Obwohl der Trick ganz einfach war, funktionierte er während Jahren. Als einstiger Bürochef des italieni­schen Gewerkschaftsberatungsbüros Inca stellte A. G. im Namen seiner Klienten bei den Pensionskassen Auszahlungsanträge und liess sich deren gesamtes Alterskapital auf sein privates Konto überweisen. Dazu fälschte er Unterschriften und Auszahlungs­anträge, und er besorgte sich gleich noch einen Stempel zur Beglaubigung der Unterschriften. Damit die Machenschaften nicht auffielen, zahlte er den Pensionären teils während Jahren Renten aus. Erst als die Zahlungen ausblieben, flog die Sache Anfang 2009 auf. A. G. wurde verhaftet (siehe Artikel zum Thema «Pensionskasse: Altersguthaben geplündert – und niemand will helfen»).

Der renommierte Sozialversicherungsexperte Ueli Kieser analysierte – mit finanzieller Unterstützung der Stiftung SOS Beobachter – drei der 40 Fälle von Rentnern, die nun ohne Altersguthaben dastehen. Das Fazit des Rechtsanwalts: «In diesen Fällen haben die Pensionskassen die Auszahlungen zu wenig genau geprüft.» Kieser spricht von «auffälligen Unstimmigkeiten, die mit einer seriösen Kontrolle hätten entdeckt werden müssen».

«Sorgfaltspflicht stets wahrgenommen»

Die drei Musterfälle betreffen die Swiss Life, die Freizügigkeitsstiftung der UBS sowie die Stiftung Auffanggesellschaft BVG. Obwohl von Kieser mit den Fakten konfrontiert, weigern sich die drei Vorsorge­einrichtungen, für ihre Fehler geradezustehen und den Rentnern das Alterskapital auszuzahlen. Gegenüber dem Beobachter beteuern die drei Pensionskassen fast wortgleich: Man habe «die Sorgfaltspflichten stets wahrgenommen».

Vom mutmasslichen Betrüger hinters Licht führen liessen sich unter anderem auch die Axa Winterthur und mehrere Freizügigkeitsstiftungen von ZKB, Credit Suisse und der Neuen Aargauer Bank. Bei allen Vorsorgeinstituten versuchen die Betroffenen, ihr Alterskapital wieder zurückzu­erhalten. Doch bei allen beissen sie auf Granit. Marco Tommasini, Sohn eines betroffenen Rentners und Sprecher der Geschädigtengruppe: «Es ist unglaublich, wie sich die Pensionskassen aus der Verantwortung stehlen.»

Zum Beispiel der 67-jährige R. T. Er hatte bereits vor einigen Jahren mit Blick auf seine Pensionierung ein «Gesuch um Teilauszahlung der Altersleistung in Kapitalform» unterzeichnet. Seine Pensionskasse musste damit wissen, dass er nur einen Teil seines gesparten Kapitals als Barbetrag beziehen wollte. Trotzdem bezahlte Swiss Life dann das gesamte Sparkapital aus – auf das Bankkonto des mutmasslichen Betrügers, der ohne Wissen des Betroffenen und mit gefälschten Unterschriften die Auszahlung des gesamten Betrags eingeleitet hatte.

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Sozialversicherungsexperte Kieser: «Im Vergleich zu einfachen Zahlungsaufträgen ist es erstaunlich, wie locker diese Pensionskassen grosse Summen auszahlen.» Offensichtlich ist keine der betroffenen Vorsorgeeinrichtungen auf die Idee gekommen, sich das Konto genauer anzuschauen, auf das sie Hunderttausende von Franken überwiesen. Meistens gab A. G. auf dem Auszahlungsantrag ein Konto bei der Aargauischen Kantonalbank an, lautend auf Inca, Zürich. Hätten die Pensionskassen dieses Konto geprüft, wäre schnell klar geworden, dass es sich um die private Bankverbindung von A. G. handelte.

Auch Banken haben geschludert

«Offensichtlich braucht es wieder einmal ein Gerichtsurteil, um den Pensionskassen ihre Verantwortung aufzuzeigen», sagt Kieser. Bei den geprüften Fällen sieht er bei einem Gerichtsverfahren gute Chancen. Denn zum Schutz der Versicherten gelten hohe Anforderungen an Pensions­kassen: «Bei einem auch geringen Verschul­den sind die Vorsorgeeinrichtungen verpflichtet, das Alters­kapital noch einmal auszuzahlen», so Kieser.

Doch nicht nur die Pensionskassen müssen sich Vor­würfe gefallen lassen, auch die Banken. Bei der Aargaui­schen Kantonalbank, über die A. G. mehrere Pensionskassengelder auszahlen liess, konnte er erstaunlich einfach ein Konto auf den Namen seines Arbeitgebers eröffnen. Gemäss internen Unterlagen eröffnete die Bank Ende 2004 ein Konto auf: «I.N.C.A.; Inhaber A. G., Luisenstrasse 29, 8005 Zürich».
Eine einfache Adresskon­trolle hätte ergeben, dass es sich bei «I.N.C.A.» nicht um eine Einzelfirma im Besitz von A. G. handeln konnte. Die zuständige Bankangestellte tat das nicht, sie klärte folglich auch nicht ab, wer bei Inca für Bankgeschäfte befugt ist – A. G. war es nicht. Stattdessen wurde die Kontoeröffnung bankintern von zwei Personen kontrolliert, signiert und so für gut befunden. Später wechselte A. G. problemlos die Anschrift und setzte seine Privatadresse ein.

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Ursula Diebold, Sprecherin der Aar­gauischen Kantonalbank, sagt dazu: «Wir haben keine Pflicht, die frei wählbare Bezeichnung einer Einzelfirma sowie deren Adresse zu verifizieren. Die Bank hat bei der Kontoeröffnung keine Sorgfaltspflicht verletzt.» Die Anwälte zweier Geschädigter sind anderer Meinung. Sie sehen die Vereinbarung über die Standesregeln zur Sorg­faltspflicht der Banken verletzt und prüfen eine Anzeige bei der Aufsichtskommission der Schweizerischen Bankiervereinigung.

Teure Uhren, schöne Frauen

Wann sich der mutmassliche Betrüger vor Gericht verantworten muss, ist laut dem zuständigen Zürcher Staatsanwalt Hanno Wieser noch offen. Offenbar wurde A. G. vor wenigen Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Zwar bedauert er seine Taten. Doch damit ist den Geschädigten wenig geholfen. Denn von den mehreren Millionen Franken veruntreuter Altersspargelder fehlt jede Spur. Kolportiert wird, A. G. habe das Geld mit teuren Uhren und schönen Frauen sowie an der Zürcher ­Langstrasse verprasst. Andere berichten, er habe in Italien Liegenschaften gekauft.

Keine grosse Hilfe ist den betroffenen Rentnern ausgerechnet jenes Büro, das sich die Hilfe für italienische Gastarbeiter auf die Fahne geschrieben hat. Auf die Frage, wie Inca den Betroffenen konkret helfe, sagt Präsidentin und Unia-Gewerkschaf­terin Rita Schiavi lapidar: «Wir klären ab, ob Geschädigte Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe zugut haben.»