Wer Kinder möchte, aber keine kriegen kann und nicht adoptieren will, dem bleibt nur der Gang in die Fruchtbarkeitsmedizin. Und der ist nicht ganz billig. Heute bezahlen die Krankenkassen die Hormonbehandlung und die künstliche Besamung, nicht aber die Befruchtung im Reagenzglas.

Das könnte sich schon 2006 ändern. Der Verein Kinderwunsch wird demnächst einen entsprechenden Antrag auf Kassenleistung stellen, wie der Vereinssprecher Conrad Engler dem Beobachter bestätigte. Die zuständige Eidgenössische Leistungskommission könnte bereits im Herbst 2005 entscheiden und den Antrag dem Bundesrat als Empfehlung weiterreichen.

Wesentliche Fragen bleiben offen
Das Dossier hat gute Chancen, wie eine gut unterrichtete Quelle dem Beobachter verrät. Aus «medizinischer Sicht» gebe es keinen Grund, die Befruchtung im Reagenzglas nicht in den Leistungskatalog aufzunehmen. Sie sei als Technologie etabliert und wirksam.

Umstritten sei die Frage, wie alt eine Frau sein darf, damit die Kassen die Behandlung bezahlen. Dem Beobachter liegen Informationen über die Altersgrenze vor, die der Verein Kinderwunsch beantragen wird. Frauen dürfen nicht älter als 42 sein, der Mann nicht älter als 50. Dies soll auch für künstliche Besamungen gelten. Für Fruchtbarkeitsabklärungen schlägt der Verein eine Alterslimite von 40 (zu Beginn der Untersuchung) respektive 45 für den Mann vor.

Eine weitere heikle Frage: Haben kinderlose Paare auch auf ein zweites Kind aus dem Reagenzglas Anrecht? Der Verein schlägt vor, vier Zyklen kassenpflichtig zu machen. Für eine erfolgreiche Schwangerschaft sind nicht selten bereits drei Zyklen nötig. Nur wer Glück hat und im ersten Zyklus schwanger wird, hätte so Chancen auf ein zweites kassenfinanziertes Kind. Eine Behandlung kostet pro Zyklus zwischen 5000 und 8000 Franken.

Im Hintergrund grüsst die Industrie
Neu sollen künftig nur noch Fachärzte Besamungen und künstliche Befruchtungen durchführen dürfen – und dies nur in zertifizierten Zentren und Labors. Laut PR-Berater und Vereinssekretär Conrad Engler soll der «Feld-Wald-und-Wiesen-Medizin» in diesem Bereich ein Riegel geschoben werden. Heute gebe es viele unnütze und schlechte Fruchtbarkeitsbehandlungen. So sollen Kosten gespart werden.

Hinter dem Verein Kinderwunsch stehen laut Engler auch die führenden Reproduktionsmediziner der Schweiz. Offenbar schicken diese lieber einen Verein vor. Dieser wirkt aber nur auf den ersten Blick neutral. Die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins wird vom Hormonhersteller Serono (Eigentümer: Alinghi-Star Ernesto Bertarelli) bezahlt, wie Engler einräumt. Hormone werden bei künstlicher Befruchtung zur Stimulation eingesetzt. Und PR-Mann Engler selber kommt von der Pharmaindustrie: Er war von 1995 bis 2001 Geschäftsleiter der Pharma Information, einer gemeinsamen Public-Relations-Stelle von Roche und Novartis. Ausserdem ist er Medienbeauftragter von Internutrition, einer Werbeplattform von Nestlé und Syngenta für Bio- und Gentechnologie.

Entscheiden wird der Bundesrat unter Federführung von Pascal Couchepin. Der Gesundheitsminister droht sich dabei in seinen eigenen Widersprüchen zu verstricken. Einerseits legt er öffentlich gerne das Bekenntnis ab, er wolle in der Grundversicherung mit neuen Leistungen zurückhaltend sein, ja sogar Leistungen streichen – ohne je konkret und verbindlich zu werden. Anderseits wird er bei ablehnendem Entscheid begründen müssen, warum die Kassen die künstliche Besamung und die Hormonbehandlung bezahlen sollen, die künstliche Befruchtung aber nicht.

Couchepin kann jetzt beweisen, was ihm wichtiger ist. Alle warten gespannt, ob der Bundesrat dem pharmazeutisch-industriellen Komplex die Stirn bieten wird.

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