafteten Privathonorare (früher 50 Prozent) frei verfügen. Doch der Jurist Tomas Poledna, der als Berater für die Zürcher Chefärzte gegen das von Gesundheitsdirektorin Verena Diener vorgelegte Honorargesetz antritt, befürchtet, dass das vorgeschlagene Gesetz auch zulassen würde, diesen Anteil später auf null herunterzufahren. Aus Ärztesicht das absolute Horrorszenario. Das Misstrauen der Chefärzte gegenüber der Gesundheitsdirektorin ist so gross, dass sie deren Beteuerungen, es solle am privilegierten Sonderstatus der Chef- und Kaderärzte nicht gerüttelt werden, keinen Glauben schenken.

Der Sonderstatus ist für staatliche Angestellte einmalig und gilt in der ganzen Schweiz. Chef- und Kaderärzte können ihr nicht unbeträchtliches Grundgehalt im Durchschnitt verdoppeln. Gemäss bisher unveröffentlichten Zahlen beträgt der minimale Grundlohn eines leitenden Arztes in der Schweiz 128'000 Franken, der höchste eines Chefarztes 219'000 Franken. Dazu kommen noch Privathonorare in durchschnittlich gleicher Höhe. Am besten gehalten sind die Chefärzte in der Innerschweiz und in Zürich, am wenigsten generös in der Romandie und im Tessin. Im Kanton Zürich beträgt der Grundlohn der 42 Chefärzte laut Gesundheitsdirektion 200'000 Franken. Dazu kommen Privathonorare in einer Höhe von 300'000 bis 400'000 Franken.

Die Unterschiede zwischen den Disziplinen sind dabei beträchtlich: Während eine Psychiaterin mit dem Grundlohn zufrieden sein muss, kann ein Chirurg oder Anästhesist das Dreifache seiner vorgesetzten Gesundheitsdirektorin verdienen. Christiane Roth, Direktorin des Universitätsspitals Zürich (USZ), relativiert diese Zahlen: «Es gab im Jahr 2003 sechs Klinikdirektoren, die über eine halbe Million Franken durch Privathonorare eingenommen haben.» Zudem sei das Zürcher Unispital nicht mit andern Spitälern zu vergleichen: «Das USZ ist das Spital mit dem grössten Prestige und der grössten internationalen Ausstrahlung.»

Transparenz ist unerwünscht
Einen Teil der Privathonorare müssen die Chefs für die Nutzung der Infrastruktur dem Staat abliefern. Dass dieser Anteil stetig stieg, akzeptierten sie knurrend. Mindestens so viel Mühe macht ihnen jetzt, dass sie diese Honorare inskünftig nicht mehr als selbstständige Unternehmer erwirtschaften können, sondern als Staatsangestellte. Das bedeutet, dass in Zukunft das Spital und nicht mehr der Chefarzt Rechnung stellen wird. Zwar erhält er nach wie vor seinen Anteil, doch muss der Chef die Verteilung offen legen und in einem Reglement festhalten. Diese Transparenz passt nicht allen.

Unmöglich finden die Chefärzte zudem den Gedanken, dass auch das nichtärztliche Personal in den Genuss von Privathonoraren kommt. Hans-Ueli Würsten, Präsident des Verbands leitender Spitalärzte der Schweiz: «Die Verteilung liegt in der Kompetenz der Chefärzte. Es ist nicht vorgesehen, dass das Pflegepersonal von den Privathonoraren etwas bekommt.» Das wollen auch die Zürcher Chefs beim neuen Gesetz so halten.

Ähnlich wie die noch viel besser bezahlten Manager aus der Wirtschaft behaupten Chefärzte, die hohen Lohnanreize seien nötig, damit man die besten Leute bekomme. Sonst würden die Spitzenkräfte zur privaten Konkurrenz abwandern. «An Privatspitälern kann der Kaderarzt aus verschiedenen Gründen mit deutlich weniger Operationsvolumen wesentlich mehr Honorare generieren», sagt Würsten. Bis jetzt hat indessen noch kein einziger Chefarzt Abwanderungsgelüste gezeigt, sagt USZ-Direktorin Roth. Allerdings würden sich aber leitende Ärzte und Oberärzte sehr wohl überlegen, wie ihre berufliche Zukunft aussehen soll.

Der pensionierte Allgemeinpraktiker David Künzler hatte während 22 Jahren eine Landpraxis und sagt von sich, er habe davon gut leben können. Auch er vergleicht das, was gewisse Chefärzte jetzt machen, mit dem, was in den Chefetagen der Grosskonzerne passiert. «Am meisten empört hat mich aber, dass die Chefärzte für ihre Privilegien auf der Strasse demonstriert haben. Solche Protestformen wenden Menschen an, die wirklich in Not sind. Sie sind unseres Berufsstandes unwürdig.»

Wer spart, verdient mehr
Für die Chefärzte könnte beim massiven Lobbying der Schuss durchaus auch nach hinten losgehen. «Es ist denkbar», sagt Marianne Delfosse, Mediensprecherin der Zürcher Gesundheitsdirektion, «dass bei der kantonsrätlichen Beratung des Gesetzesvorschlags die Honorarberechtigung der Chefärzte grundsätzlich in Frage gestellt wird.» In Deutschland haben sich die Chefärzte in verschiedenen Bundesländern bereits damit abfinden müssen.

Sollte es in der Schweiz auch so weit kommen, befürchtet Thomas Pasch, medizinischer Direktor des USZ, Schlimmes: «Wenn die private Honorarberechtigung wegfällt, werden wir längerfristig nicht mehr die besten Leute rekrutieren können.» Das hätte Folgen für das Spital insgesamt. Schliesslich suchten die gut zahlenden Privatpatienten gerade wegen der Person des Chefarztes oder der Chefärztin das entsprechende Spital auf.

Trotz Macht und Einfluss: Die Honorare der Chefärzte sind unter Druck geraten. Sie werden in Zukunft weniger über private Honorare ihr Einkommen halten können als vielmehr über Einsparungen bei den Kosten. Ein Modell, bei dem kostensenkende Massnahmen lohnwirksam werden, will die Spital Thurgau AG ab nächstem Jahr einführen. Die Gehälter der Chefs werden eine Erfolgskomponente enthalten. Diese wird zwar vorerst bloss wenige Prozente des Gesamtlohns ausmachen, ist aber ausbaufähig. «Für die Schweiz ist dieses Modell revolutionär», sagt Marc Kohler, CEO der Kantonsspital Thurgau AG. «Der Trend wird in Zukunft eindeutig dahin gehen, dass die Kaderärzte nicht nur am Honorarumsatz beteiligt werden als vielmehr teilweise auch an kostensparenden Faktoren.» Wer es nicht schafft, die Kosten zu senken, muss sich mit weniger Lohn begnügen.

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