Mit dem Umwandlungssatz wird das Altersguthaben in eine jährliche Rente umgerechnet. Für den obligatorischen Teil gilt ein Mindestumwandlungssatz. Er beträgt aktuell 7 Prozent für Männer und 6,95 Prozent für Frauen. Pro 100'000 Franken Sparguthaben erhalten Männer folglich 7000, Frauen 6950 Franken Rente pro Jahr. Wird der Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent gesenkt, werden es ab 2016 nur noch 6400 Franken für Männer wie Frauen sein. Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung fällt der Umwand­lungssatz bis 2014 auf 6,8 Prozent.

Nein, der tiefere Satz gilt nur für Neurenten. Die Befürworter einer Senkung argumentieren, dass Rentner von einem Nein ebenfalls betroffen wären: weil dann kein oder weniger Geld für einen Teuerungsausgleich der Renten bleibe.

Nur für diesen Teil der Vorsorge kann der Gesetzgeber den Umwandlungssatz bestimmen. Obligatorisch ist die berufliche Vorsorge für Arbeitnehmende ab 20'520 und bis 82'080 Franken Jahreslohn. Alles darüber ist freiwillig und wird überobligatorisch versichert. Dort haben Pensionskassen viel Handlungsspielraum: Legt man den obligatori­schen und den überobligatorischen Teil zusammen, lag der Umwandlungssatz für 2009 real zwischen 5,3 und 8 Prozent – ein Unterschied von 2700 Franken pro 100'000 Franken Sparkapital.

Bei einem zu hohen Umwandlungssatz müssen die Pensionskassen entweder grössere Risiken an den Kapitalmärkten eingehen, um die benötigten Erträge zu erzielen, oder die Beiträge der Berufstätigen erhöhen. Denn die Rentner erhalten bei einem zu hohen Umwandlungssatz mehr, als sie zugut haben. Das entspricht nicht der Idee der zweiten Säule. Ist der Umwandlungssatz zu hoch, sinkt auch der Deckungsgrad der Pensionskassen.

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Bei einem zu tiefen Satz bauen die Pensionskassen Reserven auf, die sie für Leistungsverbesserungen verwenden können. In jeder Kasse bestimmen Arbeitnehmer und Arbeitgeber paritätisch, was sie mit den Reserven tun. Der Mindestumwandlungssatz ist eine Mindestvorgabe: Es steht jeder Kasse frei, einen höheren Satz zu gewähren.

Die zweite Säule funktioniert nach dem Kapitaldeckungsverfahren. Jeder spart für sich und bezieht später aus seinem Sparkapital eine Rente. Bei deren Berechnung geht die Pensionskasse von zwei Annahmen aus: vom erwarteten Lebensalter des Versicherten und vom erwarteten Ertrag auf seinem Renten­kapital. Steigt die Lebenserwartung, muss das Sparkapital länger reichen und in kleinere Stücke geteilt werden.

Pensionskassen und Bundesrat stützen sich auf Statistiken ab, wonach Män­ner ab dem Pensionsalter durchschnittlich gut 20 und Frauen gut 23 Jahre ­leben werden. Die Gegner der Senkung berufen sich auf andere Zahlen und kommen auf eine mehr als drei Jahre tiefere Lebenserwartung. Unterschiedlich werden auch die künftigen Kapitalerträge eingeschätzt: Für den Bundesrat ist eine durchschnittliche Rendite von 4,3 Prozent realistisch, womit sich ein Umwandlungssatz von 6,4 Prozent ­finanzieren liesse. Für die Gegner der Vorlage sind mit Blick auf die letzten 25 Jahre durchschnittliche Erträge von über fünf Prozent weiterhin möglich.

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Quelle: Thinkstock Kollektion

«Die» Pensionskasse gibt es nicht. Kassen mit vielen Rentnern haben weniger Spielraum als «junge» Kassen. Zudem bieten die einzelnen Kassen auch ganz unterschiedliche Leistungen an und haben unterschiedlich gut gewirtschaftet. 2009 erzielten sie nach dem katastrophalen Jahr 2008 eine durchschnittliche Rendite von gut zehn Prozent. Trotzdem liegt der Deckungsgrad, über alle ­Kassen gerechnet und gewichtet nach der Zahl der Versicherten, nach wie vor unter 100 Prozent. Es braucht also weitere gute Jahre, um das System zu stabilisieren.

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Dann bleibt es vorerst bei der bereits beschlossenen Senkung des Umwandlungssatzes. Danach wird er bis ins Jahr 2014 auf 6,8 Prozent fallen. Der Bundesrat wird allerdings alle fünf Jahre überprüfen müssen, ob die gesetzlichen Bestimmungen zur Altersvorsorge tatsächlich eingehalten werden können. Ein wichtiges Kriterium dabei ist die langfristige Sicherheit des Pensionskassensystems.

