Beobachter: Herr Kappeler, wo ruht eigentlich Ihr gespartes Geld?
Beat Kappeler: Ich besitze seit vielen Jahren ein Eigenheim. Die übrigen Ersparnisse liegen auf der Bank oder sind in Wertschriften angelegt.

Beobachter: Auch in Aktien?
Kappeler: Ja, ich habe auch Aktien. Allerdings weniger als auch schon.

Beobachter: Warum weniger?
Kappeler: In den luftigen Höhen dieser Tage muss man etwas vorsichtiger sein.

Beobachter: Haben Sie als ehemaliger Gewerkschafter keine Angst, mit Ihren Anlagen Arbeitsplätze zu gefährden?
Kappeler: Nein. Ich habe schon als Gewerkschafter propagiert: Auch Arbeitnehmer sollten Aktien kaufen. In der Regel erlaubt das Aktiensystem, dass sehr viel Geld aus sehr vielen Quellen konzentriert für grosse Projekte zur Verfügung gestellt wird. Auch deshalb hat sich die westliche Gesellschaft so spektakulär entwickelt. Unglücksfälle sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Beobachter: «Unglücksfälle»? Tatsache ist doch, dass Firmen fusioniert, rentable Betriebe geschlossen und Angestellte entlassen werden, um die Rendite zu erhöhen und die Anleger zu befriedigen.
Kappeler: Negativ an unserem System ist natürlich, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Das gilt für die Anleger, den Arbeitgeber und die Angestellten. Es gibt kein verbrieftes Recht auf Arbeit an einem bestimmten Platz und für immer. Schauen wir zurück: Wenn sich unsere Vorfahren vor 100 Jahren dem Strukturwandel widersetzt hätten, wären die Arbeitsplätze heute noch in Wagnereien statt in Autofabriken.

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Beobachter: Aber auch Sie haben den Shareholder-Value schon als «öffentlich ausgehängte Fuchtel über den Manageretagen» kritisiert.
Kappeler: Wenn Investmentbanken für die Firmen eine Renditeerwartung bekannt geben, orientieren sich die Anleger daran. Hier wird übertrieben. Eine Firma muss über mehrere Jahre planen und darf nicht nur auf die nächste Quartalsrendite achten.

Beobachter: Doch wie können Kleinanleger und Kleinanlegerinnen verhindern, dass sie dieses Karussell antreiben und die eigenen Arbeitsplätze wegspekulieren?
Kappeler: Wer Aktien besitzt, sollte nicht unbedingt dem kurzfristigen Gewinn nachrennen. Wer sich fachlich beraten lässt oder auf Aktienfonds mit ethischen, ökologischen und sozialen Richtlinien setzt, kann durchaus vernünftig und langfristig investieren.

Beobachter: Die Versuchung auf den schnellen Gewinn bleibt dennoch gross.
Kappeler: Natürlich. Ich glaube aber, dass wir momentan die Spätphase einer überbordenden Börsenepoche erleben. In den letzten 17 Jahren hat sich die Optik sehr vieler Leute betrüblich verstellt.

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Beobachter: Wie meinen Sie das?
Kappeler: Diese Anleger setzen auf kurzfristige und teilweise unsolide Geschäfte, glauben an falsche Propheten, Grossfusionen und Megafirmen. Sobald sich die Börse korrigiert, werden Firmen wieder attraktiv, die heute nicht mit Spitzenrenditen glänzen.

Beobachter: «Ich besitze keine Aktien», denken viele. Warum vergessen viele Arbeitnehmer, dass ihre Pensionskassen Grossanleger sind?
Kappeler: Erstens kauften die Pensionskassen bis vor wenigen Jahren kaum Aktien. Und zweitens informieren viele Kassen sehr rudimentär. Eigentlich müssten alle Mitglieder einen Plan der Anlagen erhalten. Nur so können sie feststellen, ob sie mit dem Kurs einverstanden sind.

Beobachter: Haben die Angestellten denn wirklich eine Chance, Korrekturen am Anlagekonzept zu verlangen?
Kappeler: Tatsächlich kann mit den riesigen Geldmengen der zweiten Säule viel erreicht werden. Und auf das Schweizer System – mit der je hälftigen Vertretung der Arbeitgeber und der Angestellten – haben die Arbeitnehmer viel Einfluss. Leider nimmt die Belegschaft dies kaum wahr, und leider sind viele Stiftungsräte in Finanzfragen zu wenig versiert.

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Beobachter: Sie sagen das leicht resigniert.
Kappeler: Uberhaupt nicht. Denn unser wirtschaftliches und politisches System beruht darauf, dass nicht jedermann jederzeit alles überwachen muss. Allein die theoretische Möglichkeit der Kontrolle diszipliniert die Verantwortlichen.

Beobachter: Das ist eine etwas abstrakte Vorstellung.
Kappeler: Keineswegs. Nach dem Debakel der Landis-&-Gyr-Pensionskasse hagelte es Klagen und Drohungen gegen Stiftungsräte. Das hat Tausende von anderen Stiftungsräten hellhörig gemacht. Und die Kritik an der schnoddrigen Information der Adtranz-Chefs ist eine Warnung an alle anderen Manager. Die Breitenwirkung ist enorm, wenn Missstände behoben und die Verantwortlichen gepackt werden.

Beobachter: Die Gewerkschaft Smuv schlägt vor, dass die Arbeitnehmer in den Pensionskassen eine Anlagestrategie fordern, «die den Shareholder-Effekt bremst». Sind Sie damit einverstanden?
Kappeler: Nur wenn der kurzfristige Superprofit gemeint ist. Ich bin überzeugt, dass eine gute Rendite einem Unternehmen langfristig das Uberleben sichert. Wir sind zu stark in einem Null-Summen-Denken verhaftet.

