Es geht um richtig viel Geld: 100'000 Franken. Irgendwo in der Nähe des jurassischen Dorfs Saignelégier hat sich jemand durch eigene Unachtsamkeit um einen Teil seines Erbes gebracht. Das Geld landete statt auf dem Konto des Erbberechtigten auf dem Tisch der Caritas-Altkleidersammelstelle in Saignelégier. Eingewickelt in zwei wollene Gilets, abgepackt in ein Dutzend Kuverts mit Hunderter- und Tausendernoten.

Natürlich war der Fund im 2500-Seelen-Dorf sofort das Gesprächsthema Nummer eins. In den Cafés und Beizen schossen die Spekulationen ins Kraut. Handelte es sich um die grosszügige Gabe eines anonymen Spenders? Wollte jemand Steuern sparen? War es am Ende gar die Beute eines Raubs, von der sich ein reuiger Räuber trennen wollte?

Wie so oft ist die Wirklichkeit banaler. Die Polizei vermutet, dass eine betagte Person über Jahre hinweg Geld abgehoben hat von ihrem Konto und die Kuverts im Kleiderschrank verstaute. Ihre Angehörigen müssen den Schrank geräumt haben, vielleicht nachdem die betagte Person verstorben war oder in ein Altersheim übersiedelte. Wer aber sind diese Angehörigen? Die Polizei hat Nachforschungen angestellt, allerdings ohne Erfolg. Die Identität konnte nicht festgestellt werden.

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Die Polizei kennt ein Geheimnis

Sicher ist: Es war nicht jene Dame, die sich auf dem Posten meldete, nachdem der «Quotidien Jurassien» die Sache publik gemacht hatte. Sie vermisste lediglich ihr Sparbuch. Eine andere Person meldete sich mit der Angabe, sie habe eben die Wohnung eines verstorbenen Elternteils geräumt. Auch hier mussten die Polizisten abwinken. Die Indizien stimmten nicht überein. Auch wenn die Polizei aufgrund der vorhandenen Informationen den richtigen Besitzer des Vermögens nicht eruieren kann, so kann sie doch die falschen aussortieren. Im Kleidersack, einer Papiertasche von Coop, steckte nämlich ein weiterer Gegenstand. Worum es sich handelt, verschweigt die Polizei wohlweislich. Wissen kann das nur, wer die Tasche selber gepackt und sie in der Caritas-Tiefkühltruhe deponiert hat, die als Altkleidersammelstelle dient.

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Meldet sich der rechtmässige Besitzer nicht, hat dieser Mann Glück: Jean-Noël Maillard, Direktor von Caritas Jura. Fünf Jahre muss er warten, dann fällt die Summe der Caritas zu. Wie dann das Geld verwendet wird, ist zurzeit seine geringste Sorge. Schon eher fürchtet er jetzt die Plünderung der weissen Tiefkühltruhe vor der Caritas-Geschäftsstelle: Besonders Schlaue könnten ja nachschauen wollen, ob sich nicht noch andere Schätze in den Altkleiderbergen befinden.