Generika und Turnschuhe haben nichts gemein, ein Phänomen aber verbindet sie. Sie sind Symbole für den Wert, den unsere Zeit der «Marke», dem Logo beimisst. Wie die Kids niemals auf billige Kopien setzen, wenn sie sich mit trendigen Sneakers eindecken, mussten auch Medikamente, die offiziell als Kopien von Originalprodukten deklariert sind, eine grosse Hürde nehmen. Kopien stehen im Ruf des Billigen, Unzuverlässigen, Minderwertigen.

Wer kann, setzt aufs Original. Und lange Zeit waren Patientinnen und Patienten kaum interessiert an Generika – die Appelle der Krankenversicherer und Gesundheitspolitiker verklangen ungehört. 

Erst der Entscheid von Gesundheitsminister Pascal Couchepin hat eine Wende eingeleitet. Seit 2006 müssen Patientinnen und Patienten, die sich ein Originalprodukt verschreiben lassen, obwohl ein Generikum vorhanden wäre, den doppelten Selbstbehalt für das Präparat übernehmen. Schon bevor die Vorschrift in Kraft trat, nahmen die Verkäufe von Generika «explosionsartig» zu, schrieb die Presse. Die Hersteller von Originalmedikamenten dagegen klagten über «Einbrüche von bis zu 90 Prozent». Und der «Couchepin-Effekt» wirkt nach, der Generikaumsatz steigt von Jahr zu Jahr (siehe unten: «Kassenpflichtige Generika»).

Dass es sich bei der dezenten Nötigung via Portemonnaie weder um Schikane noch um einen Schritt Richtung «Billigmedizin» handelt, lässt sich einfach aufzeichnen: Generika sind von ihrer Wirkung her qualitativ absolut identische Kopien von erprobten Präparaten und wie die Originale von der Heilmittelkontrolle zugelassen.

Anzeige

«Billig» heisst im Zusammenhang mit Generika also auf keinen Fall «minderwertig». Billiger sind sie einzig, weil der Patentschutz der Originalpräparate abgelaufen ist, im Generikapreis darum keine Forschungs- und Entwicklungskosten enthalten sind. Und die Einsparungen können erheblich sein: 25 Prozent im Durchschnitt, bei einzelnen Präparaten beträgt die Preisdifferenz zum Original bis zu 70 Prozent. Die eingesparten Kosten entlasten nicht nur die Krankenkassen – und damit die Prämien –, sondern die Patientinnen und Patienten auch direkt, denn mit dem Selbstbehalt müssen sie sich an den Medikamentenkosten beteiligen. Couchepins Schubser ist also auch eine konkrete Hilfe zum Sparen.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das Sparpotential: Ein erwachsener Empfänger eines Spenderorgans braucht täglich Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr (Abstossung des fremden Organs). Es wird dafür Sandimmun Neoral von Novartis verschrieben. 

Anzeige

Der Preis pro Packung mit 50 Kapseln zu 50 Milligramm beträgt Fr. 220.35, und unser Patient muss zwei Tabletten pro Tag einnehmen. Aufs Jahr gerechnet, verbraucht er also 14,6 Packungen im Wert von 3217 Franken. 2574 Franken begleicht die Krankenkasse; der Selbstbehalt des Patienten (ohne Berücksichtigung der Franchise) beträgt nach der gültigen Vorschrift 643 Franken – 20 Prozent des Preises.

Das Nachahmerprodukt Ciclosol von Sandoz kostet in der 50er-Packung (50 Milligramm) nur Fr. 178.80, also Fr. 41.55 weniger, und ist somit 18,9 Prozent günstiger. Der Selbstbehalt beträgt in diesem Fall lediglich zehn Prozent, also 261 Franken. Unser Patient spart beim Selbstbehalt pro Jahr 382, die Krankenkasse nochmals 225 Franken.