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Beobachter: Nämlich?
Kappeler: Laut dem gängigen Vorurteil verlieren die Arbeiter, wenn die Firma gewinnt. Doch es gibt auch ein «Positiv-Summen-Spiel». Ein Unternehmen mit hoher Rendite ist in der Regel agil, flexibel, stark im Markt und gut geführt. All das kann für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur gut sein.

Beobachter: Sofern sie dem Stress standhalten. Auch am Weltwirtschaftsforum in Davos wird es jetzt wieder heissen: «besser, schneller, billiger». Wie lange geht das noch gut?

Beobachter: Nicht mehr lange. Wir befinden uns am Ende einer Ära, die den Arbeitsplatz verändert hat.
Kappeler: Nicht nur Maschinen, auch eine bessere Organisation hat die Produktivität erhöht. Die Folge sind Gruppenarbeit, mehr Eigenverantwortung, weniger Hierarchie – alles positive Schritte. Einige Unternehmen, die sich am kurzfristigen Shareholder-Value orientieren, verstehen neue Arbeitsmodelle primär als erhöhtes Tempo. Doch das ist völlig falsch.

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Beobachter: Aber die Realität.
Kappeler: Es ist tröstlich, dass Firmen in England und den USA wieder älteres Personal einstellen. Dank dem besseren Arbeitsmarkt ist dieser Trend auch in der Schweiz feststellbar. Erfahrung und strategisches Wissen werden wieder mehr geschätzt. Mit dem Resultat, dass die Arbeit nicht doppelt gemacht werden muss, weil man zu schnell rennt.

Beobachter: Der Rückblick auf die neunziger Jahre ist dennoch ernüchternd: Wenige haben sich an der Börse eine goldene Nase verdient; viele sind von Armut bedroht.
Kappeler: Diese Analyse ist mir zu einseitig. Es ist nicht abzustreiten, dass eine gewisse Schicht mit dem Börsenhoch sehr hohe Papiergewinne erzielt hat. Diese Papiere können aber auch wieder an Wert verlieren. Andererseits zeigen Studien, dass die Bedrohung durch Armut nicht zugenommen hat. Ich weible seit 25 Jahren dafür, dass die Leute Aktien kaufen. Hätten sie es getan, wäre heute die breite Masse am höheren Papierwert beteiligt.

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Beobachter: Vielleicht brauchen die Leute jeden Franken, um das tägliche Leben zu finanzieren.
Kappeler: Ich glaube nicht an die «Verelendungstheorie», wonach die meisten Leute am Existenzminimum leben.

Beobachter: Wie begründen Sie diese Aussage?
Kappeler: Vor 25 Jahren waren die Löhne real halb so hoch wie heute, und man lebte sehr gut. In unserer reichen Gesellschaft gibt es fast immer die Möglichkeit, zu sparen und ein kleines Vermögen zu bilden.

Beobachter: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Kappeler: Man kann zwischen 20 und 30 statt BMW nur Opel oder SBB fahren und jedes Jahr 5700 Franken steuerfrei in die dritte Säule einzahlen. Macht die Partnerin das auch, können sie als 30-Jährige mit fast 200000 Franken Startkapital eine Firma gründen oder ein Haus kaufen.

Beobachter: Das braucht Disziplin.
Kappeler: Aber es lohnt sich. Ich war schockiert über einen Kollegen beim Gewerkschaftsbund. Er müsse nicht sparen, sagte er, schliesslich gebe es die Sozialversicherungen. Ich finde es falsch, wenn man sich von zentralen Umverteilungskassen abhängig macht. Wer sich finanziell ein Stück Freiheit schafft, kann auch einmal Nein sagen: «Nein, so arbeite ich nicht, ich kündige, ich mache etwas anderes, ich werde selbstständig.»

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Beobachter: Sogar der Exspekulant Werner K. Rey sagt, «dass der Durchschnittsbürger in völlig ungenügender Form vom Wirtschaftswachstum und Börsenboom profitiert hat».
Kappeler: Herr Rey ist für mich kein Experte für soziologische Studien. Die Bevölkerung hat sehr wohl profitiert. Es ist der Schweiz gelungen, die Industrie zu modernisieren, einen guten Dienstleistungssektor aufzubauen, wieder nahezu Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Schweiz ist heute reicher und gefestigter als vor zehn Jahren.

Beobachter: Warum sind denn so viele Menschen verunsichert und haben Angst vor Armut?
Kappeler: Die Krisenjahre haben Spuren hinterlassen; aber es gibt nicht ein Heer von ewig Armen. Armut betrifft häufig nur einen Lebensabschnitt. Studenten, Einwanderer, Verwitwete, junge Familien oder Alleinerziehende stehen nach kurzer Zeit finanziell wieder besser da. Für diese Fälle braucht es ein gutes soziales Auffangnetz. Ein Netz aber, aus dem man sich mit Eigeninitiative wieder befreien können muss.

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Beobachter: Ihre Thesen sind für viele Linke zu liberal. Könnten Sie noch Gewerkschafter sein?
Kappeler: Problemlos. Ich würde wie früher primär für faire Löhne kämpfen. Auch jetzt meine ich, dass die Wirtschaft durchrationalisiert ist und die Löhne steigen müssen. Nur in zweiter Linie sollten Gewerkschaften für immer bessere Sozialversicherungen kämpfen. Die haben wir – und der Staat kann nicht in jede Lücke springen.

Zur Person: Der 53-jährige Politikwissenschaftler Beat Kappeler war von 1977 bis 1992 Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Heute ist er Autor bei der «Weltwoche».

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