Die neue Spitalfinanzierung nach diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) ist auf der Zielgeraden. Ende April, sieben Monate vor Einführung, hat die SwissDRG AG eine erste Version der neuen Tarifstruktur beim Bundesrat eingereicht. Sie heisst schlicht «1.0». Die nationalen Tarifpartner – der Spitalverband H+ und der Krankenversichererverband Santésuisse – sind mit dem Tarifpaket einverstanden und beantragen dem Bundesrat, SwissDRG 1.0 zu genehmigen. Alles paletti also? Mitnichten.

Derzeit verbreiten verschiedene Inte­res­sengruppen Alarmstimmung. Argumentiert wird mit der «Versorgungssicherheit» der Patienten, doch in Wahrheit geht es immer um Partikularinteressen, sprich: um Geld. Besonders die Mediziner tun sich hervor. Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) ortet Mängel bei SwissDRG 1.0 und will eine Übergangsregelung, bis etwa die von den Fachgesellschaften beantragten 200 Zusatzentgelte bewilligt sind; nur so könnten die Spitäler ihre Patienten weiterhin «qualitativ hochstehend» behandeln.

Auch einzelne Fachgesellschaften werden nicht müde, die Tarife zu ihren Gunsten beeinflussen zu wollen. Speziell fordernd geben sich die Kardiologen oder die Urologen, wie Simon Hölzer, Geschäftsführer der SwissDRG AG, gegenüber dem Beobachter verriet. Das sei etwa so, als wolle ein Busfahrer seiner Firma vorschreiben, wie viel ein Billett zu kosten habe, meint Hölzer, ein ausgebildeter Mediziner.

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Am lautesten aber feilschen die Interessenvertreter der Kindermedizin um ein möglichst fettes Stück am Fallpauschalen-Kuchen. Glaubt man den Lobbyorganisa-tionen Kind & Spital oder AllKidS, steht mit der Einführung der Fallpauschalen nichts Geringeres als die Errungenschaft der vergangenen 30 Jahre auf dem Spiel, nämlich «eine kindergerechte, familienzentrierte und ganzheitliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Spital», erklärt Pflegeexpertin Netty Fabian, Vorstandsmitglied von Kind & Spital. Um diese Botschaft in die Öffentlichkeit zu transportieren, scheint den Akteurinnen und Akteuren jedes Mittel recht, vom Druck auf die Tränendrüse über Halbwahrheiten bis hin zur gezielten Desinformation. Die Medien haben bislang willig mitgezogen.

Fehlinformation im Bundeshaus

«Behandlung Tausender Kinder in Gefahr», betitelte etwa der «Sonntag» im Januar einen Artikel, in dem man zwar reihenweise besorgte Kinderärzte, aber keinen einzigen Vertreter von SwissDRG zitierte. Später doppelte der «Sonntag» nach und bot dem Kinderherzchirurgen René Prêtre eine Interviewplattform: Der Schweizer des Jahres 2009 – im Bild mit Bambiblick unter dem grünen Chirurgenkäppi – appellierte an die Politik, «umgehend einzugreifen». Wenn man die Pauschalen der Erwachsenen auf die Kinder anwende, sei das «sicher nicht korrekt, sogar nachteilig», sagte Prêtre. Eine Hintergrundsendung von Radio DRS Anfang Mai malte das DRG-Szenario für die Kleinen in ebenso düsteren Farben und resümierte: «Fortschritte der Kindermedizin sind in Gefahr.» In der halbstündigen Sendung kamen ausschliesslich Vertreterinnen und Vertreter der Kindermedizin zu Wort.

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Auch im Bundeshaus sind deren Lobbyisten aktiv. «Die schweizerische Pädiatrie beobachtet mit grosser Sorge, dass die Kindermedizin mit den gleichen Fallpauschalen finanziert werden soll wie die Erwachsenenmedizin» – so der Wortlaut ­einer Motion, die die rührige Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim beim Bundesrat einreichte. Die Behandlung von Säuglingen und Kindern werde im DRG-System nicht berücksichtigt, behauptete Heim.

Das ist falsch.

Fakt ist, dass die Schweizer Kinderärzte seit Anfang 2008, als die neue Tarifstruktur in Angriff genommen wurde, am DRG-Katalog mitgearbeitet haben und dass die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sehr wohl berücksichtigt wurden. «Von den 1052 DRGs sind aktuell 42 für die Betreuung von Neugeborenen definiert», erklärt Simon Hölzer, Chefarchitekt von SwissDRG 1.0. Und: «Weitere 149 DRGs stehen zur Verfügung, um einen höheren Aufwand für die Behandlung von Kindern geltend machen zu können.» Zudem plant SwissDRG, einen technischen Ausschuss einzusetzen, der die medizinischen Sachverhalte bei Kindern genauer begleiten und analysieren soll.

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Gute Erfahrungen in Deutschland

Ein Blick in den auf öffentlich einsehbaren Katalog zeigt, dass diesem erhöhten Aufwand etwa mit verschiedenen Altersgruppen Rechnung getragen wird. So gelten für eine Blinddarmoperation bis zum Alter von 14 Jahren höhere Operations- und Betreuungskosten als jenseits dieser Altersgrenze. Eine Infektion der Harnwegsorgane wird bei einem Neugeborenen anders pauschalisiert als bei einem Zweijährigen; bei Kindern ab sechs Jahren gilt wiederum ein anderer DRG.

Bei ihren Negativszenarien verweisen die Kindermedizin-Lobbyisten regelmässig auf die angeblich schlechten Erfahrungen mit dem DRG-System in Deutschland. Fragt man dort direkt nach, ergibt sich ein anderes Bild: «Etwa 50 Prozent aller Krankenhausfälle von Kindern und Jugendlichen sind kostenmässig mit gerade mal 25 DRGs gut abgebildet», sagt Nicola Lutterbüse, DRG-Verantwortliche bei GkinD, dem Trägerzusammenschluss deutscher Kinderkliniken. Der deutsche DRG-Katalog, der für die Schweiz Vorbildcharakter hatte, umfasst gegenwärtig 1150 Positionen. Davon haben laut Lutterbüse 228 eine «typische Kinderkonstellation», das heisst, sie sind so gestaltet, dass der zusätzliche Aufwand für die Behandlung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt wird – was in der Praxis inzwischen gut gelinge.

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Doch die DRGs sind nur eine Seite der Medaille. Die andere, für Kinder- und andere Kliniken entscheidende, ist die sogenannte Baserate, auch Basisfallpreis genannt. Das ist der Faktor, der bei der Berechnung der DRG-Preise für die Spitalbehandlung zugrunde gelegt wird. Während der Einführungsphase von SwissDRG können die Tarifpartner – Spitäler und Versicherer – unterschiedliche Basisfallpreise verhandeln. Carlo Conti, VR-Präsident von SwissDRG und Gesundheitsdirektor von Basel-Stadt, glaubt denn auch, der Kindermedizin-Lobby gehe es vor allem um diese Baserate: «Die Spitaldirektoren jammern, um den Preis hochzutreiben», meint Conti.

Eine Aussage, die Netty Fabian von Kind & Spital «in der Sache» bestätigt.

Akadmed erklärt kurz und einfach, was sich ändert: DRG