Willi Schild (Name geändert) wunderte sich, warum seine Mutter ihn im Morgenrock empfing, mit wirrem Haar und kaum in der Lage, eine Tasse zu halten und zwei gerade Sätze zu sagen. Später zählte der Sohn die Pillen, die seine Mutter schluckte: Er kam auf ein gutes Dutzend.

Schilds Mutter ist nicht die Einzige. Die Krankenkasse Helsana findet in den Abrechnungsdaten ihrer 1,9 Mil­lionen Kunden solche, denen bis zu 15 Präparate verschrieben wurden. Die Helsana will diese Daten systematisch auf problematische Kombinationen checken. Dann könnte sie Ärzte warnen, die Lebensqualität von Patienten verbessern und verhindern, dass jedes Jahr Hunderte im Spital erwachen, weil ihr Pillencocktail toxisch wirkte.

Das Projekt der Helsana steckt noch in Kinderschuhen. Dass der Ansatz sinnvoll ist und Geld sparen würde, bestreiten auch Kritiker nicht. Sie orten anderswo Probleme. Der Berufsverband der 38'000 Schweizer Ärzte FMH stellt die Frage nach der Verantwortlichkeit. Nicht die Krankenkasse hafte für Behandlungsfehler, sondern der Arzt, sagt Gert Printzen vom FMH. «Er sieht den Patienten, hat den Kontakt und verschreibt die Medikation. Das kann nicht vom Pult der Krankenversicherung aus erfolgen.»

«Der Arzt weiss mehr als die Krankenkasse»

«Die Überwachung der Medikation ist eine typische Aufgabe des Hausarztes, nicht der Krankenkassen», sagt Stefan Neuner-Jehle vom Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich. «Der Hausarzt weiss mehr über den Patienten als die Krankenkasse. Es ist a priori nichts Schlechtes, wenn ein Patient sechs oder sieben Medikamente zu sich nimmt – sofern sie gerechtfertigt und für seine Krankheit passend sind, also der Benefit mögliche negative Auswirkungen übersteigt.»

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Auch Patientenschützerin Margrit Kessler stellt sich auf die Seite der Ärzte: Es sei nicht Aufgabe der Krankenkasse, in eine Therapie dreinzureden.

«Polypharmazie [der Einsatz mehrerer Heilstoffe; Red.] ist nicht einfach nur schlecht», sagt Stephan Krähenbühl, Chefarzt Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Basel. Ärzte seien in der praktischen Anwendung der Präparate und im Erkennen unerwünschter Wirkungen «besser als die Pharmazeuten».

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Die Problematik der Polypharmazie erhält mit jedem Jahr mehr Gewicht. Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher gehören wir zu jenen vier von fünf 80-Jährigen und Älteren, denen mehrere Gebresten aufs Mal das Leben erschweren und die mehrere Medikamente aufs Mal benötigen. Ein fataler Pillenmix lässt sich durchaus vermeiden. Ärzte halten sich an Ratschläge wie «klug wählen» oder «so viel wie nötig, so wenig wie möglich». Allerdings ist das «So wenig wie möglich» manchmal schon recht viel. Ein dickleibiger Mensch mit Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen benötigt bereits eine ganze Palette an Arzneimitteln, weiss FMH-Mediziner Printzen: «Ihm diese vor­zuenthalten wäre grob fahrlässig.»

Nicht zu unterschätzen ist das Verhalten des Patienten selbst. Oft werden ihm von mehreren Spezialisten Pillen verschrieben. Das führt dazu, «dass niemand sich getraut, die Zahl der ­Medikamente zu reduzieren», sagt der erfahrene Zürcher Gerontologe Albert Wettstein. Niemand – ausser eben dem Patienten, der sich den Cocktail neu mixt «und nicht selten gerade die wichtigsten Medis weglässt», wie Wettstein beobachtet. Nicht einmal via Arztrezept oder Krankenkassen­daten lässt sich der Patient kontrollieren: Deutsche Forscher schätzen, dass jeder Versicherte pro Jahr im Mittel sechs Präparate erwirbt, die ihm ­rezeptfrei über die Theke geschoben werden. Von denen erfährt der Arzt in aller Regel nichts oder muss sich anhören, es sei ja nur etwas Pflanzliches.

Willi Schild liess den Pillenmix seiner Mutter von einem Pharmakologen prüfen und anpassen. Sie erlebte daraufhin «einen dramatischen Anstieg der Kognition», wie Ärzte sagen. Mit anderen Worten: Sie blühte sichtlich auf und strickt wieder Socken.