Beobachter: Kaum kommt der erste richtige Sturm, schon knickt der Euro ein.
Klaus Wellershoff: Es ist ja nicht der erste Sturm. Seit seiner Einführung hat der Euro Verschiedenes überstanden: die Schwellenländerkrise, das Platzen der Internetblase, was die erste Rezession im vergangenen Jahrzehnt auslöste – und jetzt die zweite Rezession, die mit einem Anstieg der Staatsverschuldung weltweit verbunden ist.

Beobachter: Das Vertrauen in die EU und den Euro schwindet.
Wellershoff: Das Problem der Staatsverschuldung beschränkt sich nicht auf Europa. Und man muss es heute sagen: Der Euro ist relativ gut durch alle diese Krisen gekommen. Verglichen mit dem Dollar oder dem Yen ist er nach der starken Abwertung nun eigentlich normal bewertet.

Beobachter: Ist der Euro ein «Grössenwahnprojekt», wie es Ex-Bundesrat Christoph Blocher kürzlich sagte?
Wellershoff: Ich kann mir den Ausspruch nur so erklären, dass diese Person die europäische Geschichte ganz offensichtlich nicht kennt. Im vergangenen Jahrhundert sind aus Europa heraus zwei Weltkriege entstanden, ein grosser Genozid in Nazideutschland und ein «kleiner» im ehemaligen Jugoslawien. Der europäische Einigungsprozess war immer mehr als eine wirtschaftliche Veranstaltung, es geht um grundlegendere Dinge: um Frieden in Europa. Der Euro ist Teil dieser Entwicklung.

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Beobachter: Ist die aktuelle Krise ein Beleg dafür, dass der Euro eine Fehlkonstruktion ist?
Wellershoff: Den Euro zu verteidigen entspricht mir überhaupt nicht. Aber stellen Sie sich einmal vor, was in Griechenland passiert wäre ohne den Euro. Das Land hätte von einem Tag auf den andern keine Defizite mehr machen können, weil es an den Kapitalmärkten kein Geld mehr hätte aufnehmen können. Die sozialen Anpassungen wären noch härter geworden, die Wirtschaft hätte noch stärker gelitten.

Beobachter: Aber der Euro wäre nicht so weich wie Raclettekäse geworden.
Wellershoff: Kritiker sagten bei der Euroeinführung, das könne nie funktionieren, weil die Märkte nicht differenzieren können: Schlechte Schuldner werden nicht bestraft, die guten nicht belohnt. Jetzt haben die Märkte genau das getan – und die gleichen Leute behaupten, der Euro könne genau deshalb nicht funktionieren. Irgendwann wirds einfach albern mit diesen ideologisch geprägten Vorurteilen.

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Beobachter: Zeigt die Krise nicht doch, dass Europa kein optimaler Währungsraum ist?
Wellershoff: Optimal wäre nur das, was zwischen Mailand und Frankfurt liegt… Auch die USA sind kein optimaler Währungsraum, dort gibt es riesige Unterschiede zwischen den Einzelstaaten. Als Ökonom kann man wunderbare Traumbilder malen, wie die Welt am schönsten wäre, aber am Ende muss man die Realität akzeptieren. Im Rahmen dessen, was politisch möglich ist, hat sich der Euro eigentlich wunderbar bewährt.

Beobachter: Aber nur weil die anderen Länder für die Schulden der Griechen geradestehen
Wellershoff: Die griechische Regierung hat immerhin einen Plan gefasst, wie sie die Defizite reduzieren will, das Parlament hat ihn verabschiedet. Dabei haben sie Strassenschlachten und Generalstreik in Kauf genommen. Aus dem Nicht-Euroland Grossbritannien dagegen, wo die Staatsverschuldung ebenfalls enorm hoch ist, vernimmt man ausser Absichtserklärungen nichts.

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Beobachter: Warum haben die Märkte Griechenland und nicht Grossbritannien angegriffen?
Wellershoff: Die Griechen haben einen grossen Nachteil: Das Land ist relativ klein. Und gegen kleine Märkte kann man mit wenig Masse viel erreichen. Der Marktwert aller griechischen Staatsschulden ist nur so gross wie das britische Defizit des laufenden Jahrs. Doch gegen Grossbritannien zu spekulieren ist ungleich schwieriger. Und: Auch das Pfund ist stark abgewertet worden, nur hat das den Briten bisher nichts genützt.

Beobachter: Ist die Eurokrise der ultimative Beweis, dass ein EU-Beitritt der Schweiz ein Fehler wäre?
Wellershoff: Das eine hat nichts mit dem andern zu tun.

