Die Leidensgeschichte der 54-jährigen Waldburga Imhof aus Kaltbrunn SG begann mit einem Unfall im Jahr 1967: Sie fiel in der Badi vom Sprungbrett seitlich auf den Beton. Die 14-Jährige blieb liegen, von Kopf bis Fuss gelähmt. Im Spital diagnostizierten die Ärzte eine Tetraplegie. Doch es sollte nicht ihr einziger schwarzer Tag bleiben. Jahre später - sie arbeitete trotz Behinderung im Tierspital Zürich - verunfallte sie mit einem Gabelstapler. «Das vier Tonnen schwere Gefährt kippte und stürzte mir auf die Beine.» Eines musste beinahe amputiert werden.

Wegen der beiden Unfälle verbrachte Imhof die letzten 40 Jahre immer wieder im Spital. Die meisten Operationen führten Ärzte der Zürcher Universitätsklinik Balgrist durch. Um Rücken und Halswirbel zu stützen, setzten sie ihr 1989 eine Metallplatte ein. Heute drückt diese Platte bedrohlich auf Speise- und Luftröhre. «Ich habe Mühe zu schlucken. Manchmal bleibt sogar Essen stecken», sagt Imhof. Die Platte muss entfernt werden.
Der Eingriff hätte eigentlich bereits am 16. Oktober letzten Jahres in der Uniklinik Balgrist stattfinden sollen. Doch fünf Minuten vor Beginn - Imhof lag schon bereit - flatterte eine Verfügung des St. Galler Kantonsarztes Markus Betschart herein: Zur Bestürzung der anwesenden Ärzte lehnte er eine Kostengutsprache ab - die Operation musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

«Komplikationen sind programmiert»
Was war passiert? Imhof war fünf Monate zuvor von Zürich nach St. Gallen zu ihrer Tochter umgezogen, weil ihre Mietwohnung umgebaut wurde. Dieser Kantonswechsel wurde ihr jetzt zum Verhängnis. Zusatzversicherte können heute schon ein Spital ausserhalb des Wohnkantons aufsuchen. Nicht aber Grundversicherte wie Imhof: Auch wenn sich National- und Ständerat letztes Jahr gegen die patientenfeindliche Bestimmung ausgesprochen haben, erlaubt das Krankenversicherungsgesetz derzeit noch keine landesweite freie Spitalwahl. In Betscharts Verfügung steht: «Eine ausserkantonale Hospitalisation kann gemäss Krankenversicherungsgesetz nur dann bewilligt werden, wenn es sich um einen Notfall handelt oder der Eingriff nicht im Wohnortkanton verfügbar ist.»

Das heisst: Obwohl seit 40 Jahren in Zürich in Behandlung, sollte Imhof jetzt den Eingriff im Kantonsspital St. Gallen durchführen lassen, wo die Ärzte ihren Fall nicht kennen. Ihr behandelnder Arzt Jörg Henauer, Oberarzt im Paraplegikerzentrum Balgrist, schüttelt den Kopf: «Hier wird blind das Gesetz durchgeboxt, auf Kosten der Patientin.» Die schwerkranke Imhof müsste einen Teil der aufwendigen Voruntersuchungen, die in Zürich zehn Monate beansprucht haben, in St. Gallen nochmals über sich ergehen lassen.

Zudem ist ihr Fall äusserst komplex. Bis heute wurde sie 47 Mal operiert, zumeist in der Uniklinik Balgrist. Imhof hat wegen des gelähmten Darms einen Magenbypass. «Die Erfahrung zeigt, dass sie zu Komplikationen neigt, insbesondere nach einem Eingriff», sagt Henauer. Die St. Galler Ärzte könnten zwar die Metallplatte entfernen, «bei ungenügender pflegerischer wie auch ärztlicher Erfahrung mit Querschnittgelähmten sind fatale Komplikationen programmiert».

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Ein Patientenfonds als Rettungsanker?
Kantonsarzt Markus Betschart will davon nichts wissen. «Ich muss mich an die Vorschriften halten.» Der Eingriff könne gut am Kantonsspital St. Gallen durchgeführt werden, das eine der grössten orthopädischen Kliniken der Schweiz betreibe. «Jährlich werden rund 890 Wirbelsäuleneingriffe durchgeführt.» Wie viele davon bei Querschnittgelähmten wie Waldburga Imhof erfolgen, weiss Betschart jedoch nicht. Die Uniklinik Balgrist hofft auf ein Einlenken Betscharts. Sollte sich Imhofs Gesundheitszustand allerdings verschlechtern, würde die Klinik allfällig ungedeckte Kosten unbürokratisch durch den Patientenfonds des Vereins Balgrist übernehmen.