Fritz Britt, 43, ist Leiter der Hauptabteilung Krankenversicherung im Bundesamt für Sozialversicherung.

Beobachter: Gemäss einem Bericht Ihres Bundesamts ist die Grundversicherung nicht bei allen Krankenkassen gleich. Widerspricht das nicht dem Krankenversicherungsgesetz?
Fritz Britt:
Ist das so gravierend? Ich meine nein, weil die Differenzen immer kleiner werden. Das Gesetz ist erst fünf Jahre alt. Deshalb gibt es noch wenig Gerichtsurteile. Je mehr Urteile wir haben, desto geringer wird der Ermessensspielraum für die Krankenkassen.

Beobachter: Heisst das, die Versicherten sollten den Rechtsweg beschreiten, wenn eine Krankenkasse eine Leistung ablehnt?
Britt:
Im Prinzip ja. Das gilt allerdings für alle Parteien, auch für die Ärzte und Spitäler.

Beobachter: Nehmen wir als Beispiel eine Herzoperation mit einem ganz neuen, mikrochirurgischen Verfahren. Weshalb wird sie von der einen Krankenkasse bezahlt und von der anderen nicht?
Britt:
Bei uns gilt: Alles, was der Arzt macht und nicht umstritten ist, ist Pflichtleistung. Wir haben keinen Positivkatalog wie in Grossbritannien, wo nur bezahlt wird, was langwierig und aufwändig geprüft worden ist…

Beobachter: …womit Sie dem Missbrauch Tür und Tor öffnen.
Britt:
Nein. Unser erstes Ziel muss sein, dass die Bevölkerung an den Fortschritten der Medizin teilhaben kann.

Beobachter: Es ist aber bekannt, dass sich einiges, was Industrie und Ärzteschaft vorerst als wirksam und zweckmässig preisen, später als Flop erweist.
Britt:
Tatsächlich ist manches, was heute praktiziert wird, eher im Bereich der Forschung anzusiedeln. Industrie und Ärzteschaft versuchen also, die Forschung über die Grundversicherung zu finanzieren. Viele Ärzte sind da recht schamlos.

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Beobachter: Was können oder sollten die Krankenkassen gegen diesen Missbrauch tun?
Britt:
Erstens sollten sie neue medizinische Verfahren kritisch beobachten. Zweitens sollten sie einschreiten, sobald ein medizinisches Verfahren umstritten ist. Da muss dann die Eidgenössische Leistungskommission beurteilen, ob die Grundversicherung das Verfahren decken soll. Drittens sollten die Versicherer vermehrt darüber informieren, wie sie sich in Zweifelsfällen verhalten. Dies wäre eine gute Gelegenheit, sich gegenüber der Konkurrenz abzugrenzen.

Beobachter: Ungleichheiten gibt es auch bei den Medikamenten. Ein Arzt besorgt im Ausland ein Medikament, das sich bei einem sehr seltenen Krebs bewährt hat, aber in der Schweiz nicht registriert ist. Die Krankenkasse zahlt nicht. Was läuft hier falsch?
Britt:
Im Prinzip nichts. Unsere Grundlage ist die so genannte Spezialitätenliste, und für die gilt: Was drin ist, muss bezahlt werden, was nicht drin ist, darf nicht bezahlt werden.

Beobachter: Und wenn das Medikament im Spital abgegeben wird?
Britt:
Dort ist die Ausgangslage anders: Spitalmedikamente stehen nicht auf einer Liste. Trotzdem sind sie Pflichtleistungen.

Beobachter: Dem Beobachter sind aber einige Fälle bekannt, in denen Leute im Spital Medikamente erhielten und selber bezahlen mussten, weil die Krankenkasse eine Deckung ablehnte.
Britt:
Das Problem ist uns bekannt: Die Spitäler versuchen mehr und mehr, Spitalmedikamente ambulant zu verrechnen. Vor allem bei teuren Mitteln gegen seltene Krankheiten sagen manche Chefärzte: «Diese Medikamente beanspruchen mein Globalbudget zu stark. Ich belaste sie den Versicherten.» Doch das sind Mechanismen, die nichts mit dem Krankenversicherungsgesetz zu tun haben. Sie sind «Finanzierungsoptimierungsversuche» der Spitäler und damit der Kantone.

Beobachter: Was ist zu tun?
Britt:
Das Problem muss über die Spitalfinanzierung gelöst werden, über die derzeit im Parlament debattiert wird. Ich bin zuversichtlich, dass die kantonalen Sanitätsdirektoren dieses Spiel künftig nicht mehr spielen können.

Beobachter: Bundesrätin Ruth Dreifuss sagt immer wieder, dass Zusatzversicherungen in der Schweiz unnötig seien. Viele der Ungleichheiten liessen sich aber durch solche Zusätze auffangen.
Britt:
Zusatzversicherungen wären der Weg des geringsten Widerstandes, würden aber keine Probleme lösen. Wir müssen versuchen, die Ermessensspielräume und damit die Ungleichheiten zu verkleinern – zugunsten der Grundversicherung.