Beobachter: Wäre es nicht fair, wenn ältere Menschen mehr ­Krankenkassenprämien bezahlen müssten, wie das Helsana, Sanitas und Groupe Mutuel jetzt fordern?
Willy Oggier So paradox es klingen mag: Es ­besteht kein grosser Zusammenhang zwischen Alter und Gesundheitskosten. Das zeigen viele Studien. Entscheidend sind die letzten 24 Monate vor dem Tod; dann fallen die grossen Kosten an – unabhängig vom Alter des Patienten.

Beobachter: Aber ältere Menschen verursachen doch höhere Kosten?
Oggier: Das ist unter Fachleuten umstritten. Zurzeit spricht eher mehr dafür, dass diese Annahme falsch ist. Denn die Altersforschung zeigt: Dank unseren medizinischen, sozialen und hygienischen Fortschritten leben Leute heute länger und in der Regel auch länger gesund.

Beobachter: Wären höhere Prämien für Übergewichtige und Raucher eine Alternative?
Oggier: Der Begriff Übergewicht ist nicht ein­deutig definiert. Und übergewichtig heisst nicht automatisch krank. Das schädliche Rauchen kann man wirksamer über höhere Tabaksteuern bekämpfen.

Beobachter: Auch Sportler könnte man wegen ihrer vielen Verletzungen zur Kasse bitten.
Oggier: In der sozialen Krankenversicherung spielt das kaum eine Rolle. Viele Sportler sind mindestens acht Stunden pro Woche angestellt, ihre Kosten werden über die obligatorische Un­fallversicherung abgerechnet.

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Beobachter: Sind denn risikogerechte Prämien unfair?
Oggier: Grundsätzlich nicht, aber sie widersprechen dem Prinzip der sozialen Krankenversicherung. Bei diesem geht es darum, als Solidargemeinschaft gemeinsam das zu schultern, was der Einzelne nicht mehr tragen kann.

Beobachter: Aber der Trend geht in Richtung differenziertere Prämien?
Oggier: Er geht in Richtung höherer ­Eigenbeteiligungen der Versicherten. Hier ist die Schweiz im europäischen Vergleich aber schon auf sehr hohen Werten. Wichtiger wäre daher, wenn man finanzielle Verzerrungen zwischen ambulanten und stationären Behandlungen beseitigen würde und den Risikoausgleich so regelt, dass sich die Jagd nach guten Risiken für die Krankenkassen nicht mehr so lohnt.

Willy Oggier: «Als Solidargemeinschaft gemeinsam schultern, was der Einzelne nicht tragen kann.»

Quelle: Yoshiko Kusano/Keystone
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