Allein die Idee erhöht offenbar den Blutdruck. «Ich lege die Gesundheit nicht in die Hände einer Versicherung.» – «Wir zahlen so viel für die Krankenkasse, da sollten wir unsere Ärzte frei wählen können.» Oder: «Eine Bevormundung angesichts der Prämiensituation ist nicht akzeptabel.» So der Tenor im Internetforum des Beobachters.

Zur Debatte stand eine unpopuläre Frage: Sollen die Kassen mitentscheiden, welche Ärzte die Versicherten noch konsultieren dürfen? Seit Jahren lautet die Antwort bei Volkes Stimme gleich: Kommt nicht in Frage. So sprachen sich im letzten Herbst beim «Gesundheitsmonitor 2001» des GfS-Forschungsinstituts 61 Prozent der Befragten für Wahlfreiheit aus. «Die Abschaffung der freien Arztwahl in der Grundversicherung ist nicht mehrheitsfähig», lautet das Fazit der Autoren.

Das kostbare Gut wird dennoch angetastet. Der Ständerat beschloss im November, die Krankenkassen von der Pflicht zu befreien, auch mit schlechten oder zu teuren Ärzten einen Vertrag abzuschliessen. Inzwischen rufen immer mehr Volksvertreter im Bundeshaus nach dem «Hausarztmodell für alle». Der direkte Weg zum Spezialisten oder ins Spital soll verwehrt werden – die erste Anlaufstelle für kranke oder verunfallte Versicherte wäre immer ihr Hausarzt oder ihre HMO-Gruppenpraxis. Hier wird die Behandlung gestartet und koordiniert. Das Sparpotenzial wird auf 10 bis 20 Prozent geschätzt.

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Ein Vorstoss von SP-Nationalrätin Simonetta Sommaruga, das System «obligatorisch und flächendeckend einzuführen», wurde im letzten Jahr vom Parlament überwiesen. Jetzt nehmen auch die bürgerlichen Parteien die freie Arztwahl unters Messer. Für die FDP wäre die «freie Arzt- und Spitalwahl» Teil eines Zusatzpakets, das speziell bezahlt werden müsste. Auch die SVP, die sonst ganz nah am Puls der Leute zu politisieren glaubt, stösst mit ihrer geplanten Gesundheitsinitiative in diese Richtung. «Wir wollen das Hausarztmodell verbindlich vorschreiben», sagt Nationalrat Toni Bortoluzzi. «Unnötige und kostspielige Doppeluntersuchungen könnten so vermieden werden.»

Vor Jahresfrist hatte sich die SVP noch strikt gegen ein obligatorisches Hausarztmodell gewehrt. So etwas sei «ein grosser Schritt hin zur Verstaatlichung des Gesundheitswesens», schimpfte der Basler Arzt Jean Henri Dunant im Nationalrat. Ein Prämienschub von 9,7 Prozent für das Jahr 2002 brachte die Partei aber offenbar zum Umdenken. Doch Toni Bortoluzzi weiss: «Es wird nicht einfach sein, den Leuten die Idee zu verkaufen.» Ein Argument hat er schon gefunden. Laut einer von Ärzten lancierten Patientenumfrage gehen ohnehin «82 Prozent der Befragten bei Beschwerden zuerst zum Hausarzt».

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Alles eine Frage der Information, glaubt auch Simonetta Sommaruga. «Die freie Arztwahl ist schon heute eine Illusion», sagt sie. Wer nämlich als Grundversicherter in einem Spital operiert werde, könne den Arzt nicht selber bestimmen. Dass dieser Grundsatz auch in der ambulanten Medizin Einzug halten soll, müsse für die Versicherten kein Nachteil sein. Lieber weniger Medizin, dafür mehr Qualität, lautet ihr Verkaufsargument.

Seit zehn Jahren gibt es Hausarztmodelle und HMOs. Doch nur jeder Zwölfte hat eine Versicherung mit eingeschränkter Wahl – trotz Rabatten von bis zu 20 Prozent. «Der finanzielle Druck ist noch nicht gross genug», sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Patientenorganisation. Und weil die Modelle zu Unrecht mit billiger Sparmedizin in Verbindung gebracht werden, steigen vor allem Gesunde und Junge ein, die kaum Kosten verursachen.

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Dabei müsste die Medizin gerade bei den Betagten und chronisch Kranken besser koordiniert werden: In den Schweizer Spitälern verursachen zehn Prozent der Kranken neunzig Prozent der Kosten.