Beobachter: Kennen Sie den biblischen Hiob?
Thomas Zeltner: Ja, wieso?

Beobachter: Ist es für Sie als BAG-Chef nicht eine Hiobs­botschaft, wenn die Krankenkassen für nächstes Jahr Prämienaufschläge von bis zu zehn Prozent ankündigen?
Zeltner: Da kommt mir weniger die Bibel in den Sinn als das Märchen vom Rotkäppchen. Dort warnt die Grossmutter jedes Jahr: Der Wolf kommt, der Wolf kommt! Und die Kassen rufen immer zu Jahresbeginn: Es wird ganz schrecklich! Die Realität ist dann Gott sei Dank meist harmloser.

Beobachter: Trotzdem: Die Prämien steigen – und was tut das BAG? Es propagiert die teuerste Impfung aller Zeiten für alle jungen Mädchen an den Schulen. Eine Impfung kostet fast 500 Franken.
Zeltner
: Der Preis, da gebe ich Ihnen recht, ist hoch. Doch unter Kosten-Nutzen-Aspekten ist es eine vernünftige Investition. Die Impfung kostet jährlich 20 Millionen Franken – nur in den ersten drei Jahren sinds 120 Millionen.

Beobachter: Warum kostet es zu Beginn mehr?
Zeltner: Weil auch 15- bis 19-jährige Frauen nachgeimpft werden sollten. Zum Vergleich: Für die Kontrolluntersuchungen an der Gebärmutter beim Frauenarzt, den Pap-Abstrich, geben wir auch schon 150 Millionen Franken jährlich aus. Da die Vorteile der Impfung klar belegt sind, wäre sie wohl ohnehin in die Grundversicherung gekommen. Die Frage war: Wollen wir möglichst viele junge Frauen kontrolliert im Rahmen kantonaler Programme impfen? Oder nur einzelne und unkontrolliert? Diese Programme erlauben zudem allen jungen Frauen den Zugang zur Impfung.

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Beobachter: Aber warum führt man gleich eine Massen­impfung gegen eine relativ seltene Krankheit ein? Fast alle Frauen mit Gebärmutterhalskrebs überleben, sagt ein renommierter Krebsarzt.
Zeltner: Wir haben in der Schweiz 90 Todesfälle pro Jahr. Es wäre eine Art von Rationierung, wenn Sie eine neue Impfung, die auf dem Markt ist, nicht in die soziale Krankenversicherung aufnehmen – nur weil die Krankheit selten ist.

Beobachter: Eltern klagen ausserdem, sie fühlten sich unter Druck gesetzt, ihr Kind durch den Schularzt impfen zu lassen.
Zeltner
: Die Impfung ist freiwillig, es gibt keinen Impfzwang.

Beobachter: In einem Flyer des BAG sagt eine Comicfigur: «Ich will nicht an Gebärmutterhalskrebs erkranken, also lasse ich mich impfen.» Das schürt Ängste.
Zeltner: Ich verstehe solche Ängste. Ich hoffe jedoch, dass ein gewisser psychologischer Druck bei Eltern und Mädchen wertvolle Diskussionen auslöst.

Beobachter: Auch Geimpfte müssen weiterhin zum Krebs­abstrich, empfiehlt das BAG. Warum?
Zeltner: Weil der Impfstoff nicht vor allen Viren schützt, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können.

Beobachter: Frauenärzte befürchten, dass geimpfte junge Frauen nicht mehr zur Untersuchung gehen, weil sie sich sagen: Ich bin ja geimpft, also geschützt.
Zeltner: Das müssen wir tatsächlich genau verfolgen. Natürlich wird es solche Frauen geben. Aber ich bin zuversichtlich, dass es nur wenige sind.

Beobachter: Aber was ist das für eine Impfung, die gar nicht richtig schützt?
Zeltner: Das Krebsrisiko ist mit der Impfung viel geringer.

Beobachter: Das BAG empfiehlt die Impfung für alle 11- bis 14-jährigen Mädchen und die meisten Frauen bis 19. Schliessen Sie aus, dass sie auf Frauen über 20 ausgedehnt wird? Das würde alles sehr viel teurer machen.
Zeltner: Vom Bundesamt für Gesundheit und der Impfkommission wird sicher kein Antrag dazu ausgehen. Die Impfung junger Frauen sollte vor dem ersten Sex stattfinden, weil das Virus auf diese Weise übertragen wird. Und wenn jemand angesteckt ist, nützt die Impfung nichts mehr.

