Beobachter: Viele Schweizerinnen und Schweizer finden: Wer ungesund lebt, soll eine höhere Krankenkassenprämie bezahlen. Überrascht Sie das?
Peter Zweifel: Überhaupt nicht. Risikogerechte Prämien sind aus ökonomischer Sicht sinnvoll. Warum soll jemand auf seine Gesundheit Acht geben und zum Beispiel auf das Rauchen verzichten? Er zahlt ja die gleiche Prämie wie der Nichtraucher und erhält die gleiche Pflege, wenn er krank wird. Er wird nicht bestraft wie der Autofahrer. Wenn dieser einen Unfall baut, erhöht sich seine Prämie. Ein Raucher hat deshalb wenig Anreize, das Rauchen aufzugeben. Das Gleiche gilt für den Workaholic, der für seine Karriere die Gesundheit ruiniert.

Beobachter: Aber nicht einmal hartgesottene Ökonomen verlangen risikogerechte Prämien in der sozialen Krankenversicherung.
Zweifel: Was mich eigentlich erstaunt, denn diese sind alle noch am Gängelband der Politiker. Der Volkswille wie auch die Beobachter-Umfrage zeigen in eine andere Richtung. Ich vermute, dass der Wind in den nächsten zehn Jahren drehen wird, wenn die Prämien weiterhin steigen. Und das werden sie ganz bestimmt.

Beobachter: Nach Ihrem Modell müssten Kranke künftig mehr Prämien bezahlen als Gesunde. Ein ziemlich unsolidarischer Gedanke.
Zweifel: Nein. Ich wehre mich nur gegen die ungewollte Solidarität. Wer will schon Risiken mittragen, die andere im Lauf des Lebens durch selbst verschuldetes Verhalten geschaffen haben? Etwas anderes ist es, wenn jemand unverschuldet Probleme mit seiner Gesundheit bekommt oder Geburtsgebrechen hat. Da soll die Solidarität spielen.

Beobachter: Nochmals: Die Solidarität ist ein zentraler Bestandteil des Krankenversicherungsgesetzes. Sie würden sich davon verabschieden.
Zweifel: Nein. Wir müssen nur risikogerechte Prämien haben und die Prämienverbilligung beibehalten. Es wird immer vergessen, dass die Solidarität bereits mit der steuerfinanzierten Prämienverbilligung spielt. Die per Steuern finanzierte Prämiensubvention ist eine Umverteilung von Reich zu Arm.

Beobachter: Genügen die Franchisen nicht als Anreiz, gesund zu leben?
Zweifel: Nein, weil die Versicherten jedes Jahr die Franchise wechseln dürfen. Und jemand wird die kleinste Franchise wählen, wenn er merkt, dass er krank wird.

Beobachter: Wie sähe denn Ihr Modell in der Grundversicherung aus?
Zweifel: Wer keine Leistungen bezieht, erhält Rabatt. Schon heute gibt es diese Möglichkeit des Bonusmodells in der Grundversicherung. Ich bin so versichert. Nach dem ersten Jahr, in dem ich keine Leistungen beziehe, zahlt mir mein Versicherer 15 Prozent Rabatt. Nach dem zweiten Jahr sind es 30 Prozent und so fort, bis maximal 45 Prozent. Mehr Rabatt darf die Kasse nicht geben. Das Bonusmodell ist nichts anderes als ein Ersatz für risikogerechte Prämien. Zu Beginn würden die Versicherten auf Stufe 100 Prozent eingeordnet wie beim Auto. Dann können die Nichtraucher und die Vegetarier zeigen, dass sie weniger kosten und die Prämie sinkt. Wer Leistungen beansprucht, rutscht wieder auf Stufe 100.

Beobachter: Wieso ist dieses Modell nicht verbreitet?
Zweifel: Weil die Kasse einem Versicherten am Anfang von Gesetzes wegen einen so genannten Solidaritätszuschlag zur ordentlichen Prämie aufbrummen muss. Er bezahlt zehn Prozent mehr Prämie am Anfang. Das ist ein Unsinn: Dieser Strafzuschlag muss aufgehoben werden.

Beobachter: Wenn Gesunde mit Rabatt belohnt werden, hiesse das doch, dass Kranke im Gegenzug mit höheren Prämien bestraft würden.
Zweifel: Sie haben Recht, zum Bonus gehört natürlich der Malus: Kranke bezahlen dann mehr Prämie. Aber ich wiederhole, die Solidarität spielt immer noch mit der gezielten Prämienverbilligung.
Beobachter: Und die Chronischkranken?
Zweifel: Für die müsste man eine spezielle Abteilung schaffen.

Beobachter: Statt das System umzukrempeln, könnte man auch die Prävention verstärken und so die Leute zu gesünderem Lebensstil anhalten.
Zweifel: Nein. Aus ökonomischer Sicht sind die Anreize zu gering. Die Prävention durch den Staat hat versagt. Das ist auch verständlich. Warum soll einer sein Verhalten ändern, wenn er damit die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung um ein paar Prozente verringert? Da lachen ja die Hühner. Das wird er nicht tun, ausser es droht der Tod. Prävention kostet viel. Damit meine ich nicht materielle Kosten, sondern Zeitkosten - etwa fürs Joggen. Und der Verzicht aufs Rauchen ist ein grosser Verlust an Lebensqualität. Wenn Sie einen Monat danach von einem Auto überfahren werden, war der Rauchstopp die grösste Fehlinvestition Ihres Lebens.

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