Ueli Maurer ist ein Mann des Volkes. Wenn dem SVP-Präsidenten die politische Arbeit Bauchweh macht, ruft er schnell nach seinem Wundermittel – der Volksabstimmung. «Entscheide, was neu in die Grundversicherung gehört, sollen dem obligatorischen Referendum unterstehen», verkündet er neuerdings. Sein Kalkül: Zu teure und umstrittene Therapien würden an der Urne versenkt und die zu hohen Prämien somit stabilisiert.

Dieses Mal könnte Maurer gewaltig irren. Denn die Leute wollen keine dürre Grundversicherung. «Keine Sparmassnahmen auf Kosten der medizinischen Qualität» – der Titel des «Gesundheitsmonitors 2000», einer Umfrage des GfS-Forschungsinstituts, bringt den Volkswillen auf den Punkt. Sogar eine Kassenpflicht für umstrittene Leistungen wie Psychotherapie, Akupunktur oder Homöopathie wird von vielen Befragten befürwortet.

Laut GfS «knapp mehrheitsfähig» sind auch die Potenzpille Viagra und das Abmagerungsmittel Xenical. Abgelehnt werden neben der Heroinabgabe fast nur wenig bekannte Methoden wie etwa die Aroma- oder die Musiktherapie. Die Leute seien «bereit, in ein gutes Gesundheitssystem zu investieren», fasst GfS-Leiter Claude Longchamp zusammen.

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Ansprüche gehen ins Geld
Ein überraschendes Fazit. Denn laut war das Gejammer, als Gesundheitsministerin Ruth Dreifuss im Oktober einen kräftigen Prämienschub um 5,5 Prozent ankündigen musste. Sie selber zeigte sich «niedergeschlagen». In den Leserbriefspalten tummeln sich seither die Besserwisser. «Das Krankenversicherungsgesetz war von Anfang an unbrauchbar», heisst es da etwa. Oder: «Man muss die Zahl der Spitäler reduzieren.» Andere bezeichnen die «weit über 200 Krankenkassen und Kässeli» als «volkswirtschaftlichen Unsinn».

Fast unter gehen dabei jene, die andere Töne anstimmen. Noch mancher werde «seinen Schnupfen durch einen Arzt behandeln lassen», steht in einem Leserbrief, «denn für was bezahlt er die hohen Prämien»? Und Beobachter-Leser Peter Ess aus Wetzikon ZH schreibt: «Jammern ist verfehlt.» Trotz einer Ablösung der Bindehaut sei seine Lebensqualität heute wieder gut. Das verdanke er einer Augenoperation, teuren Medikamenten, Arztbesuchen und neuen Brillengläsern. Sein Fazit: Es werde keine Wunder geben, «solange wir konsumbesessenen Menschen unsere Ansprüche aufrechterhalten».

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Teure Medikamente landen im Müll
Solche Aussagen zeigen: Dass die Krankenkassenprämien steigen, ist kein Naturgesetz. Sie steigen vor allem, weil wir alle es so wollen. Inzwischen gibt die Schweiz über 40 Milliarden Franken im Jahr für den Gesundheitssektor aus, vor 15 Jahren waren es noch 18 Milliarden. So viel bezahlen heute allein die Krankenkassen.

«Der Einzelne ist weitgehend davon entbunden, Kosten und Nutzen von Behandlungen abzuwägen», sagt Marc-André Giger, Direktor des Krankenkassen-Konkordats. Und weil Ärzte und Spitäler mit jeder guten Tat auch gut verdienen, werden laut Giger «oft mehr Leistungen verordnet und konsumiert, als für eine ausreichende medizinische Versorgung nötig wären». Das kann kosten. So landen gemäss Schätzungen jährlich Medikamente im Wert von 500 Millionen Franken im Abfall.

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Ob gesund oder krank – die Optik ändert sich rasch. «Die Leute sind verschieden betroffen», sagt Fritz Britt, Vizedirektor des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV). «Der Prämienzahler sieht die Sache etwas anders als der Patient.» Sobald jemand eine Leistung erhalte, interessiere ihn das Sparen kaum. Ähnlich sieht es der bernische Gesundheitsdirektor Samuel Bhend. «Viele Leute sind mit sich zu wenig ehrlich», bedauert er. «Sie wollen die freie Arztwahl, ein Spital vor der Tür, die modernsten Methoden und die neusten Medikamente – aber es darf nichts kosten.»

Dieser Effekt macht das Stimmvolk zum wenig verlässlichen Partner, wenn es ums Sparen geht. Das zeigt die Ärztedebatte. Im Sommer prüfte der Bundesrat, ob die Kassen von der Pflicht befreit werden sollen, mit jedem Arzt einen Vertrag abzuschliessen. Im September winkte die Regierung ab. Eine solche Abstimmung sei nie zu gewinnen, sagt Bundesrätin Ruth Dreifuss.

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Die freie Arztwahl ist heilig. Laut der GfS-Umfrage wollen 87 von 100 Personen ihren Arzt selber bestimmen können. Und 67 von 100 meinen, die Krankenkassen müssten mit allen zugelassenen Ärzten zusammenarbeiten. Kein Wunder, haben die Kassenmodelle mit eingeschränkter Arztwahl einen schweren Stand. Laut BSV sind nur gerade acht von 100 Versicherten in einem HMO- oder Hausarzt-Modell.