Beobachter: Warum nicht?
Wellershoff: Die EU ist mehr als ein Wirtschaftsprojekt. Und die Staatsverschuldung taugt nicht als Argument gegen sie. Die Amerikaner haben praktisch die gleich hohe Schuldenquote wie die Europäer. Unter den Industrieländern sticht eigentlich nur Japan hervor – weil es doppelt so hoch verschuldet ist.

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Beobachter: Auch die Schweiz sticht hervor
Wellershoff: Genau. Mit rund 38 Prozent ist die Verschuldungsquote halb so hoch wie in den EU-Ländern oder in den USA. Die Schweiz steht im Vergleich hervorragend da.

Beobachter: Via Internationalen Währungsfonds zahlt die Schweiz 690 Millionen an die Griechen; die Nationalbank stützt den Euro jeden Tag mit bis zu zehn Milliarden. Kann das ewig gutgehen?
Wellershoff: Die Frage ist nicht, ob, sondern wie lange das ohne Konsequenzen bleibt. Wenn die Nationalbank weiter intervenieren muss, bläht das unweigerlich die Geldmenge auf. Das muss irgendwann Inflation erzeugen.

Beobachter: Wie gross ist diese Gefahr?
Wellershoff: Ohne die aktuelle Frankenstärke würden wohl schon in diesem Sommer die Zinsen in der Schweiz angehoben werden. Das scheint im Moment ausgeschlossen. Aber: Jedes Quartal, in dem die Nationalbank die Zinsen nicht anhebt, dürfte dazu führen, dass die Teuerung in zwei, drei Jahren rund 0,2 Prozent höher sein wird.

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Beobachter: Das klingt nach wenig.
Wellershoff: Angesichts der aktuell sehr tiefen Zinsen ist das aber ziemlich viel. Und höhere Zinsen haben fundamentale Auswirkungen – zum Beispiel auf den Konsum oder die Mieten. Alles wird teurer.

Beobachter: Also doch ein kräftiger Inflationsschub?
Wellershoff: Diese Sorge ist für mich nachvollziehbar. Die Probleme der Staatsverschuldung sind aber ungleich gefährlicher. Die Lage ist nach wie vor dramatisch. Kriegen die Regierungen das Problem nicht in den Griff, droht eine schwere Weltwirtschaftskrise.

Beobachter: Was raten Sie?
Wellershoff: Die Defizite abbauen. Unbedingt. Das zeigt ein Blick in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Damals war die Staatsverschuldung genauso hoch, aber die Regierungen entschieden sich für die Sanierung der Staatshaushalte. Das war die Basis für den folgenden Wirtschaftsaufschwung. Diese Entschlossenheit fehlt heute komplett.

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Beobachter: Bremst diese Krise den Wirtschaftsaufschwung in der Schweiz?
Wellershoff: Bei aller Sorge um die Margen der Exporteure – sie können auch mit einem harten Franken leben. Sie sind in den letzten Jahren wettbewerbsfähiger geworden. Die Lohnstückkosten in der Schweiz sind weniger gestiegen als anderswo. Das macht den Unterschied.

Beobachter: Sie sind nicht besorgt?
Wellershoff: Es scheint, als hätte die Krise den Wirtschaftsstandort Schweiz noch attraktiver gemacht – ohne dass wir viel dazu getan haben. Das ist sehr positiv. Es sichert die weitere Zuwanderung von Fachkräften, und das erzeugt mehr Wachstum.

Beobachter: Schlechtere Wirtschaftsaussichten betreffen doch auch unsere Altersvorsorge?
Wellershoff: Wir müssen uns damit abfinden, dass unsere Pensionskassen in Zukunft nur noch bescheidene Erträge erwirtschaften. Denn alles, was eine lange Laufzeit hat – Kassenobligationen, Obligationen generell, aber auch Aktienanlagen –, verliert an Attraktivität. Nur die Immobilienpreise steigen weiter. Wohneigentum wird teurer.

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Beobachter: Müssen die Sparer um ihr Geld fürchten?
Wellershoff: Es scheint ja so, dass in der Schweiz alle Banken eine Staatsgarantie haben (grinst). Da würde ich mir keine Sorgen machen. Es ist aber sicher nicht unklug, sein Geld vorsichtig anzulegen.

Beobachter: Sparen statt spekulieren?
Wellershoff: Es gibt Phasen, in denen die Vermögenswerte schneller wachsen, wie das in den letzten 30 Jahren der Fall war. Jetzt kommen wohl Jahre, in denen Vermögen langsamer wachsen – wenn überhaupt. Ehrliche Arbeit bringts wieder.