Nur das Beste ist gut genug, sagen sich manche Patienten. So wie jener Versicherte, der zu einer Schlankheitskur in eine spezialisierte Klinik an den Bodensee fuhr. Da er nur grundversichert war, liess er sich als Notfall aufnehmen und absolvierte dann das Programm mit allen vorgesehenen Diäten, Massagen und anderen Annehmlichkeiten. Weniger erfreut war er allerdings, als sich seine Krankenkasse weigerte, die Abmagerungskur zu zahlen.

Ein anderer Patient erlitt in Deutschland einen Sehnenriss. Nachdem er dort nach den Regeln der medizinischen Kunst versorgt worden war, kehrte er in die Schweiz zurück, hatte aber offenbar den Eindruck, dass sein Zustand verbesserungsfähig sei. Er hörte von einem deutschen Starchirurgen, reiste zu ihm, um seinen Zustand zu optimieren, und liess sich danach noch in eine bekannte und teure Reha-Klinik überweisen. Behandlung und Therapie kosteten rund 60'000 Franken, die zu zahlen sich die Krankenkasse allerdings weigerte. Nach zähem Hin und Her kam sie dem Patienten entgegen und leistete «kulanterweise» einige tausend Franken.

Überzogene Ansprüche von Patienten müssen sich allerdings nicht immer in solchen Dimensionen bewegen. Da gibt es auch die Frau aus der Region Bern, die ihren Mann im Inselspital besuchte und das Bahnbillett der Krankenkasse schickte. Als diese ablehnte, reagierte sie verständnislos. Diese aktuellen Beispiele liessen sich beliebig fortführen. Sie haben eines gemein: Man will Leistungen, die von der Police nicht gedeckt sind.

«Viele Versicherte sagen sich: Ich will wenigstens wieder das zurückhaben, was ich einbezahlt habe», sagt Thomas Lüthi von der Helsana, die fast zwei Millionen Menschen versichert. Mit den ständig steigenden Prämien wachse auch die Anspruchshaltung. Ähnlich sieht es Mark Glutz von der Concordia: «Wir stellen eine Tendenz zu überrissenen Leistungsansprüchen fest, doch haben wir das statistisch nicht erfasst.» Dass die Patienten in der Tendenz fordernder werden, merkt auch Barbara Brühwiler, Direktorin Pflege und HRM am Universitätsspital Zürich: «Etliche Patienten scheinen sich nicht mehr bewusst zu sein, dass eine Krankenversicherung auf dem Prinzip der Solidarität aufgebaut ist, sondern sie betrachten die Prämien als eine Art Investition.»

Auch Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation, registriert bei ihrer Klientel eine gesteigerte Anspruchshaltung, bringt teilweise aber auch Verständnis dafür auf: «Bei den ständig steigenden Prämien sagen sich gerade Leute, die bisher wenige Leistungen beansprucht haben: Wieso soll ich nicht auch einmal etwas von meinen höheren Prämien haben?» Die Kehrseite sei, dass gestiegene Ansprüche auch wieder höhere Prämien zur Folge hätten.

Sind Patienten, die sich eine Zusatzversicherung leisten, also mehr bezahlen, anspruchsvoller als Grundversicherte? Das lässt sich nicht mit Zahlen erhärten - Beispiele für eine fordernde Haltung gibt es in beiden Versichertengruppen. So stellt Karin Julia Stadlin, Frauenärztin in Cham, fest, dass privat versicherte Frauen die durch die Krankenkassen finanzierte Haushaltshilfe eher und oftmals länger beanspruchen als allgemein versicherte Patientinnen. «Da will man einfach auf Kosten der Krankenkasse eine Putzfrau haben», meint sie.

Ärztlich verordnete Haushaltshilfen scheinen überhaupt beliebt zu sein: So verlangte eine Frau, die ins Spital musste, für ihren 20-jährigen Sohn eine Haushaltshilfe. Eine andere Versicherte, die bereits wieder zu 100 Prozent auswärts berufstätig war, wünschte während ihrer Abwesenheit eine Haushaltshilfe und Kinderbetreuerin.

Barbara Brühwiler vom Universitätsspital Zürich hat hingegen die Erfahrung gemacht, dass grundversicherte Patienten, die sich keine Zusatzversicherung mehr leisten wollen oder können, eher fordernder sind: «Sie haben das Gefühl, sie erhielten nicht das, worauf sie eigentlich Anspruch hätten.» Zudem würden sie ungeduldiger - etwa wenn es bei Notfällen zu längeren Wartezeiten kommt, weil andere Patienten dringender Hilfe benötigen. «Das äussert sich dann auch in aggressivem Verhalten.»

«Die wissen, wohin sie gehen müssen»
Wo sich Ärzte und Krankenkassen überzogenen Ansprüchen verweigern, schlagen diese wenigstens nicht auf die Kosten des Gesundheitssystems durch. Doch es gibt auch andere Fälle. «Es kommen immer wieder Patienten, die ein Zeugnis für eine Kur, Arbeitsunfähigkeit oder eine IV-Rente wollen», sagt der Luzerner Arzt Werner Messerli. «Da ist es dann eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass man solche Ansprüche ablehnt, wenn sie medizinisch nicht gerechtfertigt sind.» Doch nicht alle sind konsequent. «Es kommt dann vor», fügt Messerli bei, «dass der betreffende Patient zu einem anderen Arzt geht und dort das Gewünschte erhält. Die Patienten wissen offensichtlich genau, wohin sie gehen müssen.»

Die Krankenkassen erheben nicht systematisch, wie viele Fälle von überrissenen Ansprüchen auf sie zukommen. Bei der CSS weist die Rechnungskontrolle jährlich Forderungen von etwa 200 Millionen Franken ab. Darin sind fehlerhafte Rechnungen von Leistungserbringern, überzogene Ansprüche von Patienten, aber auch eigentliche Betrugsversuche enthalten. «Allerdings kommen Betrugsversuche weit weniger häufig vor als Forderungen aufgrund erhöhter Konsumansprüche», meint Stephan Michel von der CSS. Für ihn ist denn auch die Grenze zwischen Konsummentalität und Betrugsversuch oft fliessend. Vor allem bei angeblichen Klinikaufenthalten im Ausland werde gelegentlich versucht, mit gefälschten Rechnungen zu Geld zu kommen. Geht man bei den anderen Krankenversicherern von ähnlichen Zahlen wie bei der CSS aus und rechnet diese hoch, dann kommt man auf über eine Milliarde Franken, die jährlich aufgrund fehlerhafter Rechnungen, überzogener Ansprüche oder versuchter Schlaumeiereien abgelehnt werden.

Eine solche versuchte auch ein Versicherter der CSS. Er verbrachte seine Ferien im sonnigen Süden und meldete der CSS, dass er an Rückenbeschwerden leide. Einen Arzt suchte er allerdings nicht auf, das Spital mied er ebenfalls. Stattdessen liess er sich während vier Wochen täglich massieren, genoss eine Aromatherapie, entspannte sich in der Sauna und versuchte, sich mittels Peeling zu verschönern. Die Rechnungen für diese Wellness- und Kosmetikleistungen schickte er inklusive der Hotelrechnung seiner Krankenversicherung. Ohne Erfolg.

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