Aus dieser Haltung lässt sich politisches Kapital schlagen. Nachdem Guido Zäch, Gründer des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil LU und CVP-Nationalrat, 1996 seine Initiative «Für eine freie Arzt- und Spitalwahl» lanciert hatte, bekam er in der Rekordzeit von sieben Monaten 134'000 Unterschriften zusammen. Die Forderung: Grundversicherte sollen Arzt und Spital aus dem landesweiten Angebot wählen können. Die Spitalplanung der Kantone wäre somit Altpapier. Und es käme «zu einer markanten Erhöhung der Prämien», warnt der Bundesrat.

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Dabei wäre längst ein massiver Abbau des Spitalangebots fällig. Zwar wurden in den neunziger Jahren rund 6000 von 42'000 Spitalbetten ausrangiert. Doch die kleine Schweiz leistet sich nach wie vor rund 220 Allgemeinspitäler und 180 Spezialkliniken. In einer Analyse des Bundes ist von «20 bis 25 Prozent Überkapazitäten» die Rede. Doch kaum ein Gesundheitsdirektor wagt es, in seinem Kanton Spitäler zu schliessen. «Grundsätzlich sind alle dafür», sagt der Berner Gesundheitsdirektor Samuel Bhend, «wenn es aber konkret wird, kommt der Widerstand.»

Als der Kanton Bern letztes Jahr fünf kleine Bezirksspitäler schliessen wollte, ging Bhend im «Bären» und «Löwen» auf Ochsentour. Überfüllte Säle, Transparente, schwarz gekleidetes Publikum. Seine sachliche Botschaft («Wir haben nicht schlechte Spitäler, aber wir haben zu viele») provozierte emotionale Antworten. «Jetzt werden wir in die "Notfall-Steinzeit" zurückgeworfen», hiess es nur 15 Autominuten ausserhalb der Stadt Bern. Die Regierung blieb unbeirrt und schloss die Landspitäler.

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Spitäler rüsten weiter auf
Der harte Kurs zahlt sich aus. Zwar hat Bhend die letzten Jahre «als nicht sehr angenehm» in Erinnerung. Doch unter dem Budgetdruck des Kantons seien «aus 40 Einzelbetrieben sieben Spitalgruppen geworden». Für den Bereich «Spital stationär» liefern Berner Versicherte pro Jahr 52 Franken weniger Prämien ab als 1996.

Doch solches bleibt die Ausnahme, denn in den Schweizer Kliniken geht das Wettrüsten weiter. Sinnbild dafür sind die modernen Analysegeräte – etwa die zwei bis drei Millionen Franken teuren Magnet-Resonanz-Tomografen (MRI). Laut Experten könnte allein mit den Genfer Apparaten die ganze Schweiz versorgt werden. Jedes Landspital will aber ein solches Requisit – auch mit dem Hinweis auf Patientenwünsche. Sonst würden vor allem Privatversicherte «von sich aus gleich ein bevorzugtes Privat- oder Zentrumsspital aufsuchen», befürchtet Edgar Hirt, Präsident des Spitals Uster ZH.

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Alle Beteiligten seien am Rüstungswettlauf interessiert, glaubt auch BSV-Vizedirektor Fritz Britt: «Der Umsatzwunsch des Spitals oder des Arzts fällt mit dem berechtigten Abklärungswunsch des Patienten zusammen.» Und blitzt einmal Sparwille auf, wird er ignoriert. So schickten etwa die Schaffhauser 1997 einen 2,2-Millionen-Kredit für einen MRI bachab. Das Gerät kam trotzdem, finanziert von einer Ärzte-AG. Heute steht der MRI im Kantonsspital – mit dem Segen der Regierung.

Versicherte wählen teure Kassen
Längst hätten die Versicherten die Möglichkeit, ihr Budget zu entlasten. «Im Gesundheitssystem sind "Kosten sparen" und "Prämien optimieren" zwei verschiedene Sachen», mahnt BSV-Vizedirektor Britt. Doch nicht einmal tiefere Prämien wollen die Schweizer. Das BSV untersuchte, wie viele Versicherte sich für teure oder billige Kassen entscheiden. Resultat: Viele Leute wählen nach wie vor Kassen «mit vergleichsweise hohen Prämien» aus.

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Der Grund ist einfach: Die meisten Versicherten halten sich still. Gemäss der GfS-Analyse haben 87 Prozent der Befragten «in jüngster Zeit» nie einen Wechsel der Kasse erwogen. Das erstaunt: Im Kanton Zürich etwa bringt ein Wechsel von einer teuren Grosskasse zu einer günstigen Kleinkasse bis zu 1000 Franken im Jahr. «Viele begreifen immer noch nicht, dass sie ohne Nachteil die Kasse wechseln können», sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Patientenorganisation.

Dafür wird in Meinungsumfragen immer wieder als wichtigster Sparaufruf verlangt, die Kassen müssten bei der Verwaltung sparen. Ein Scheingefecht: Pro Versicherten versickern pro Jahr gerade mal 200 Franken in der Kassenadministration.

Wie viel darf Medizin kosten?
Niemand zweifelt daran, dass in einem Jahr der nächste kräftige Prämienschub bevorsteht. Vielleicht müsste anders diskutiert werden. Die Frage könnte lauten: Wie viel darf das Gesundheitswesen kosten? Und nicht: Wie können wir sparen? Schliesslich koste, tröstete sich BSV-Direktor Otto Piller unlängst in einem «Facts»-Interview, «der gesamte Individualverkehr in unserem Land 80 Milliarden – doppelt so viel wie das Gesundheitswesen».

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Für Thomas Szucs, Chef der medizinischen Ökonomie am Zürcher Unispital, ist jedenfalls klar: «Solange der Mensch eine bessere Lebensqualität fordert, wird die Medizin nach Möglichkeiten forschen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen – Fortschritt hat seinen Preis.»