Es geht um sehr viel Geld. Die Swisslos füllte im letzten Jahr die Lotteriefonds der Deutschschweizer Kantone, des Tessins und im Fürstentum Liechtenstein mit 265 Millionen Franken. Weitere 66 Millionen landeten im Sport-Toto-Fonds und nochmal 16 Millionen bei Swiss Olympic sowie beim Schweizer Fussball und Eishockey. Seit ihrer Gründung hat die Interkantonale Landeslotterie über 3,5 Milliarden Franken verteilt - ausdrücklich «für gemeinnützige Projekte in den Bereichen Kultur, Sport, Natur und Soziales».

Was machen die Kantone mit diesem Geld? Allerhand. So erhielt der Oldtimer Boot Club Zürichsee letztes Jahr 45'000 Franken zur «Restaurierung und Erhaltung einer Motorjacht, Baujahr 1936». Ein erstes Begehren war gescheitert. Dann fand der Bootsclub den richtigen Gesuchsdreh: Das «kulturhistorische Kulturgut» namens «Ajax» tuckert auch für öffentliche Fahrten über den Zürichsee. Und 7'000 Franken hielt der Zürcher Regierungsrat seinem Parlament zu - als Beitrag an eine neue Fahne für das Ratsherrenschiessen.

In Basel gab es 20'000 Franken an die historischen Soldatenuniformen der Mittwoch-Gesellschaft - schliesslich vertritt die Fasnachtsclique den Stadtkanton nicht nur am Morgenstraich, sondern auch am Münchner Oktoberfest. Der Kanton Bern wiederum unterstützte die SVP-Sektion Schüpfen mit einem Beitrag in ungenannter Höhe an die «Homepage zum 125. Geburtstag von Bundesrat Rudolf Minger». Dem Thurgau ist die Habilitation «Moskau bauen von Lenin bis Chruscev. Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror und Alltag» 3000 Franken wert. Die Autorin hatte sich zuvor ihre lokalen Meriten als Leiterin des Projekts «Stadtgeschichte Kreuzlingen» verdient und damit einen «wertvollen Beitrag zur Thurgauer Geschichtsschreibung geleistet», so die amtliche Begründung für den Obolus aus dem Allzweck-Kässeli.

Mit der grossen Kelle wird bei Wirtschaftsinteressen angerührt. Etwa bei den rund 900'000 Franken, die der Aargau dem Nanotech-Jungunternehmen HeiQ, getarnt als «Forschungsbeitrag», für die Ansiedelung im Kanton zukommen lässt. Ungeniert bedient sich auch Schwyz aus der Lottokasse, um mit 200'000 Franken die Skisprunganlage Einsiedeln vor dem Konkurs zu retten. Gar einen Sechstel seines Lotteriefonds-Anteils legte Uri in die Kasse der Gewerbe- und Erlebnismesse URI06, laut Regierung ein «kultureller Anlass». Und 200'000 Franken sprach die Thurgauer Regierung dem neuen St. Galler Fussballstadion samt Einkaufszentrum zu. Das Stadion bereichere die Region als Veranstaltungsort für kulturelle Anlässe, und mehrere Thurgauer Firmen hätten Bauaufträge erhalten, wurde argumentiert.

Homöopathische EntwicklungshilfeRené Munz, beim Kulturamt Thurgau für den Lotteriefonds zuständig, findet das in Ordnung: «Laut Verordnung fällt Sportförderung ausdrücklich unter ‹Gemeinnützige Projekte›.» Stephan Civelli, bei der Zürcher Finanzdirektion für den Lotteriefonds verantwortlich, verweist auf ein mehrstufiges Verfahren: «Es besteht Transparenz. Ein schlechter Ruf wäre für den Lotteriefonds verheerend.» Die Regierung kann Gelder bis zu einer bestimmten Höhe in eigener Kompetenz verteilen, grössere Summen müssen vors Parlament. Zudem überwachen die Finanz- und Geschäftsprüfungskommission sowie die Finanzkontrolle den Einsatz der Lotteriegelder.

