Markus Moser, 55, war von 1987 bis 1997 Vizedirektor im Bundesamt für Sozialversicherung. Heute ist er als selbstständiger Jurist und Berater tätig.

Beobachter: Herr Moser, wie lautete Ihr Expertentipp für die Gesundheitskosten im Jahr 2005?

Markus Moser: Das weiss ich nicht mehr genau, ich habe die Unterlagen nicht aufbewahrt.

Beobachter: Mit 43 Milliarden Franken war das Expertenteam viel zu optimistisch. Lagen Sie über oder unter dem Schnitt?

Moser: Ganz sicher darüber. Mir war immer klar, dass die Kosten im Gesundheitswesen auf längere Frist stärker steigen als das allgemeine Wirtschaftswachstum.

Beobachter: Warum?

Moser: Vor allem, weil die Medizin grosse Fortschritte macht in den letzten Jahren sogar noch verstärkt. Hinzu kommen die höhere Lebenserwartung und eine veränderte Einstellung der Bevölkerung zur Gesundheit.

Beobachter: Was meinen Sie mit «veränderte Einstellung»?

Moser: Ich stelle zwei Dinge fest: Einerseits werden die Bedürfnisse nach Leistungen der Medizin über einen engen Krankheitsbegriff hinaus ausgedehnt. Anderseits steigt die Erwartung, dass die Medizin dazu da ist, die Folgen einer ungesunden Lebensweise zu reparieren.

Beobachter: Vom Kostenschub ist auch die soziale Krankenversicherung betroffen. Frage an den «Vater des Krankenversicherungsgesetzes»: Ist das Gesetz ein Flop?

Moser: Nein, es ist kein Flop. Das KVG hat eine gute Versicherung etabliert, die funktioniert. Es gibt einheitliche Leistungen und Prämien und für die Versicherten die freie Wahl der Krankenkasse. Früher waren vor allem die Alten und Kranken von immer höheren Prämien betroffen; wehren konnten sie sich nicht. Diese Ungerechtigkeit konnte ebenso abgestellt werden wie das Theater mit Kollektivverträgen oder Billigkassen. Das ist immerhin ein gewaltiger Fortschritt.

Beobachter: Aber die Kosten sind nicht unter Kontrolle.

Moser: Das Gesetz brachte eine Ausweitung der Leistungen. Den Kostenschub haben wir damals auf 10,7 Prozent geschätzt. Wenn ich die Entwicklung anschaue, waren wir bis 1999 einigermassen auf Kurs. Dass die Kosten im Jahr 2000 um mehr als sechs Prozent gestiegen sind, ist natürlich ein Alarmzeichen.

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Beobachter: Waren die Voraussagen beim KVG-Start nicht viel zu optimistisch?

Moser: Das kann sein. Vor allem hätte ich erwartet, dass die Instrumente des KVG voll und konsequent genutzt würden. Zudem zeigt sich, dass punktuelle Eingriffe sofort Reaktionen auf anderen Gebieten auslösen. So war vorgesehen, die Spitalkosten mit den kantonalen Spitallisten zu bremsen. Weil die Spitäler im stationären Bereich eingeschränkt wurden, haben sie die ambulante Medizin ausgebaut. Allein im letzten Jahr wurde dieser Sektor um 14,3 Prozent teurer.

Beobachter: Wenn Sie im BSV noch etwas zu sagen hätten, was würden Sie unternehmen?

Moser: Ich würde versuchen, viel stärker auf ganzheitliche Ideen zu setzen. Das Beispiel der Spitäler zeigt, dass Einzelprojekte eine Gegenreaktion auslösen und nicht funktionieren. Das ist natürlich schneller gesagt als getan, denn im Gesundheitsmarkt gibt es sehr viele Mitspieler mit Eigeninteressen.

Beobachter: Dennoch woran denken Sie konkret?

Moser: Die Idee der HMOs, der Hausarztmodelle und Ärztenetze geht sicher in die richtige Richtung und müsste gefördert werden. Das ist ein ganzheitlicher Ansatz die Behandlung der Patientinnen und Patienten wird besser und effizienter koordiniert.

Beobachter: Zur Diskussion steht auch, dass die Krankenkassen nicht mehr mit allen Ärzten Verträge abschliessen müssen. Ein guter Vorschlag?

Moser: Ja, ich bin eindeutig für die Aufhebung des Vertragszwangs. Wir können es uns finanziell nicht mehr leisten, alle Personen mit einer entsprechenden Fachausbildung zulasten der sozialen Krankenversicherung arbeiten zu lassen.

Beobachter: Viele Leute stehen diesem Modell aber sehr skeptisch gegenüber.

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Moser: Es gibt ein Misstrauen gegenüber den Krankenkassen, die das Modell umsetzen müssten. Denn die Kassen haben bisher nicht bewiesen, dass sie im Gesamtinteresse handeln können. Sonst hätten sie die HMOs und die Hausarztmodelle stärker vorangetrieben.

Beobachter: Der Gesundheitsökonom Thomas Szucs sagt eine Verdoppelung der Gesundheitskosten innert zehn Jahren voraus. Was sagen Sie dazu?

Moser: Man sollte zuerst über das Umfeld statt über das Kostenwachstum diskutieren. Entscheidend wird nämlich sein, in welchem politischen Rahmen das Gesundheitswesen funktioniert. Wird die Spitalfinanzierung besser geregelt? Welche neuen Leistungen kommen in die Grundversicherung? Wird der Vertragszwang abgeschafft? Welche Bedeutung bekommen HMOs, Hausarztmodelle und Netzwerke?

Beobachter: Angenommen, alles läuft im kostendämpfenden Sinn. Wie lautet Ihre Prognose?

Moser: Selbst wenn alle Massnahmen zur Kostendämpfung voll ausgeschöpft werden, wird die Kostensteigerung mittelfristig ein bis zwei Prozent über dem allgemeinen Wirtschaftswachstum bleiben. Das müssen und wollen wir in Kauf nehmen.

Beobachter: Warum «wollen»?

Moser: Der medizinische Fortschritt ist in der Schweiz zweifellos erwünscht. Hier wären die Leute kaum einverstanden, wenn die USA, England oder Deutschland die neusten Methoden und Behandlungen anbieten könnten unsere Krankenversicherung diese aber nicht bezahlen würde. Man will vorn dabei sein.

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