Noch hat die Schweiz nicht das allerteuerste Gesundheitssystem der Welt. Doch Spitze ist unser Land bereits darin, die Kranken selbst zur Kasse zu bitten – und zwar einsame Spitze. So tragen wir etwa einen Drittel der Kosten am Gesundheitssystem selbst. Zu diesem Schluss kommt die OECD, die Organisa­tion für wirtschaftliche Entwicklung und Zusam­men­arbeit, in einem Ländervergleich. Die Schweiz belegt den ersten Platz vor Nor­wegen und den USA. Pro Kopf zahlen wir viel mehr an rezeptfreie Medikamente, Pflegeheime, Spitex oder Zahnmedizin als alle anderen. Sogar die US-Amerikaner mit dem teuersten Gesundheitssystem überhaupt müssen nicht einmal halb so viel aus der eigenen Tasche zahlen.

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Quelle: Thinkstock Kollektion

Hunderte Franken mehr pro Jahr

Das Problem dabei: Der hohe Anteil an ­sogenannten Out-of-pocket-Zahlern ist ­un­sozial. Denn ob reich oder arm, jeder bezahlt gleich viel. Da Familien mit den allertiefsten Einkommen jedoch häufig von Zuschüssen oder Verbilligungen profitieren, trifft es den Mittelstand am härtesten. Diese Situation verschlimmern die Kantone jetzt noch und bürden den Prämienzahlern zusätzlich Kosten auf.

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Denn im nächsten Jahr steht ein grundlegender Systemwechsel bei der Verrechnung von Spitalkosten an (siehe «Das System Fallpauschale»). Neu müssen sich die Kantone an jedem stationären Spitalaufenthalt betei­ligen – wenn es sich um ein Spital mit Grundversorgungsauftrag handelt, das auf der Spitalliste steht. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob das Spital ein öffentliches oder privates ist. Das Krankenversicherungsgesetz schreibt vor, dass die Kantone mindestens 45 Prozent dieser Kosten übernehmen müssen. Für Kantone mit heute schon überdurchschnittlich hohen Prämien sind es sogar mindestens 55 Prozent. Wie Recherchen des Beobachters jetzt zeigen, beschränken sich die meisten Kantone auf kaum mehr als das gesetzliche Minimum. Dadurch überwälzen sie zusätzliche Kosten auf die Prämienzahler.

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Prozentual am stärksten steigen werden die Prämien in Appenzell Innerrhoden mit über sechs Prozent. Doch auch in Ob- und Nidwalden, Zürich, St. Gallen, Freiburg und Basel-Stadt werden die Prämien dadurch massiv ansteigen (siehe Tabelle). 

Was der Prämienanstieg bedeutet, zeigt sich am Beispiel einer vierköpfigen Familie mit zwei Kindern unter 16 Jahren. In Basel-Stadt wird sie im Durchschnitt jährlich 666 Franken, in Genf 599, im Kanton Zürich 530 Franken mehr bezahlen. Auch in den meisten übrigen Kantonen steigt die Belastung (siehe Grafik). Insgesamt wälzen die Kantone Kosten von 366 Millionen Franken auf die Prämienzahler ab, wie der Krankenkassenverband Santésuisse aufgrund der Beobachter-Recherchen berechnet hat.

«Das ist für den Mittelstand verheerend»

ansteigen, denn zu dieser zusätzlichen Belastung der Krankenkassen durch die Kantone wird noch die übliche Prämienerhöhung hinzukommen. Verschiedene vom Beobachter angefragte Experten rechnen mit einem Prämienanstieg von noch einmal rund vier Prozent im Durchschnitt.

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Jetzt kritisiert selbst der Vize­präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direkto­ren, Carlo Conti, die Kantone. «Wir stecken OECD-weit am wenigsten Steuergelder in unser Gesundheitssystem. Das ist für den Mittelstand verheerend. Es braucht mehr Steuergelder im Gesundheitswesen. Nur so wird das System sozialer», betont Conti. Denn Steuern haben gegenüber Krankenkassenprämien den grossen Vorteil, dass sie Einkommen und finanzielle Belastungen berücksichtigen.