Beobachter: In Deutschland hat die Pharmafirma Sanofi Pasteur MSD ihren neuen Impfstoff mit einer aggressiven Marketingkampagne in den Markt gedrückt. Spürten Sie diesen Druck der Pharmaindustrie auch in der Schweiz?
Zeltner: Ja. Das war unsympathisch und gab sehr viel Diskussionen, auch in der Impfkommission, welche die Empfehlung für oder gegen eine neue Impfung ausspricht. Man fragte sich: Wie können wir bei einer Zulassung den Verdacht ausräumen, wir seien einer smarten Pharmalobby auf­gesessen? Deshalb werden Leute mit Verbindungen zur Pharmaindustrie aus dieser Kommission ausgeschlossen.

Beobachter: Experten kritisieren, dass die Impfung vorschnell eingeführt wurde. Es seien einige Fragen zur Wirksamkeit nicht beantwortet.
Zeltner: Was ist schon der richtige Zeitpunkt? Wenn man wartet, kommt der Vorwurf, man sei zu spät.

Beobachter: Es war immerhin das renommierte Fachblatt «New England Journal of Medicine». Es kritisierte Behauptungen zur Wirksamkeit als «unbewiesene Vermutungen».
Zeltner: Als ich diesen Artikel gelesen habe, bin ich erschrocken und habe gedacht: hoppla! Man muss den Artikel aber sehr genau lesen. Die Wirksamkeit der Impfung wird darin nicht angezweifelt – nur das ­Kosten-Nutzen-Verhältnis nationaler Programme sei vielleicht zu optimistisch.

Beobachter: Dies, weil die Langzeitwirkung nicht bekannt ist. Und sie wird auch auf Jahrzehnte hinaus nicht direkt belegt werden können, kritisieren die US-Experten.
Zeltner: Das ist völlig normal. Mit diesem Argument müssten Sie jeden Fortschritt in der Medizin verbieten. Irgendwann müssen Sie etwas einführen und beobachten.

Beobachter: Warum wirft man die Komplementärmedizin aus der Grundversicherung, nimmt aber eine solche doch recht umstrittene Massen­impfung auf?
Zeltner: Das ist Äpfel mit Birnen verglichen. Es ist bewiesen, dass der Impfstoff die Virus­übertragung verhindert und somit auch den Krebs. Es ist, da haben Sie recht, ­heute noch unklar, wie lange der Impfschutz anhält. Bei der Komplementär­medizin dagegen ist nicht einmal die unmittelbare Wirksamkeit belegt.

Krebsimpfung für Frauen

Die Erkenntnis war eine Sensation: Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen. Der deutsche Virologe Harald zur Hausen erhielt für diese Entdeckung im Herbst den Nobelpreis. Schon vorher kam die «erste Krebsimpfung» auf den Markt – 2008 gehör­te Gardasil be­reits zu den Umsatzrennern unter den Impfstoffen. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt die Impfung für alle 11- bis 14-jährigen Mädchen. Der Impfstoff wird innert sechs Monaten dreimal in den Oberarm gespritzt. Geschieht dies in einem kantonalen Impfprogramm, zahlt die Krankenkasse.

Im Jubel über die neue Impfung gingen kritische Stimmen unter. Unabhängige Informa­tionen, die das Für und Wider aufzeigen, sind rar. Die Krebsliga Schweiz bietet kritische Infos (www.krebsliga.ch). Sie erwähnt, dass die Häufigkeit dieser Krebsart in den Industrieländern abgenommen hat, auch wegen der Krebsabstriche (Pap-Test). Rechtzeitig entdeckt, kann ein Tumor meist gut behandelt werden. Mit der Impfung könne man zwar das Risiko deutlich senken, aber nicht eliminieren. Aus­führli­che Informationen auch zum Pap-Test gibt es gratis in einer von der deutschen Krankenkasse Barmer finanzierten Broschüre: www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de.