Beobachter: Herr Giger, mit der Krankenkasse SBB gewinnt ein «Kleiner» das Beobachter-Rating. Sind Sie überrascht?
Marc-André Giger:
Nein, für mich ist das der Beweis, dass eine kleinere Kasse mit Qualität, Service und Dienstleistung obenaus schwingen kann. Vielleicht hat eine solche Kasse gegenüber den Grossen sogar den Vorteil, dass die Identifikation der Angestellten in dem Unternehmen besser ist. Das wirkt sich auf die Arbeit aus.

Beobachter: Die Leitung der Krankenkasse SBB will ihren Sieg nicht an die grosse Glocke hängen und kein Interview geben. Sie befürchtet einen zu grossen Ansturm von neuen Kunden. Haben Sie dafür Verständnis?
Giger:
Ich kann diese Haltung nachvollziehen. Ein massiver Zustrom von Versicherten ist für eine Krankenkasse nicht nur gut. Sie muss auf einen Schlag die gesetzlich verlangten Reserven und Rückstellungen bilden – das kann zu finanziellen Problemen führen. Hinzu kommt eine administrative Belastung, die kaum mehr zu bewältigen ist. Es ist besser, wenn eine Kasse langsamer wächst.

Beobachter: Ist das nicht nur eine Ausrede, weil die Verantwortlichen den Aufwand scheuen?
Giger:
Nein. Ein massiver Zulauf fördert den Jo-Jo-Effekt: Die Kasse wird überrannt, muss kurzfristig die Verwaltung ausbauen und viel Geld zurückstellen; sie erhöht deshalb im nächsten Jahr die Prämien – und verliert die neuen Versicherten wieder. Das macht administrativ wenig Sinn.

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Beobachter: Der Bund aber sagt den Versicherten: Vergleicht die Angebote. Und wenn eine Kasse gut und günstig ist, dann geht dorthin. Ist dieser Wettbewerb gewährleistet?
Giger:
Davon gehe ich aus. Die Krankenkasse SBB würde im Rating kaum so gut abschneiden, wenn sie die neuen Kunden nicht aufgenom-men, sondern abgewimmelt hätte. Dass man das gute Resultat lieber dezent zur Kenntnis nimmt, um nicht einen Schub von neuen Versicherten auszulösen, hat damit nichts zu tun.

Beobachter: Eigentlich sollten doch die Grosskassen den Ton angeben, den Gesundheitsmarkt aufmischen und ein solches Rating locker gewinnen. Was läuft schief in der Branche?
Giger:
Grösse allein hat mit einem guten Kundendienst und einer kulanten Abwicklung von Schadensfällen nichts zu tun. Kommt hinzu, dass die grossen Krankenkassen momentan in einem starren Korsett stecken. Der enge staatliche Rahmen lässt es kaum zu, die Marktmacht auszuspielen.

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Beobachter: Das tönte vor sechs Jahren noch ganz anders. Damals gab es Grossfusionen, und die Botschaft hiess: Jetzt wird etwas bewegt. Warum ist diese Energie verpufft?Giger: Damals gingen wir davon aus, dass das neue Krankenversicherungsgesetz einen Rahmen vorgibt, mit dem innovative Angebote möglich werden. Dazu gehören HMOs oder Hausarztmodelle. Doch es zeigte sich, dass der ge-setzliche Rahmen nicht genügt, um diesen Modellen zum Durchbruch zu verhelfen.

Beobachter: Kritiker werfen den Versicherern aber vor, sie hätten HMOs und Hausarztmodelle mehr fördern müssen.
Giger:
Das haben sie versucht, doch die Modelle erwiesen sich einfach als zu wenig attraktiv. Die Versicherten sind offenbar nicht bereit, die freie Arztwahl gegen einen Prämienrabatt von zehn oder 15 Prozent aufzugeben. Und die Ärzte machten nicht mit, weil sie offenbar in der freien Praxis mehr verdienen als bei einer Zusammenarbeit mit den Kassen. Hinzu kommt, dass vor allem Junge und Gesunde diese Modelle wählen – doch mit gesunden Leuten lässt sich nicht sparen.

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Beobachter: Was muss denn geschehen, damit die Innovationskraft wieder erwacht?
Giger:
Das Stichwort ist ganz klar die Vertragsfreiheit zwischen Ärzten, allen anderen Leistungserbringern und den Krankenkassen. Das würde den Wettbewerb fördern und die Fantasie anregen.

Beobachter: Wie sieht die Fantasie aus?
Giger:
Die Telekommunikation hat gezeigt, dass man durchaus den staatlich reglementierten Rah-men aufbrechen und eine Vielfalt von Modellen entwickeln kann – und ich meine mit Vielfalt nicht nur die Farbe der Telefonapparate. Das könnte im Gesundheitsmarkt ähnlich sein: Krankenkassen und Ärzte ziehen Versorgungsnetze auf, die sich in ihrem Profil unterscheiden. Und der Versicherte kann frei entscheiden, welchem Mediziner er sich anschliessen will.

Beobachter: Kritiker warnen vor einer «Billigmedizin». Können Sie wirklich garantieren, dass die Kassen die Vertragsfreiheit umsetzen können, ohne nur eigene finanzielle Vorteile zu verfolgen?
Giger:
Wir werden nicht völlig frei schalten und walten können. So werden die Kantone zum Beispiel darauf achten müssen, dass jede Kasse ihren Versicherten eine genügende Versorgung garantiert. Zudem stehen wir hinter der Idee eines unabhängig verfassten «Guide Santé». In diesem Gesundheitsführer würde es dann vielleicht heissen, dass das Versorgungsnetz XY zwar billiger ist, dafür gibt es Wartezeiten und eine unfreundliche Bedienung. Mit einem solchen Ärzte- und Kassenrating bekommt der Versicherte ein Instrument in die Hand, das die Transparenz fördert. Er wird mit den Füssen abstimmen können.

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Beobachter: Sie tönen begeistert. Wie aber überzeugen Sie die Ärzte vom Projekt «Guide Santé»?
Giger:
Die Ärzteschaft ist längst kein unverrückbarer Machtblock mehr. Viele Mediziner haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen vermehrt zusammenarbeiten – zum Beispiel in Ärztenetzwerken. Ein Arzt, der die Isolation der Einzelpraxis verlässt und die Teamarbeit sucht, kann viel gezielter auf die Kunden eingehen und die Qualität seiner Arbeit verbessern. Davon bin ich überzeugt – und die Ärzte sind das sicher auch.