Die Krankenkassen sind für die Zusatzversicherungen an jungen, gesunden Menschen interessiert – sogenannten guten Risiken. Also zahlen sie ihnen 200 Franken jährlich, wenn sie sich regelmässig körperlich ertüchtigen, sei das im Fitnessstudio, beim Bewegungstanz, im Nordic-Walking-Verein oder bei sonstigen gesundheitsfördernden Aktivitäten.

Da muss natürlich kontrolliert werden, ob die vielen Anbieter in diesen Bereichen auch genügend qualifiziert sind, ob die ­Geräte funktionieren, ob Weiterbildung ­betrieben wird. Deshalb gründete vor et­lichen Jahren der Sportlehrer Paul Eigenmann in Zusammenarbeit mit Krankenversicherern und Verbänden das Label Qualitop, das Gewähr für die Qualität der Ausbildung und der Angebote bieten soll. Nur wer bei einem zertifizierten Anbieter einen Kurs besucht, erhält die 200 Franken. Das schafft einen Konkurrenzvorteil.

«Immer komplizierter und aufwendiger»

Nun beklagen sich immer wieder kleinere Studios oder Therapeutinnen, dass der bürokratische Aufwand und die Kosten in keinem Verhältnis zum Nutzen stünden. Stellvertretend meint Cécile Anner, Geschäftsführerin des Berufsverbands für Gesundheit und Bewegung Schweiz (BGB): «Das Zertifizierungsverfahren wurde immer komplizierter und aufwendiger. Es griff teilweise sogar in die Handels- und Gewerbefreiheit ein.» So musste man im Handelsregister eingetragen sein und genauestens jede Stunde Weiterbildung ausweisen. Fehlte auch nur eine, riskierte man, nicht zertifiziert zu werden.

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Welche Blüten das treiben kann, schildert Regula Hirsch, bestens qualifizierte Turn- und Sportlehrerin mit sechs Angestellten und seit Jahrzehnten im Geschäft: «Weil ich keine Kraftmaschinen habe, wurden die Zertifizierungen aufwendiger. Zudem fehlte mir letztes Jahr ein halber Tag Weiterbildung. Dass ich in den Vorjahren etliche Stunden mehr gemacht hatte als nötig, wurde nicht anerkannt. Dafür werde ich mit 60- bis 70-seitigen Dokumenten dazu bombardiert, was ich alles zu erfüllen habe.» Kurz: Der Unmut vieler Mitglieder des BGB war so gross, dass sie eine Konkurrenzorganisation gründeten.

Paul Eigenmann kann einen gewissen Ärger sogar verstehen: «Es haben Mitglieder des BGB, mit dem zusammen Qualitop die Normen ja entwickelt hat, Privilegien verloren.» Denn früher konnte der BGB seine Mitglieder selber überprüfen, das Verfahren war viel einfacher. Das neue ­Label Emfit soll in Zusammenarbeit mit dem Erfahrungsmedizinischen Register nur noch wesentliche Dinge wie die Aus- und Weiterbildung sowie den Leumund kontrollieren und weniger die Formalitäten. Allerdings: Dieses Label ist noch von keiner Krankenversicherung anerkannt.

Sportvereine benötigen gar kein Label

Als ob die Verwirrung nicht schon gross genug wäre, führten Fitnesscenter zusätzlich noch ein eigenes Label ein: die «5 Sterne». Hinzu kommt, dass auch Mitglieder von Turn- und Sportvereinen die Vergütung von 200 Franken erhalten, ohne dass diese sich zu zertifizieren brauchen. Ob man vor allem wegen des Biers nach dem Training im Verein ist, kümmert niemanden. «Aus Sicht eines Fitnessstudios finde ich es auch ein Ärgernis, dass es sich zertifizieren lassen muss, der Turnverein im gleichen Dorf aber überhaupt keine Qualitätsnachweise erbringen muss», meint Paul Eigenmann. «Aber die Versicherer sind rechtlich völlig frei, so zu handeln.»

Doch braucht es überhaupt eine Zer­tifizierung? Der Arzt Bruno Baviera, der ­anfangs zusammen mit Paul Eigenmann die Qualitätsnormen erarbeitet hat, meint klipp und klar: «Aus medizinischen Gründen bringt eine Zertifizierung überhaupt nichts. Denn es wird nicht überprüft, ob die Angebote auch tatsächlich zu einer Förderung der Gesundheit beitragen.»

Derselben Meinung ist Sportlehrerin Regula Hirsch: «Wer für die Krankenkasse teuer werden könnte, weil er sich nicht bewegt, bewegt sich auch nicht mit dieser ­finanziellen Unterstützung.» Arzt Bruno Baviera meint deshalb: «Der Aufwand ist grotesk hoch. Es werden aber nur Formen und nicht Inhalte kontrolliert. Man könnte die Zertifizierung deshalb gleich auch abschaffen.»

Regula Hirsch fügt bei: «Man sollte hier den Markt spielen lassen. Ich würde mein Studio genau gleich betreiben, auch ohne Zertifizierung. Diejenigen, die gute und seriöse Arbeit machen, haben ihre Kunden, die andern würden verschwinden.»

Was soll überhaupt gefördert werden?

Paul Eigenmann findet zwar eine Abschaffung aus Sicht der Branche keine besonders gute Idee, doch allzu gravierende Folgen hätte sie auf die Zahl der Trainierenden nicht: «Vielleicht würden sich die Leute etwas weniger bewegen. Aber gerade diejenigen, die es am meisten nötig hätten, muss man grundsätzlich motivieren und nicht mit einer 200-Franken-Prämie.»

Da sich die Krankenkassen Förderung der Gesundheit und nicht Förderung der Bürokratie auf die Fahne geschrieben haben, müssten sie vielleicht mal ihr Anreizsystem überprüfen.