Ursula Kuratli (Name geändert) brachte ihren vierjährigen Sohn in die Kinderklinik des Berner Inselspitals. Die Vorhaut des Sohnemannes sollte operiert werden, damit er weniger Probleme auf der Toilette hat. Der Routineeingriff ging problemlos über die Bühne. Als die Rechnung kam, staunte die Mutter: Das Gas für die Vollnarkose kostete 250 Franken, doch die Helsana, bei der das Kind grund- und zusatzversichert ist, übernahm die Kosten nicht. Grund: Das Narkosegas sei nicht auf der Liste der kassenpflichtigen Medikamente (Spezialitätenliste) aufgeführt.

Eine Lücke im System«Ich verstand die Welt nicht mehr», sagt Ursula Kuratli. «Wieso wird eine so grundlegende medizinische Leistung wie ein Narkosegas von der Grundversicherung nicht übernommen?» Ähnlich erging es auch Rolf und Daniela Aubert (Namen geändert), deren Kind am Berner Kinderspital nach einem Unfall unter Vollnarkose operiert wurde. Auch ihre Krankenkasse weigerte sich, die Narkosekosten in der Höhe von 1800 Franken zu vergüten.

So ärgerlich dies für die Beteiligten ist, die Krankenversicherungen sind im Recht: Gemäss dem neuen Ärztetarif Tarmed, der seit Anfang 2004 in Kraft ist, sind Narkosegase nicht mehr wie früher inbegriffen in den Kosten für die Eingriffe selbst. Sie müssen von den Spitälern bei ambulanten Eingriffen separat abgerechnet werden. Die Krankenkassen haben gemäss Tarmed lediglich die Kosten für jene Medikamente zu übernehmen, die auf der Spezialitätenliste aufgeführt sind. Dort ist jedoch kein einziges Medikament für Allgemeinnarkosen aufgelistet, und auf der Liste der Medikamente für «Teilnarkosen» stehen Narkosemittel, die veraltet sind.

«Dass die modernen Narkosemittel nicht auf der Spezialitätenliste aufgeführt sind, führt zu einer Lücke im Abrechnungssystem», kritisiert Karl Hampl von der Tarifkommission der Schweizerischen Gesellschaft für Anästhesie und Reanimation. Die Spezialitätenliste wurde für Hausärzte geschaffen, nicht für Spitäler. «Viele wichtige Präparate des täglichen Spitalgebrauchs fehlen», meint Hampl.

«Das Problem ist erkannt», sagt Reinhard Kämpf, Chef der Sektion Medikamente im Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Auch Spitalmedikamente wie die Narkosegase sollten von der obligatorischen Grundversicherung übernommen werden.» Eine Arbeitsgruppe kümmere sich darum. Sie erstelle eine Liste von betroffenen Spitalmedikamenten. «Bis Ende Jahr ist das Problem gelöst.»

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Die Spitäler mogeln sich durch
Und wer hilft in der Zwischenzeit Kuratlis und Auberts? «Sie sollen uns die Rechnungen schicken», sagt Mark Hebeisen, Leiter der Abteilung Tarife und Verträge beim Berner Inselspital. «Wir können Narkosegase als allgemeine Infrastrukturleistungen verbuchen, die von den Krankenkassen übernommen werden.»

So mauscheln sich die Spitäler durch, bis das BAG eine Lösung gefunden hat. Die Patienten haben das Nachsehen. Die Spitalrechnungen sind mit all ihren Codes, Ziffern und Abkürzungen für Laien unverständlich. Ursula Kuratli kam dem verrechneten Narkosegas nur mit einer Portion Hartnäckigkeit auf die Spur. Auf der Rechnung stand «Forene 250 Franken». Erst ein Blick in ein Medizinfachbuch machte klar, worum es sich handelt. Deshalb tut man im Zweifel gut daran, sich eine ambulante Spitalrechnung vom behandelnden Spital erklären zu lassen.

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