Kostengutsprachen für die Einsetzung einer Spirale gehören nicht zu den Kernkompetenzen eines Modehauses, ebensowenig das Bezahlen von Rechnungen für Physiotherapiestunden. Stefan Steiner, Inhaber der Firma Progres Mode AG in Aarburg mit Filiale in Olten, hätte es in den vergangenen zwei Jahren trotzdem in der Hand gehabt, über Sinn und Unsinn von medizinischen Massnahmen zu richten. «Wir erhielten beinahe täglich von Ärzten und Kliniken Unterlagen zugeschickt», sagt Steiner, «manchmal ganze Kartons voll.»

Eigentlicher Adressat war jedoch nicht das Modehaus, sondern die Krankenkasse Progrès. Das Tochterunternehmen der Helsana hat in Olten eine Filiale, aber keinen Telefonbucheintrag. Bis zu 30 Progrès-Kunden rufen deshalb täglich beim Modehaus statt bei der Krankenkasse an.

Eine Torte und ein Stapel Kuverts
Stefan Steiner machte die Helsana wiederholt auf das Problem aufmerksam und forderte sie auf, die Krankenkasse Progrès endlich im Telefonbuch eintragen zu lassen - erfolglos: «Ich wurde immer wieder vertröstet.» Ganz anders sieht das die Helsana: «Wir machten die verschiedenen Leistungserbringer wiederholt darauf aufmerksam, die richtige Adresse zu verwenden», erklärt Mediensprecher Thomas Lüthi. Er findet es «nicht fair, uns jetzt einseitig eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen». Schuld seien vielmehr die Ärzte und Kliniken, die die Post falsch adressiert hätten, erklärt Lüthi. «Allerdings, und da sind wir froh, ist es bis jetzt zu keinen Datenschutzverletzungen gekommen.»

Mit dieser Ansicht steht die Helsana ziemlich allein da. Medizinische Daten gelten als besonders schützenswert und haben in fremden Händen nichts zu suchen, unabhängig davon, ob sie vom falschen Empfänger missbräuchlich verwendet oder − wie im Fall von Modehausbesitzer Steiner − an den richtigen Empfänger weitergeleitet werden.

Ab Ende 2007 musste Steiner das immerhin nicht mehr auf eigene Kosten tun: Der Leiter der Helsana-Filiale Solothurn tauchte bei ihm im Geschäft auf: «Er brachte eine Torte und einen Stapel Kuverts, mit denen wir die Unterlagen weiterschicken konnten.» Der Strom der Rechnungen, Gutachten und Röntgenbilder versiegte jedoch erst im April. «Wenn das Problem so lange bestand, hätte die Helsana viel schneller reagieren müssen», sagt Daniel Menna, Sprecher des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten.

Schnell reagierte die Helsana beim Telefonbucheintrag. Allerdings erst, als der Beobachter Auskunft über die fehlgeleitete Post erbat: Knappe vier Stunden nach der Anfrage an die Medienstelle erhielt Steiner die Kopie eines Helsana-internen E-Mails, in dem der Solothurner Filialleiter bei seinen Vorgesetzten Telefonbucheinträge für die Progrès-Filialen verlangt: «Bestimmt bewilligt unsere Unternehmenskommunikation lieber ein paar weitere Directories-Einträge, als in der Tagespresse unliebsame Schlagzeilen lesen zu müssen.» Eine richtige Einsicht, aber eine zu späte.

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