Wenn der Fernsehdoktor Samuel Stutz seine Sendung «Gesundheit Sprechstunde» zelebriert, schauen Hunderttausende hin, und die Umsätze schwellen an wie Hämatome: bei Pharmafirmen, Bettenherstellern, Hotelbetrieben, Schifffahrtsgesellschaften und Ärzten. Stutz hat rund um seine TV-Sprechstunde ein dichtes Gestrüpp von Infusionen gelegt, durch die seinem Imperium fünf- und sechsstellige Frankenbeträge zufliessen.

Ein Arzt darf durchaus ein tüchtiger Geschäftsmann sein. Doch Thomas Grether zeigt, wie zielgerichtet Samuel Stutz dabei die Grenzen zwischen ärztlichem Rat, journalistischem Bericht, Werbung – und Eigennutz verwischt (siehe Artikel zum Thema «Fernsehen: Finanzspritzen für die Doktorshow»).

Keiner führt der Nation so deutlich vor Augen wie Stutz, dass es bei unserer Gesundheit um viel Stutz geht. Wir alle leben mit dem Verdacht, vielleicht doch im Versteckten krank zu sein (oder es bald einmal zu werden). Deshalb lassen wir uns gern verführen, sind empfänglich auch für unnötige Abklärungen und Therapien. Unsere Gesundheit ist uns teuer – vor allem wenn die Krankenkasse dafür aufkommt.

Wie widersprüchlich wir mit dem kostbaren Gut Gesundheit umgehen, zeigt auch unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Unfälle: Gefährliche Freizeit»). Birthe Homann und Ursula Gabathuler haben erschreckendes Zahlenmaterial zusammengetragen. Der ach so gesunde Freizeitsport pervertiert zum Grossrisiko. Der Kick muss immer grösser sein – die Gesundheitsschäden folgen diesem Trend.

Bedenklich stimmen auch hier die Widersprüche: Die Unfallschutzmassnahmen am Arbeitsplatz sind erfolgreich, doch die individuelle Sorglosigkeit macht diesen Erfolg mehr als zunichte. Mit anderen Worten: Die Arbeitgeber zeigen sich verantwortungsbewusst. Sie entlassen ihre Angestellten immer gesünder in die Freizeit. Doch diese kehren häufiger erst nach längeren Spitalaufenthalten zurück. Eine gefährliche Tendenz. Auf die Dauer werden die Arbeitgeber nicht akzeptieren, dass sie für die Gesundheit ihrer Angestellten mehr in der Pflicht stehen sollen als diese selbst.

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