Der Befund ist niederschmetternd: Würden alle Kassen so effizient arbeiten wie die Glarner Minikasse Luchsingen-Hätzingen mit ihren gerade mal 1000 Versicherten, betrüge der gesamte jährliche Betriebsaufwand aller Kassen nur 300 Millionen Franken – statt der effektiven 1,3 Milliarden. «Das grosse Effizienzgefälle spricht nicht für einen hohen Grad des Wettbewerbs zwischen den Kassen hierzulande», schlussfolgert der Ökonomieprofessor George Sheldon von der Universität Basel. Er hat im Auftrag des Nationalfonds untersucht, wie wirtschaftlich die Kassen zwischen 1994 und 2001 gearbeitet haben. Das ist besonders deshalb von Interesse, weil 1996 das Krankenversicherungsgesetz in Kraft getreten ist. Es sollte die Konkurrenz unter den Kassen fördern und den Versicherten die freie Kassenwahl ermöglichen.

Nach acht Jahren Wettbewerb zeigen die Zahlen, dass die Kassen zwar im Schnitt ein bisschen effizienter geworden sind. Die Unterschiede sind aber immer noch sehr gross. Am besten schneiden einige Dorfkassen ab: «Offenbar wirtschaften Kassen, die ausschliesslich regional tätig sind, kosteneffizienter als landesweit aktive Kassen», schreibt Sheldon. Tatsächlich, die grossen Kassen liegen alle mehr oder weniger träge im Mittelfeld des Ratings. Sheldon nennt zwei Gründe für die Unterschiede: ungünstige Unternehmensgrössen und Missmanagement. Keinen nachweisbaren Einfluss haben dagegen Faktoren wie Wohnort der Versicherten, Firmensitz der Kasse oder deren Risikostruktur.

Die Kassen haben keine Freude an der Studie, liefert sie doch den Befürwortern einer Einheitskasse frische Argumente. Die Kassen müssen sich angesichts der Resultate tatsächlich die Frage gefallen lassen, ob es nicht effizienter wäre, das Geschäft mit der Grundversicherung künftig nur noch einer einzigen statt 90 Kassen zu übertragen. Die Ausgaben für Werbung und Marketing fielen weg. Und die für die Versicherten mühsame jährliche Kassenhüpferei hörte endlich auf.

Allein wenn die meist ungelesenen Kundenheftchen der Krankenkassen auf der Strecke blieben, liessen sich Millionen sparen. Die Helsana gibt jährlich 1,4 Millionen Franken nur für Produktion und Vertrieb ihrer Zeitschrift aus. Bei der Concordia sind es rund 750'000 Franken. Die Winterthurer Swica legt dafür 360'000 Franken aus, für die Werbung waren es letztes Jahr 2,8 Millionen Franken. Bei der Visana schlug 2003 das gesamte Marketing mit 6,3 Millionen Franken zu Buche, inklusive Ausgaben für Broschüren, Werbung, Plakate, Werbegeschenke und die 600'000 Franken für die Zeitschrift «Forum». «Als Krankenversicherer haben wir auch gesetzliche Informationsaufgaben wahrzunehmen. Hier kommt das Mittel des Magazins weit günstiger als der Versand der Informationen via Mailings», begründet Helsana-Sprecher Christian Beusch die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift.

Grosse fühlen sich schlecht behandelt
Die Grossen ärgern sich vor allem darüber, dass Dorfkassen in der Studie so gut wegkommen. CSS-Sprecher Stephan Michel: «Laut Studie Sheldon ist die KK Luchsingen-Hätzingen die günstigste Kasse bezüglich Verwaltungskosten. Die Aufwendungen betragen 4 Franken pro Versicherten. Dies deckt nicht einmal das Porto.» Bei kleinen Gemeindekrankenkassen, so sein Vorwurf an Sheldon, liefen die Verwaltungskosten oftmals über die Gemeindekasse, würden also von der öffentlichen Hand getragen. Die Studie vergleiche also Äpfel mit Birnen.

Kommt hinzu: Die Helsana hat letztes Jahr laut eigenen Angaben 220 Millionen Franken von Ärzten und Spitälern wegen unkorrekter Leistungsabrechnungen zurückgefordert. Bei der Visana waren es sogar 500 Millionen. «Das erhöht natürlich unseren Verwaltungsaufwand», verteidigt sich Visana-Sprecher Jean-Blaise Defago. Verschiedene kleine Dorfkassen führten keine oder nur rudimentäre Leistungskontrollen durch und sparten auf diese Weise Verwaltungskosten.

Der Meinungsstreit geht weiter
Warum aber hat die Sanitas mit 161 Franken einen mehr als doppelt so hohen Verwaltungsaufwand pro Versicherten als etwa die Intras? Offenbar bestehe «ein beträchtlicher Freiraum», ob man die Verwaltungskosten dem Grund- oder dem Privatversicherungsbereich zuschlage, wehrt sich die Sanitas. Ausserdem seien ihre Verwaltungskosten in den beiden letzten Jahren durch Investitionen in eine neue Informatikplattform belastet worden.

Wie dem auch sei. Der Streit, ob eine Einheitskasse günstiger zu stehen käme als über 90 unterschiedlich tüchtige Kassenbürokratien, wird bald in die nächste Runde gehen. Denn ein Initiativkomitee «für eine soziale Einheitskrankenkasse» ist daran, Unterschriften zu sammeln. Allerdings läuft die Frist im Dezember ab, und laut Hubert Zurkinden vom Initiativkomitee ist erst die Hälfte der nötigen 100'000 Unterschriften beisammen. «Das dürfte äusserst knapp werden», sagt er. Ein Erfolg hängt auch davon ab, ob sich die SP, welche die Initiative bisher nur lauwarm unterstützt hat, im letzten Moment aktiv am Sammeln beteiligt. Das wird sie sich aber dreimal überlegen: Die Initiative verlangt auch die Einführung einkommens- und vermögensabhängiger Prämien. Mit dieser Forderung ist die SP bereits im Abstimmungsfrühling 2003 grandios gescheitert.

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