Medikamente zur Unterdrückung von Abwehrreaktionen werden in ungünstigen Fällen ein Leben lang eingenommen. Aber schon wenn wir annehmen, dass unser Patient das Medikament «nur» während zehn Jahren braucht, summiert sich die Ersparnis – bei einem einzigen Medikament und einem moderaten Preisunterschied von lediglich 18,9 Prozent – auf immerhin 3820 Franken.

Anzeige

23,5 Milliarden Franken Gesundheits­leistungen hat die Grundversicherung gemäss Berechnung von Santésuisse 2008 vergütet. Gut 4,7 Milliarden davon gin­gen aufs Konto der Medikamente (ohne Spital). Für kassenpflichtige Generika hat die Grundversicherung 640 Millionen Franken vergütet, das sind rund 14 Prozent der Gesamtausgaben für Medikamente.

Rund 3,7 Milliarden beträgt der Anteil jener Medikamente, bei denen kein Wettbewerb zwischen Original und Kopie möglich ist. Trotzdem sei das Sparpotential bei den Generika noch nicht ausgeschöpft, sagt der Gesundheitsökonom Markus Ziegler von Santésuisse. Bereits gebe es innerhalb des Markts eine «Logo-Konkurrenz» zwischen «Originalgenerika» und billigeren Varianten. Immerhin hat aber die Förderung der Generika bewirkt, dass der Preismarkt für Medikamente im generikafähigen Segment in Bewegung gekommen ist. «In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Originalpräparate preislich auf Generikaniveau gesenkt, womit der Selbstbehalt bei vielen Originalen wieder auf zehn Prozent gesetzt wurde», teilt Daniel Dauwalder, Mediensprecher des Bundesamts für Gesundheit, mit.

Anzeige

Auch das Argument, mit Generika würde die Forschung unterlaufen, ist nicht haltbar. Zum einen geniesst die Industrie für jeden neuentwickelten Wirkstoff 20 Jahre Patentschutz. Damit müssten die Kosten für Forschung und Entwicklung abgegolten sein. Und schliesslich sollte man auch nicht vergessen, dass die grossen Pharmafirmen seit Jahren selbst auf dem Generikamarkt tätig sind. Ciclosol, das Konkurrenzprodukt für Sandimmun von Novartis aus unserem Rechenbeispiel, wird von Sandoz produziert. Sandoz steht auf Platz zwei der Weltrangliste der Generikaproduzenten – und ist eine 100-prozentige Novartis-Tochter.

In diesem Herbst hat der Nationalrat die Generikaregelung (20 Prozent Selbstbehalt für Originalprodukte, falls ein Generikum verfügbar ist) bestätigt. Das heisst aber auch, dass die Ärzte gesetzlich weiterhin nur «angehalten sind», Generika zu verschreiben. Wenn sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen, hat der Patient das Nachsehen und muss mehr Selbstbehalt zahlen. Es lohnt sich darum, selbst Verantwortung zu übernehmen, also Ärzte und Apotheker von sich aus auf die Substituierungsmöglichkeit anzusprechen. Dasselbe gilt – selbstverständlich – auch beim Kauf von rezeptfreien Medikamenten.

Anzeige

Eigenverantwortung: Was der Patient tun kann

Wer sicher sein will, dass er sich «auf Rezept» nicht zu hohe Kosten einhandelt, übernimmt selbst Verantwortung dafür, dass ihm immer das kostengünstigste Medikament verschrieben wird.  Den ersten Anlauf machen Sie in der Arztpraxis. Scheuen Sie sich nicht, nach Generika zu fragen. Es geht nicht darum, die Kompetenz des Arztes in Frage zu stellen, sondern um Ihr persönliches Interesse, Kosten zu sparen. Den zweiten Anlauf unternehmen Sie in der Apotheke. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Ihnen das günstigste Medikament verschrieben wurde, kann Ihnen der Apotheker weiterhelfen: Er hat das Recht, das verschriebene Originalprodukt durch ein Generikum zu ersetzen (Substitutionsrecht). 

Weitere Infos
Interpharma: «Pharma-Markt Schweiz 2009»
www.interpharma.ch