Doch statt mit Steuergeldern die Prä­mienzahler zu entlasten, erklären sich die Kantone kurzerhand selbst zu den Leidtragenden der neuen Spitalfinanzierung und prognostizieren Mehrkosten in Milliardenhöhe, weil sie sich neu auch an den Kosten von Privatspitälern beteiligen müssen. Doch gerade das Beispiel der Privatspitäler zeigt, wie komplex die Kostenverlagerung durch das neue System insgesamt ausfällt.

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Bisher haben die Krankenkassen Behand­lungen in Privatspitälern allein über Grund- und Zusatzversicherung finanziert. Obwohl die Kantone neu jetzt auch an ­diese Privatspitäler zahlen müssen, schlägt diese Entlastung kaum auf die Grundversicherung durch, wie man meinen könnte. Denn gleichzeitig werden mit der Gesetzesreform Kosten von der Zusatzversicherung auf die Grundversicherung verlagert.

Anteilmässiger Anstieg wegen der neuen Spitalfinanzierung, in Prozent

   
Appenzell Innerrhoden 6.10%
Nidwalden* 5.20%
Zürich 4.90%
Freiburg 4.70%
St. Gallen 4.70%
Basel Stadt* 4.60%
Obwalden 4.60%
Genf 4.50%
Glarus 3.20%
Solothurn 3.10%
Neuenburg 2.80%
Uri 2.70%
Schwyz 2.60%
Waadt 2.50%
Aargau 1.90%
Schaffhausen 1.80%
Wallis 1.70%
Basel Land 1.10%
Jura 0.50%
Graubünden 0.00%
Luzern 0.00%
Thurgau 0.00%
Zug 0.00%
Appenzell Ausserrhoden 0.00%
Bern 0.00%
Tessin 0.00%
* beantragt
(Quelle: Santésuisse, BAG)
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Kassen sprechen von «blankem Unsinn»

Zusatzversicherte, also Halb- und Privat­versicherte, galten bis anhin in der Branche als Milchkühe – weil jeder im Gesundheitswesen sie finanziell mit überteuerten Tarifen melken konnte. Diese Zusatzeinnahmen dienten vielen Einrichtungen als Quersubventionen für die Behandlung von Grundversicherten. Doch damit ist jetzt Schluss. Auch das verlangt die Gesetzes­reform. Zusatzversicherte werden deshalb neu weniger, Grundversicherte und Kantone hingegen mehr bezahlen müssen. Die Kantone rechnen insgesamt mit Mehrkosten von 1,5 Milliarden Franken.

Ob auf die Kantone wirklich dermassen hohe Mehrkosten zukommen, ist aber umstritten. Kassen wie die Helsana bezeichnen die von den Kantonen selbst aus­gerechneten Mehrkosten von über einer Milliarde Franken als «blanken Unsinn»: Entweder handle es sich um eine «fatale Fehleinschätzung oder um politisch mo­tivierte Angstmacherei». Angstmacherei, weil es damit schwieriger wird, die Kan­tone für ihre Aktion der Kostenumverteilung auf die Prämienzahler zu kritisieren.

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Das System Fallpauschale

Ab 2012 müssen alle Schweizer Spitäler stationäre Aufenthalte mit Fall­pauschalen abrechnen. Dabei bezahlen die Patienten einen fixen Betrag, der von der Diagnose, Vorerkrankungen und Komplikationen und nicht von den im Spital verbrachten Tagen abhängt.

Patienten können neu ihr Spital schweiz­weit frei wählen. So verliert auch die Zusatzversicherung «Spitäler ganze Schweiz» an Bedeutung. Sie deckt nur noch das Risiko von Mehrkosten ab, die entstehen, wenn ausserkantonale Tarife höher sind als jene im Wohnkanton. Weil der Leistungsumfang dieser Zusatz­versicherungen kleiner wird, sollten auch die Prämien entsprechend sinken. Zusatzversicherte tun also gut daran, ihre nächste Police genau zu studieren.