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Nur: Die Kriterien für Projekte mit wohltätigen, kulturellen und sportlichen Zwecken sind so weit gefasst, dass alles möglich ist. Das Lotteriegesetz verlangt bloss «Gemeinnützigkeit» - und die Durchführung ist Kantonssache. Dieses goldene Gärtchen wird energisch verteidigt: Als der Bund vor fünf Jahren das Lotteriewesen unter seine Fittiche nehmen und das Gesetz revidieren wollte, liefen die Kantone Sturm. Der Bundesrat sistierte die Revision. Es kam zu einer interkantonalen Vereinbarung, die mehr Transparenz versprach. Seit letztem Jahr wird eine Übersicht publiziert, wohin die Lotteriegelder gehen. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement wollte bis Anfang 2007 berichten, ob die ergriffenen Massnahmen der Kantone genügen. Die Frist wurde jedoch um ein Jahr verlängert.

Als Forschungsgegenstand sind die Lotteriefonds bislang ein weisser Fleck. Peppi Schnieper, Berater und Co-Autor einer Doktorarbeit zum Stiftungsmanagement, äussert sich grundsätzlich: «Je koordinierter Mittel vergeben werden, desto grösser ist potentiell der Effekt. Bei willkürlich gewählten Kleinstprojekten versickert oftmals unverhältnismässig viel.» Heute fuhrwerkt jeder Lotteriefonds nach eigenem Gutdünken. So betreiben mehrere Kantone auch noch Entwicklungshilfe in homöopathischen Dosen: St. Gallen gibt 30'000 Franken aus für die «Reintegration ehemaliger Strassenkinder in Burundi», Zürich unterstützt mit 60'000 Franken die «Entwicklung von Sicherheits- und Schutzstrategien im Kongo». Koordiniert wird nur in der Romandie, wo sechs Kantone ihre Gelder bündeln.

Noch weniger Transparenz herrscht bei abgelehnten Gesuchen: Aus Datenschutzgründen werden nur die Zahlen genannt. So gab es 2006 in Zürich bei 424 Gesuchen 237 mal ein Nein, und der Thurgau lehnte 140 von 360 Gesuchen ab. Der Thurgauer Lotteriewart Munz nennt als Gründe «mangelhafte Qualität, fehlende Professionalität, ungenügende Finanzplanung und keine gesetzliche Grundlage».

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Wer abblitzt, verhält sich stillWelche Gesuche scheitern, wird selten öffentlich. In St. Gallen lehnte kürzlich das Kantonsparlament einen Antrag der Regierung ab und verweigerte Pipilotti Rists neuem Spielfilm «Pepperminta» die zugesagten 300'000 Franken - mit der Begründung, man wolle keine arrivierten Künstler unterstützen. Viel lieber betreibt St. Gallen cineastische Regionalförderung. 150'000 Franken wurden bisher für einen schicksalsschwangeren Film aus dem Toggenburg ausgeschüttet, der laut Regierung «identitätsstiftend wirkt und das Image der Region im Standortwettbewerb fördert».

Wer mit seinem Gesuch abblitzt, verhält sich meist still - denn man beisst nicht die Hand, die einen vielleicht ein andermal füttert. Öffentliche Kritik wie von Peter Malama, Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt und FDP-Grossrat, ist selten. Für die Berufs- und Bildungsmesse, die im letzten Oktober stattfand, wurden Gelder aus dem Basler Lotteriefonds verweigert. «Das war unverständlich. Gerade bei uns stellen Jugendarbeitslosigkeit und Integration besondere Ansprüche - ein gemeinnütziges Anliegen», sagt Malama, und er verweist auf den Nachbarkanton Baselland, der für eine vergleichbare Veranstaltung eine Million lockermache. Für die Neuauflage seiner Messe im nächsten Jahr hat der Gewerbedirektor nun allerdings positive Signale von der Regierung erhalten. Sprudle, Lotteriefonds, sprudle!

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