Selbst die Architektin zweifelt inzwischen an der Tragfähigkeit ihrer Konstruktion. Jahrelang verteidigte Sozialministerin Ruth Dreifuss «ihr» Krankenversicherungsgesetz beharrlich, bedauerte die stetig steigenden Prämien und empfahl nach jeder Erhöhung den Wechsel zu einer billigeren Kasse. Jetzt denkt sie erstmals laut über die «Option einer Einheitskasse» nach.

Es bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig, denn das Thema steht weit oben auf der politischen Agenda. Die Vereinigung der Westschweizer Gesundheitsdirektoren lässt derzeit in ihren Kantonen Machbarkeitsstudien für eine Einheitskasse im Stil der Unfallversicherung Suva erarbeiten. Im eidgenössischen Parlament wurden Vorstösse eingereicht, die die Prüfung einer Einheitskasse für den obligatorischen Bereich verlangen. Und das Mouvement populaire des familles aus der Romandie hat eine entsprechende Initiative lanciert.

Bereits vor Bekanntgabe der Prämienerhöhungen für 2003 hatte der Gesundheitsmonitor des GfS-Forschungsinstituts zunehmenden Kostenfrust und wachsende Sympathie für die Einheitskasse geortet. 41 Prozent der Befragten befürworteten das Suva-Modell, nur noch eine knappe Mehrheit von 43 Prozent war dagegen. Eine erstaunliche Wende: Noch vor kurzem war die Einheitskasse in der Deutschschweiz tabu.

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Prüfung diverser Modelle
«Wir müssen nun verschiedene Varianten seriös prüfen», fordert der Berner Gesundheitsökonom Gerhard Kocher. Neben dem Suva-Modell existieren Vorschläge für eine staatliche Krankenversicherung unter Obhut des Bundesamts für Sozialversicherung, eine kantonale Holding aller Krankenversicherer sowie ein Submissionsmodell, bei dem der Versicherer mit dem besten Angebot den Auftrag erhalten soll.

Was erhoffen sich die Befürworter einer Einheitskasse? Die Jagd auf die «guten Risiken», also die Jungen und Gesunden, fiele ebenso weg wie der heutige Risikoausgleich zwischen den Krankenkassen, bei dem jährlich über drei Milliarden Franken aufwändig herumgeschoben werden. Zudem würde eine Einheitskasse den Verwaltungsaufwand senken und die Verhandlungsposition bei Tarif- und Preisverhandlungen stärken.

Gegen die Einheitskasse Sturm läuft Santésuisse, der Dachverband der Schweizer Krankenversicherer. Die Krankenkassen wollen das Feld nicht kampflos räumen. «Die Einheitskasse bevormundet die Versicherten, bringt Diktat und Bürokratie statt Wettbewerb und schwächt den Sparwillen der Kantone», schreibt der Verband in einem Positionspapier. Die Folge: Kantone mit tiefen Prämien würden die hochpreisigen Stände subventionieren. In der Übergangsphase sei zudem ein weiterer Kostenschub programmiert.

Vehementer Kritiker des Einheitskassenmodells ist der Zürcher Gesundheitsökonom Willy Oggier. «Wir reden einmal mehr über Scheinlösungen. Die Kosten steigen nicht wegen der Krankenkassen, sondern weil immer mehr Leistungen bezahlt und nachgefragt werden.» Gerade jene Kantone, die am lautesten nach einer Einheitskasse riefen, hätten ihre Hausaufgaben am wenigsten gemacht, sagt Oggier. Er bezweifelt auch, dass das Suva-Modell die Kosten senken würde: «Der Verwaltungsaufwand ist bei der Suva deutlich höher als bei den Krankenkassen.» Auch bei den Tarifverhandlungen sei die eidgenössische Unfallversicherung grosszügiger als die Grundversicherer. Denn «ohne Konkurrenz gibts auch keinen Preisdruck».