Jede Berufsgruppe hat ihre eigenen Wörter. Feuerwehrkommandanten sprechen gerne von «Vollbrand», wenn es ein einfacher Brand auch täte. Politiker sprechen nicht von Ärzten, sondern von «Leistungserbringern» – und zeigen damit, was sie von Medizinern erwarten. Dass sie Trost spenden? Mit dem Patienten sprechen? Ihm zuhören? Nein. Ärzte sollen gefälligst eine Leistung erbringen.

Deshalb verwundert es nicht, wenn die Patienten sich bei diesen Leistungserbringern tüchtig bedienen. «Sie, Herr Doktor, ich bezahle jeden Monat so hohe Prämien, jetzt will ich davon profitieren», hört Martin Tschan, der im Baselbieter Laufen seit 22 Jahren eine Hausarztpraxis führt, häufig.

Kopfweh? Ein Computertomogramm!
Ebenso sein Zürcher Kollege Walter Grete: «Am häufigsten beobachte ich die gestiegne Anspruchshaltung bei Sportpatienten.» Grete ist Hausarzt und führt seit fast drei Jahrzehnten eine Praxis in Bachenbülach.

Wer sich zum Beispiel im Training den Fuss verstaucht hat, braucht laut Grete nicht unbedingt ein Röntgenbild. Sechs Wochen ruhig stellen würde manchmal genügen. «Warten und ausheilen als Rat genügt heute nicht mehr», sagt Grete. «Wenn ich das Röntgen verweigere, lässt sich dieser Patient mit Garantie am nächsten Tag woanders durchleuchten, weil ihm sein Trainer und Laien dazu raten.»

Arztkollege Tschan macht dieselbe Erfahrung. Immer öfter kommen seine Patienten mit einer konkreten Forderung in die Praxis: Sie sagen nicht: «Mir tut der Kopf weh.» Sie sagen: «Ich brauche ein Computertomogramm, denn ich habe immer wieder Kopfschmerzen.»

Der Patient schlägt die Behandlung gleich selber vor. Auch Grete bestätigt diesen Trend: «Die Patienten haben im Internet gelesen, dass Kopfweh im schlimmsten Fall auf einen Hirntumor hinweisen kann.» Deshalb wollten sie in die Röhre, um auch diesen Fall auszuschliessen. Eine solche Untersuchung kostet gegen 1000 Franken. «Sie verkennen», meint Grete, «dass langjähriger Anfallskopfschmerz eine andere Ursache haben muss.» Der Arzt ist heute dazu da, auch noch die unwahrscheinlichste Diagnose auszuschliessen. Er muss nicht nur herausfinden, woran jemand leidet, sondern auch woran er nicht leidet. Grete: «Das ist Praxisalltag.»

Hausarzt Martin Tschan beobachtet auch, dass Patienten immer häufiger den Hausarzt umgehen und direkt den Spezialisten aufsuchen. «Parallelbehandlungen sind deshalb häufig und zeigen, dass die Medizin zu einem ‹Konsumartikel› geworden ist.»

20 Millionen Zusatzwünsche
Dass die Anspruchshaltung «massiv zugenommen» hat, bestätigt Hausarzt Rolf Aerni aus Aesch BL. Es sei «sehr häufig», dass der Patient von sich aus eine Behandlung, einen Check-up oder ein bestimmtes Medikament verlange: «Ein übergewichtiger Freund», erzählt Aerni, «verlangte von mir ziemlich imperativ Xenical (eine Antifettpille, die Red.), mit der Bitte, keine Moralpredigt zu halten. Gemeint war eine Diätberatung. Dass das Präparat Nebenwirkungen wie Durchfall haben kann, interessierte ihn nicht. Ich habe es ihm verschrieben, und es ging in die Hosen.»

Alles nur Einzelfälle? Mitnichten.

