Beobachter: Gehört es neuerdings zu den Aufgaben der Gewerkschaften, die Pensionskassenrenten der Spitzenverdiener zu verteidigen?
Paul Rechsteiner: Wie kommen Sie darauf?

Beobachter: Sie haben lautstark verkündet, dass die Renten auf gar keinen Fall gekürzt werden dürfen, um marode Pensionskassen zu sanieren. Das schliesst die Renten der früheren Spitzenverdiener ein.
Rechsteiner: Von diesen hat niemand gesprochen. Wir vertreten die Interessen der Beschäftigten mit tiefen und mittleren Einkommen. Sie sind auf sichere Renten angewiesen, die wir verteidigen.

Beobachter: Der Konkurrenzverband Travail.Suisse ist der Ansicht, dass Rentnerinnen und Rentner mit guten Leistungen im überobligatorischen Bereich nötigenfalls auch einen Beitrag leisten müssten, um eine Pensionskasse zu sanieren.
Rechsteiner: Wer das verlangt, hat nicht begriffen, dass die Renten im Obligatorium, das es ja erst seit 1985 gibt, oft ungenügend sind. Viele ältere Menschen würden bei Rentensenkungen in Not geraten. Die Renten der unteren und der mittleren Einkommen, die bei Pensionskassenpleiten durch den Sicherheitsfonds gesichert sind, dürfen auch im Sanierungsfall nicht angetastet werden. Wir warnen davor, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Rentenkürzungen schaden auch der heute aktiven Generation.

Beobachter: Immerhin haben viele der Kassen, die jetzt in Schwierigkeiten stecken, ihren Versicherten in guten Börsenzeiten grosszügige Vergünstigungen gewährt. Es wäre doch gerecht, von jenen Rentnern, die damals profitiert haben, auch einen Beitrag zur Sanierung zu verlangen.
Rechsteiner: In Schwierigkeiten sind schlecht geführte Pensionskassen, die während des Börsenbooms übertrieben in Aktien eingestiegen sind und keine Reserven gebildet haben. Abgesehen von den Versicherungskonzernen, handelt sich dabei wohl um Ausnahmen, nicht um die Regel. Wo die Arbeitgeber von Vergünstigungen profitiert haben, müssen sie das kompensieren.

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Beobachter: Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass jede zweite Pensionskasse eine Unterdeckung aufweist.
Rechsteiner: Diese Unterdeckungen sind oft vorübergehender Natur; man muss den Kassen Zeit geben, sich zu erholen. Statt einer seriösen Lageanalyse erleben wir eine Panikmache, an der sich leider auch Bundesrat Couchepin beteiligt. Volkswirtschaftlich ist es dumm, den Versicherten gerade heute massiv höhere Beiträge aufzubürden und mit Rentensenkungen zu drohen. Damit wird die Krise in einem sowieso übersparten System noch verschlimmert.

Beobachter: Viele Erwerbstätige werden aber bereits jetzt von ihren Pensionskassen und Sammelstiftungen mit massiven Prämienerhöhungen zur Kasse gebeten.
Rechsteiner: Tatsächlich versucht sich zum Beispiel die Rentenanstalt, die Milliarden in den Sand gesetzt hat, nun auf dem Buckel der Erwerbstätigen gesundzustossen. Die Gewerkschaften bekämpfen die teilweise extremen Prämienaufschläge. Falls Sanierungen nötig sind, müssen die Kosten zu mindestens zwei Dritteln von den Arbeitgebern übernommen werden, entsprechend ihrem Anteil an der Verantwortung.

Beobachter: In den Stiftungsräten der Kassen sind allerdings auch die Gewerkschaften vertreten. Hat deren Kontrolle versagt?
Rechsteiner: Wo die Mitbestimmung funktionierte, sind die Pensionskassen in der Regel in einem guten Zustand. Leider ist die paritätische Verwaltung oft bloss eine Fassade. So besteht nicht einmal ein Kündigungsschutz für Stiftungsräte. Die Pensionskassenkrise zeigt, dass man wieder stärker auf die sozial und wirtschaftlich überlegene AHV setzen sollte.