Falls nötig, wird der Bundesrat deshalb korrigierend eingreifen müssen. Möglich ist dann eine Erhöhung der Beiträge oder eine stärkere Senkung des Umwandlungssatzes zu einem späteren Zeitpunkt. Rentensenkungen dagegen waren bis anhin tabu. Klar ist: Die aktiven Versicherten müssten dann für die fehlenden Mittel auf­kommen oder später tiefere Renten akzeptieren.

<h3>Pro</h3>

Ein Ja für sichere Renten

Klar, die Pensionskassen sind Selbstbedienungsläden. Versicherungskonzerne, Vermögensverwalter und alle Sorten Berater nehmen sie aus, mit überrissenen Gebühren, überzogenen Honoraren und unsinnigen Reportings. Deshalb ist es nur verständlich, dass man ihnen jetzt eins auswischen will.

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Klar, Pensionskassen sind so durchsichtig wie Mehlsuppe. Von Transparenz bei Sammel­stiftungen der Lebensversicherer keine Spur. Wie hoch die Verwaltungskosten sind, wissen wir nur ungefähr. Deshalb ist es verständlich, dass man ihnen jetzt eins auswischen will.

Klar ist auch: Die Pensionskassen spielen kräftig mit im Finanzkasino und haben in der letzten Börsenbaisse Milliarden verzockt. Des­halb ist es nur verständlich, dass man ihnen jetzt eins auswischen will.

Leider nützt das nichts. Wer mit seinem Nein zum tieferen Umwandlungssatz gegen Intransparenz, Selbstbedienungs- und Kasino­mentalität stimmt, liegt falsch. Damit löst man kein Problem der zweiten Säule. Im Gegenteil: Die Kassen werden gezwungen, noch grössere Risiken einzugehen, um die zu hohen Rentenversprechen einlösen zu können. Die Versicherungen werden nicht mehr Trans­parenz schaffen müssen. Und sie werden gleich viel verdienen, ob der Umwandlungssatz nun bei 6,8 oder bei 6,4 Prozent liegt.

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Und falls die Renditen dann doch höher ausfallen sollten und wir doch nicht so alt werden wie vorausgesagt, ist kein Rappen verloren. Die Kassen bilden dann einfach grössere Reserven, die sie für Leistungsverbesserungen nutzen können. Statt für einen unrealistisch hohen Umwandlungssatz zu kämpfen, wäre es besser, die Konstruktionsfehler der zweiten Säule zu korrigieren. Sie muss schlanker ­werden, damit unsere Vorsorgegelder ­endlich effizient und kostengünstig verwaltet werden. Denn nur tiefere Kosten bringen auf Dauer ­garantiert höhere Renten. Martin Vetterli, Beobachter-Redaktor

Quelle: Thinkstock Kollektion
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<h3>Kontra</h3>

Ein Nein gegen mehr Armut

Die von den bürgerlichen Parlamentariern gewollte zweite Senkung des Umwandlungssatzes trifft wieder einmal die Falschen. Betroffen sind vor allem Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen und minimalen Pensionskassen. Gerade sie müssen oft finanziell untendurch. Die Rente der Pensionskasse wird mit der AHV zusammen etwa 60 Prozent des letzten Einkommens ausmachen. Reicht das zum Leben? Kaum, demzufolge wird die Altersarmut ansteigen. Arbeitnehmer mit tiefen Einkommen haben keine Möglichkeit, in der dritten Säule zusätzlich Geld fürs Alter anzusparen. Ergänzungsleistungen und Fürsorge müssen dann noch mehr Lücken stopfen.

Vom tiefen Umwandlungssatz profitieren vor allem die Pensionskassen, allen voran die Versicherungsgesellschaften. Nun versuchen sie, ihre Pfründen zu sichern. Geld, das eigentlich den Versicherten gehört. Sie schrecken auch nicht vor Angstmacherei zurück. So behaupten sie, die Sicherheit und die Stabilität der beruflichen Vorsorge seien gefährdet.

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Mit ­tieferen Kosten und einer vernünftigen Anlagepolitik in der beruflichen Vorsorge müssten aber keine Renten gekürzt werden.

Apropos Rendite: Die gesunkenen Rendite­erwartungen seien der zweite Grund, den Um­wandlungssatz zu senken, so die Befürworter. Dabei locken doch gerade Versicherungs- und Bankberater ihre Kunden mit hohen Ertragsversprechen für ihre fondsgebundenen Versicherungen oder Vermögensverwaltun­gen. Da soll eine hohe Rendite möglich sein, in der Pensionskasse aber nicht? Das macht deutlich, wer von der Senkung des Umwandlungssatzes profitiert – bestimmt nicht die Versicherten. Die Probleme in der ersten und zweiten Säule dürfen nicht auf Kosten der sozial Schwächsten gelöst werden. Mit meinem Nein zur Senkung des Umwandlungssatzes stimme ich für die Sicherung der Renten der meisten Schweizerinnen und Schweizer. Marcel Weigele, Beobachter-Berater im Fachbereich Geld

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Quelle: Thinkstock Kollektion


Ein Ja empfehlen:
Bundesrat und Parlament, SVP, FDP, CVP, BDP, EVP

Ein Nein empfehlen:
SP und Grüne