Eine repräsentative Studie des Schweizer Gesundheitsökonomen Gianfranco Domenighetti belegt die Aussagen der Ärzte. Die Resultate sind krass: Bei mindestens jeder dritten Arztkonsultation verlangt der Patient von sich aus eine zusätzliche Untersuchung, ein Medikament, einen Termin bei einem anderen Arzt oder einen Spitalaufenthalt – und zwar ohne dass der Arzt das von sich aus angeboten hätte. «Das erlebe ich häufig», bestätigt Grete. «Besonders Laboruntersuchungen werden immer häufiger bei völliger Beschwerdefreiheit so nebenbei verlangt.»

Bei rund 20 Millionen Arztkonsultationen werden in der Schweiz solche Zusatzwünsche geäussert. Kostenpunkt: über 2,5 Milliarden Franken oder rund ein Sechstel der Ausgaben in der Grundversicherung. Sogar Ursula Gröbly von der Schweizerischen Patientenorganisation kritisiert diese Konsummentalität: «Das Gesundheitswesen ist der einzige Ort, wo man ‹einkaufen› kann, aber nicht selber bezahlen muss.»

In drei von vier Fällen geben die Ärzte dem Zusatzwunsch der Patienten nach. Das erstaunt nicht. Was sollen sie schon tun? Eine Patientenbitte abschlagen? Erklären, der Wunsch sei masslos und unbegründet? Hausarzt Martin Tschan spricht von einem «Dilemma»: Ein solcher Patient «findet mit Sicherheit ein ‹Kompetenzzentrum›, das ihm das Gewünschte anbietet und die Untersuchungen durchführt».

Sein Kollege Walter Grete beschreibt das Dilemma so: «Was soll der Arzt tun? Erklären, warum etwas überflüssig ist und wenig Sinn macht, kann im ärztlichen Zeittarif teurer werden als die gefällige Verschreibung.»

Deshalb «mache ich halt auch einmal ‹unnötige› Untersuchungen», räumt Grete ein. «Man muss bedenken, dass der Hausarzt über die Jahre eine sehr enge Beziehung zu seinen Patienten hat. Er ist beinahe mit ihnen verwandt», ergänzt Kollege Rolf Aerni. Da sei es manchmal schwierig, «etwas zu verweigern».

Beim Vertrauensarzt der Krankenkasse CSS melden sich immer häufiger Hausärzte, die mit allzu fordernden Patienten nicht mehr klarkommen. Ruth Lichtensteiger vom Care-Management der CSS beschreibt einen typischen Fall: Eine Patientin verlangte von ihrem Arzt immer wieder verschiedene Magnetresonanz-Untersuchungen, eine bestimmte Physiotherapie, wollte zu einer bestimmten Osteopathin, forderte Blutuntersuchungen und akzeptierte nur Originalmedikamente.

Auch Patienten verhindern das Sparen
Natürlich sind nicht allein die Patienten verantwortlich für die steigenden Gesundheitskosten. Die Ärzte profitieren ebenfalls vom heutigen System, weil ihnen das Gesetz ein Einkommen garantiert. Jeder Arzt mit der nötigen Ausbildung darf eine Praxis eröffnen und über die Grundversicherung abrechnen. Keine Kasse darf ihn ablehnen. Wollen Kassen oder Politiker diesen Vertragszwang aufheben, drohen die Ärzte reflexartig mit dem Referendum.

Und die Versicherten? Sie jammern als Prämienzahler, aber als Patienten blockieren sie jeden Ansatz zum Sparen. Schliesst ein Gesundheitsdirektor mutig ein Regionalspital, wird er bei der nächsten Wahl aus seinem Amt gefegt. Wer darüber nachdenkt, zum Beispiel die Alternativmedizin aus dem Grundleistungskatalog zu streichen, wird als asozial abgestraft. Und wenn die Kassen nicht mehr jeden Arzt unter Vertrag nehmen wollen, schreien die Patienten Zeter und Mordio und verteidigen die freie Arztwahl.

Ärzte und Patienten leben noch immer in einer kuscheligen Symbiose, beide profitieren vom heutigen System, und auch deshalb werden die Prämien weiterhin munter steigen.

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