Der Winterthurer Bezirksanwalt Silvio Stierli ist dieser Tage wortkarg. «Kein Kommentar» ist einer der wenigen Sätze, die er sich am Telefon entlocken lässt, bestenfalls ein «Ich kann dazu nichts sagen, weil ich die Untersuchung nicht gefährden will». Stierli ermittelt im Fall der Winterthurer Krankenkasse KBV: Die drei mittlerweile entlassenen Mitglieder der Geschäftsleitung sowie ein ehemaliger Direktor werden verdächtigt, zwischen 2000 und 2002 dem Risikoausgleich der Schweizer Krankenversicherer 2040 fiktive betagte Patienten gemeldet und so 28,5 Millionen Franken ungerechtfertigt erhalten zu haben. Von dem Geld sollen die Manager rund neun Millionen für sich abgezweigt haben (siehe Artikel zum Thema «Krankenversicherung: Bei der KBV ist Feuer unter dem Dach»).

Die Beweisführung ist aber schwierig: Aus dem Archiv der KBV verschwanden ausgerechnet die Ordner mit den Angaben zu den 2040 fiktiven Versicherten, die unter dem Kennwort «Vertrag 1163» zusammengefasst waren. Auch im Computersystem der KBV finden sich deren Namen nicht mehr.

Das ist kein Zufall, wie Recherchen des Beobachters zeigen. Die Daten wurden manipuliert – und zwar auf Befehl von ganz oben. Am 8. Oktober 2002 beauftragte KBV-Direktor Jürgen Hafen den damaligen Informatikchef Thomas Müller, den Vertrag 1163 auf Ende Jahr zu löschen. Die Bestätigung kam am 30. November 2002 ebenfalls per E-Mail: Die Sache sei «erledigt», liess Informatikchef Müller seinen Vorgesetzten wissen.

Nicht ganz «reinen Tisch» gemacht
Dass der oberste KBV-Chef den Vertrag 1163, der für ihn und seine Mitverdächtigen eine Art Lizenz zum Gelddrucken war, so plötzlich aus allen Archiven beseitigen liess, hat Gründe: Am 23. Juli 2002 beschloss die Gemeinsame Einrichtung KVG, die den Risikoausgleichsfonds der Schweizer Krankenversicherer verwaltet, die Zahl der Stichproben bei den Krankenkassen zu verdoppeln. Aufgrund ihrer Grösse musste die KBV damit rechnen, neu alle zwei bis drei Jahre eine vertiefte Buchprüfung über sich ergehen lassen zu müssen. Bei einer solchen Revision, das war der KBV-Spitze klar, würde auch ihr Konstrukt mit den fiktiven Versicherten des Vertrags 1163 auffliegen.

«Die KBV macht reinen Tisch», teilte die Versicherung am 14. Oktober auf ihrer Homepage mit. So rein ist dieser Tisch allerdings nicht: Informatikchef Thomas Müller, der für die Manipulation der Daten besorgt war, sitzt weiterhin in der Geschäftsleitung. Zu Recht, wie der Delegierte des KBV-Verwaltungsrats, Alfons Handermann, meint, denn der
Vizedirektor sei kein Angeschuldigter. «Thomas Müller hat keinerlei Daten gelöscht», so Alfons Handermann, sondern aktive Mitglieder «zu ausgetretenen Mitgliedern mutiert».

Überhaupt scheint die Informatik bei der KBV-Affäre eine zentrale Rolle zu spielen. «Wegen eines Programmierfehlers», liess sich Interims-Chef Handermann von der «NZZ am Sonntag» zitieren, seien bei der KBV versicherte Grenzgänger bisher nicht dem Risikoausgleich gemeldet worden. Die Schulden der KBV beim Fonds wachsen damit um weitere drei Millionen Franken.

Die Rechnung für die angeblichen «Programmierfehler» und versuchten Betrügereien des ehemaligen Managements bezahlen die Versicherten: Die Prämien der KBV steigen im kommenden Jahr überdurchschnittlich stark.

Anzeige